Paranuss
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LoslegenBotanisch: Bertholletia excelsa Bonpl.; Oleum Bertholletiae
Synonyme: Brasilnuss, Paranuß, Amazonennuss, Castanha-do-pará, Castanha-do-brasil, Paranussöl
Englisch: brazil nut
Definition
Die Paranuss ist der essbare Samen des Paranussbaums (Bertholletia excelsa Bonpl.) aus der Familie der Lecythidaceae. Botanisch handelt es sich nicht um eine echte Nuss, sondern um einen Samen aus einer großen, holzigen Kapselfrucht.
Hintergrund
Paranussöl (Oleum Bertholletiae) ist ein fettes Öl, das aus den Samen von Bertholletia excelsa gewonnen wird. Es wird vor allem als Speiseöl, kosmetischer Rohstoff und seltener als pharmazeutisch interessanter Pflanzenöl-Rohstoff beschrieben.
Botanik
Bertholletia excelsa ist ein großer tropischer Regenwaldbaum. In der Literatur werden Wuchshöhen von über 40 bis etwa 50 m beschrieben. Der Baum bildet große, harte, kokosnussähnliche Kapselfrüchte. Diese können zahlreiche dreikantige, hartschalige Samen enthalten, die als Paranüsse in den Handel gelangen.
Die Fruchtentwicklung ist langsam. In der Literatur wird eine Reifezeit von etwa einem Jahr beschrieben. Der Paranussbaum ist ökologisch eng an das Amazonasgebiet gebunden.
Vorkommen
Der Paranussbaum ist im tropischen nördlichen Südamerika heimisch. Er kommt vor allem im Amazonas- und Orinoco-Gebiet vor, unter anderem in Brasilien, Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien und Venezuela.
Gewinnung
Die Paranüsse werden meist aus abgefallenen, reifen Früchten gewonnen. Wegen der Empfindlichkeit gegenüber Feuchtigkeit und Schimmelbildung müssen die Samen nach der Ernte sachgerecht gewaschen, getrocknet und gelagert werden.
Paranussöl wird aus gereinigten und geschälten Samen gewonnen. Beschrieben sind zwei Verfahren:
- Pressung der gereinigten und geschälten Samen, z.B. mittels Spindelpresse
- Extraktion mit Lösungsmitteln, historisch unter anderem mit Petrolether
Gepresstes Öl wird in der Literatur als qualitativ günstiger beurteilt, da bei der Lösungsmittelgewinnung Rückstände möglich sind und fettlösliche Begleitstoffe stärker entfernt werden können.
Charakteristika
Paranussöl ist je nach Gewinnungsverfahren farblos bis gelblich. Gepresstes Öl wird als farblos bis hellgelb beschrieben, lösungsmittelextrahiertes Öl eher als dunkelgelb. Ranziges Öl kann deutlich dunkler erscheinen.
Der Geruch wird als angenehm süßlich, nussartig oder teilweise nahezu geruchlos beschrieben. Der Geschmack ist nussartig und angenehm. Paranussöl wird jedoch rasch ranzig und ist daher nur begrenzt lagerfähig.
Inhaltsstoffe
Paranüsse enthalten Lipide, Proteine, Aminosäuren, Mineralstoffe und Spurenelemente. Besonders bekannt ist ihr hoher, aber stark schwankender Selengehalt.[1]
Paranussöl enthält vor allem Triglyceride mit folgenden relevanten Fettsäuren:
- Ölsäure
- Linolsäure
- Palmitinsäure
- Stearinsäure
- geringe Anteile weiterer Fettsäuren, z.B. Myristinsäure, Palmitoleinsäure und Arachinsäure
Die Literaturwerte schwanken deutlich. Für Paranussöl werden je nach Quelle hohe Anteile an Ölsäure und Linolsäure angegeben. Damit zählt es zu den überwiegend ungesättigten Pflanzenölen.
Weitere beschriebene Inhaltsstoffe sind:
- Phytosterole, vor allem β-Sitosterol
- Stigmasterol
- Campesterol
- Tocopherole, darunter α-, β-, γ- und δ-Tocopherol
- Sitostanol
- α-Amyrin und β-Amyrin
- schwefelhaltige Aminosäuren, unter anderem Cystein und Methionin
- weitere Aminosäuren, unter anderem Glutamin, Glutaminsäure und Arginin
Als wichtiges Allergen der Paranuss gilt das Speicherprotein Ber e 1, ein 2S-Albumin. Weitere IgE-bindende Proteine wurden ebenfalls beschrieben.[2]
Wirkung
Die ernährungsphysiologisch wichtigste Besonderheit der Paranuss ist ihr hoher Selengehalt. Selen ist Bestandteil verschiedener Selenoproteine, darunter Glutathionperoxidasen und Selenoprotein P. Diese Proteine sind an antioxidativen Schutzsystemen, am Schilddrüsenhormonstoffwechsel, an Immunfunktionen und an weiteren zellulären Prozessen beteiligt.
Bei Personen mit niedriger Selenzufuhr kann eine moderate Paranusszufuhr Selenmarker im Blut verbessern.[3] Daraus ergibt sich jedoch keine krankheitsspezifische Therapieindikation. Paranüsse sind Lebensmittel und keine standardisierte Arzneidroge.
Paranussöl wirkt kosmetisch vor allem rückfettend und hautpflegend. Es kann den transepidermalen Wasserverlust nicht im engeren pharmakologischen Sinn "heilen", jedoch als Fettphase die Haut glatter und geschmeidiger erscheinen lassen.
Indikationen
Für Paranüsse oder Paranussöl bestehen keine allgemein anerkannten arzneilichen Indikationen.
Mögliche ernährungs- und kosmetikbezogene Anwendungsbereiche sind:
- ergänzende Selenzufuhr über die normale Ernährung
- Ernährung bei niedriger Selenzufuhr, z.B. bei selenarmen Böden oder streng pflanzlicher Ernährung
- Verwendung als Speiseöl
- kosmetische Anwendung bei trockener Haut
- Verwendung in Seifen, Cremes, Körperlotionen, Shampoos und Haarpflegeprodukten
Eine therapeutische Anwendung lässt sich aus den verfügbaren Daten derzeit nicht ableiten.
Anwendung
Paranüsse werden roh, geröstet oder in Back- und Süßwaren verwendet. Wegen des stark schwankenden Selengehalts sollte keine hohe oder dauerhafte Zufuhr zur Selbstsupplementierung erfolgen.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weist darauf hin, dass Paranüsse besonders selenreich sind und Radium anreichern können. Sie empfiehlt daher maximal zwei Paranüsse pro Tag.
Paranussöl sollte kühl, dunkel und gut verschlossen gelagert werden.
Nebenwirkungen
Mögliche unerwünschte Wirkungen sind:
- Nahrungsmittelallergie
- Kontaktdermatitis
- Pruritus
- Übelkeit
- Diarrhoe
- Schwellung im Mund-Rachen-Raum
- Larynxödem
- Anaphylaxie
Bei übermäßiger Selenzufuhr kann es zu einer Selenose kommen. Dafür ist jedoch ein regelmäßiger Verzehr größerer Mengen (5–10 Nüsse/Tag) notwendig – bei normalem Konsum ist eine Selenose unwahrscheinlich. Mögliche Symptome sind:
- metallischer oder knoblauchartiger Atemgeruch
- Übelkeit
- Diarrhoe
- Müdigkeit
- Reizbarkeit
- Hautveränderungen
- brüchige Nägel
- Haarausfall
- neurologische Beschwerden
Kontraindikationen
Zu den Kontraindikationen zählen:
- bekannte Allergie gegen Paranuss
- schwere Nussallergie oder frühere anaphylaktische Reaktion auf Schalenfrüchte
- bekannte Überempfindlichkeit gegen Paranussöl in Kosmetika
- bestehende Selenüberversorgung oder Verdacht auf Selenose
- gleichzeitige unkontrollierte Einnahme hochdosierter Selenpräparate
- Verzehr ranziger, muffiger oder schimmeliger Ware
Bei Schwangerschaft, Stillzeit und Kindern ist eine hohe oder regelmäßige Zufuhr zur Selbstsupplementierung nicht angezeigt. Eine normale, geringe Lebensmittelzufuhr ist davon abzugrenzen.
Wechselwirkungen
Spezifische Arzneimittelinteraktionen von Paranüssen oder Paranussöl sind nicht zuverlässig etabliert. Praktisch relevant ist vor allem die additive Selenzufuhr durch:
- Selenpräparate
- Multivitaminpräparate mit Selen
- angereicherte Lebensmittel
- häufigen Verzehr selenreicher Paranüsse
Bei bestehender Supplementierung sollte die zusätzliche regelmäßige Aufnahme von Paranüssen berücksichtigt werden.
Toxikologie
Die toxikologische Bewertung der Paranuss betrifft vor allem drei Aspekte:
- mögliche Belastung mit Schimmelpilzen und Aflatoxinen
- stark schwankender Selengehalt
- mögliche Anreicherung von Barium und Radium
Bei unsachgemäßer Trocknung und Lagerung können Paranüsse mit Schimmelpilzen und Aflatoxinen belastet sein. Aflatoxine sind toxische und kanzerogene Mykotoxine. Sichtbarer Schimmel, muffiger Geruch oder ranziger Geschmack sind Ausschlusskriterien für den Verzehr. Die Aflatoxine entstehen nicht durch die Pflanze selbst, sondern durch Schimmelpilzkontamination. Entscheidend sind Erntehygiene, Trocknung, Transport, Lagerung und Qualitätskontrolle.[4]
Der Selengehalt einzelner Samen kann stark variieren. Eine einzelne Paranuss kann daher deutlich unterschiedliche Mengen Selen liefern. Paranüsse eignen sich deshalb nicht als präzise dosierbares Selenpräparat.
Barium wird in der älteren Literatur als Bestandteil der Paranuss beschrieben. Toxikologisch relevant sind vor allem lösliche Bariumsalze. Der übliche Lebensmittelverzehr ist davon zu unterscheiden, dennoch spricht die Elementakkumulation gegen hohe Dauermengen.
Quellen
- ↑ Lima et al., Selenium Accumulation, Speciation and Localization in Brazil Nuts (Bertholletia excelsa H.B.K.), Plants (Basel), 2019
- ↑ Rundqvist et al., Solution structure, copper binding and backbone dynamics of recombinant Ber e 1-the major allergen from Brazil nut, PLoS One, 2012
- ↑ Simon et al., Improving the selenium supply of vegans and omnivores with Brazil nut butter compared to a dietary supplement in a randomized controlled trial, Eur J Nutr, 2025
- ↑ Esperança et al., Evaluation of the safety and quality of Brazil nuts (Bertholletia excelsa) using the tools of dna sequencing technology and aflatoxin profile, Front Nutr, 2024
Literatur
- Belitz et al., Lehrbuch der Lebensmittelchemie, 6. Auflage, Springer, 2008
- Selen – Referenzwerte (Deutsche Gesellschaft für Ernährung), abgerufen am 18.05.2026
- Krist, Lexikon der pflanzlichen Fette und Öle, 2. Auflage, Springer, 2013
- Selenium – Fact sheet for health professionals (National Institutes of Health, Office of Dietary Supplements), abgerufen am 18.05.2026
- Bertholletia excelsa Bonpl. – Plants of the World Online (Royal Botanic Gardens, Kew), abgerufen am 18.05.2026