Okklusionsanomalie
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Synonyme: Malokklusion, Gebissanomalie, Dysgnathie
Englisch: malocclusion, occlusal anomaly
Definition
Eine Okklusionsanomalie ist eine Abweichung von der physiologischen Okklusionsbeziehung zwischen Ober- und Unterkiefer, bei der Zahnstellung, Zahnkontakt oder Kieferrelation vom Normzustand abweichen.
Einteilung
Sagittale Okklusionsanomalien
Angle-Klassifikation
Die Angle-Klassifikation beschreibt sagittale Okklusionsanomalien anhand der Verzahnung der ersten bleibenden Molaren.
Angle-Klasse I (Neutralbiss)
Normale sagittale Molarenrelation bei gleichzeitig bestehenden Zahnfehlstellungen wie Engstand, Lückenstand, Rotationen oder Protrusionen.
Angle-Klasse II (Distalbiss)
Distale Molarenrelation mit posteriorer Lage des Unterkiefers relativ zum Oberkiefer.
Subtypen:
- Angle-Klasse II/1: Protrusion der oberen Frontzähne
- Angle-Klasse II/2: Retroinklination der oberen Frontzähne
Angle-Klasse III (Mesialbiss)
Mesiale Molarenrelation mit anteriorer Lage des Unterkiefers relativ zum Oberkiefer, häufig mit progenem Gesichtstyp assoziiert.
Vertikale Okklusionsanomalien
Tiefbiss (Deckbiss)
Verstärkte vertikale Überdeckung der unteren Frontzähne durch die oberen Schneidezähne.
Offener Biss (Apertognathie)
Fehlender vertikaler Zahnkontakt im Front- oder Seitenzahnbereich trotz Kieferschluss.
Transversale Okklusionsanomalien
Kreuzbiss
Transversale Fehlrelation, bei der Oberkieferzähne palatinal oder Unterkieferzähne bukkal fehlpositioniert sind.
Formen:
- Frontaler Kreuzbiss
- Lateraler Kreuzbiss (ein- oder beidseitig)
- Kopfbiss
Sagittale Zahnrelationsstörungen
Vergrößerter Overjet (Überbiss)
Vergrößerter horizontaler Abstand zwischen oberen und unteren Schneidezähnen.
Ätiologie
Die Entstehung von Okklusionsanomalien ist multifaktoriell bedingt.
Endogene Faktoren
- Genetische Disposition
- Angeborene Dysgnathien
- Zahnzahl- und Zahnanlagenanomalien
- Syndromale Erkrankungen
- Endokrinologische Wachstumsstörungen
Exogene Faktoren
- Parafunktionen und Habits (z.B. Daumenlutschen, Zungenpressen)
- Orofaziale Dysfunktionen und Mundatmung
- Frühzeitiger Milchzahnverlust
- Traumatische Kieferveränderungen
- Iatrogene Okklusionsstörungen
Diagnostik
Die Diagnostik erfolgt im Rahmen einer umfassenden kieferorthopädischen Untersuchung.
Klinische Untersuchung
- Extraorale Analyse (Gesichtsprofil, Symmetrie)
- Intraorale Befundung (Zahnstellung, Okklusion, Platzverhältnisse)
- Funktionsanalyse des Kiefergelenks
- Palpation der Kaumuskulatur
Apparative Diagnostik
- Modellanalyse
- Fernröntgenseitenbild mit kephalometrischer Auswertung
- Orthopantomogramm
- Intraorale Röntgenaufnahmen
- Fotodokumentation
- Instrumentelle Funktionsdiagnostik bei Bedarf
Klinik
Okklusionsanomalien sind in der Kieferorthopädie von zentraler Bedeutung, da sie Einfluss auf:
- Kaufunktion
- Artikulation
- Kiefergelenkbelastung
- Dentale und parodontale Strukturen
- Ästhetik und Gesichtsprofil
haben können. Unbehandelte Okklusionsanomalien können funktionelle Adaptationen und strukturelle Folgeschäden begünstigen.
Komplikationen
Dentale Folgen
- Erhöhte Karies- und Parodontitisanfälligkeit
- Zahnabrasion und Überlastung
- Traumarisiko protrudierter Frontzähne
Funktionelle Folgen
- Kauinsuffizienz
- Artikulationsstörungen
- Schleimhautverletzungen
Skelettale und muskuläre Folgen
- Craniomandibuläre Dysfunktion
- Kiefergelenkserkrankungen
- Muskuläre Dysbalancen im Kopf-Hals-Bereich
Psychosoziale Aspekte
- Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls
- Einschränkungen der sozialen Interaktion
Therapie
Die Therapie richtet sich nach Art, Schweregrad, Alter und Wachstumspotential des Patienten.
Kieferorthopädische Therapie
- Herausnehmbare Apparaturen
- Funktionskieferorthopädische Geräte
- Festsitzende Multibandapparaturen
- Aligner-Systeme
Prothetisch-funktionelle Maßnahmen
- Okklusionsschienen
- Restaurative Bisshebung
- Zahnersatz bei Zahnverlust
Kieferchirurgische Therapie
- Umstellungsosteotomien des Ober- und/oder Unterkiefers
- Bimaxilläre Korrekturen
- Distraktionsosteogenese
Prävention
- Frühzeitige Erkennung von Zahn- und Kieferfehlstellungen
- Habits-Prophylaxe
- Sicherung des Milchzahnbogens
- Förderung der Nasenatmung
- Kieferorthopädische Kontrolluntersuchungen im Kindesalter
Epidemiologie
Okklusionsanomalien zählen zu den häufigsten craniofazialen Abweichungen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung weist leichte Formen auf, während ein relevanter Anteil behandlungsbedürftige Fehlstellungen entwickelt.
Prognose
Bei frühzeitiger Diagnosestellung und adäquater Therapie ist die Prognose überwiegend günstig. Unbehandelte ausgeprägte Okklusionsanomalien können langfristig funktionelle, strukturelle und ästhetische Beeinträchtigungen verursachen.
Literatur
- Proffit WR et al.: Contemporary Orthodontics
- Schünke M et al.: PROMETHEUS LernAtlas der Anatomie
- Graber LW et al.: Orthodontics: Current Principles and Techniques