Selen
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LoslegenSymbol: Se
Englisch: selenium
Definition
Selen ist ein essentielles Spurenelement, das im menschlichen Körper Bestandteil verschiedener Selenoproteine ist. Zu diesen gehören unter anderem Glutathionperoxidasen, Thioredoxinreduktasen, Selenoprotein P und Dejodasen.
Chemie
Selen besitzt die Ordnungszahl 34 und das Elementsymbol Se. Es ist ein Chalkogen und Nichtmetall im Periodensystem. Selen kann verschiedene Oxidationsstufen einnehmen und in unterschiedlichen allotropen sowie chemischen Formen vorliegen.
Stoffwechsel
Selen liegt im menschlichen Körper in einer Gesamtmenge von mehreren Milligramm vor. Ein großer Anteil befindet sich in der Skelettmuskulatur. Die Zufuhr erfolgt über die Nahrung in organischen und anorganischen Selenverbindungen. In Lebensmitteln liegt Selen überwiegend als Selenomethionin und Selenocystein vor. Die enterale Resorption ist vergleichsweise effizient, hängt aber unter anderem von der chemischen Form des Selens ab.
Im Blut wird Selen zu einem wesentlichen Teil an Selenoprotein P gebunden transportiert. Die Regulation des Selenhaushalts erfolgt vor allem über die renale Ausscheidung. Bei übermäßiger Aufnahme kann eine Selenose auftreten.
Bedarf
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt für die Selenzufuhr alters- und geschlechtsabhängige Schätzwerte für eine angemessene Zufuhr an. Für Jugendliche ab 15 Jahren und Erwachsene gelten:
- Männer: 70 µg/Tag
- Frauen: 60 µg/Tag
- Schwangere: 60 µg/Tag
- Stillende: 75 µg/Tag
Die Referenzwerte wurden unter anderem anhand der Sättigung von Selenoprotein P im Blut abgeleitet.[1]
Die EFSA hat 2023 die tolerierbare obere Zufuhrmenge (Tolerable Upper Intake Level, UL) für Erwachsene einschließlich Schwangerer und Stillender auf 255 µg Selen pro Tag gesenkt. Dieser Wert bezieht sich auf die langfristige Gesamtzufuhr aus allen Nahrungsquellen einschließlich Nahrungsergänzungsmitteln und ist keine Zufuhrempfehlung.[2]
Funktion
Selen ist Bestandteil von mindestens 25 bekannten menschlichen Selenoproteinen und erfüllt dadurch verschiedene physiologische Funktionen. Zu den Aufgaben gehören u.a.:[3]
- antioxidativer Zellschutz durch Glutathionperoxidasen
- Regulation des Schilddrüsenhormonstoffwechsels durch Dejodasen
- Beteiligung an Redoxreaktionen durch Thioredoxinreduktasen
- Funktionen im Immunsystem
- Beteiligung an Reproduktion und Spermatogenese
Versorgung
Der Selengehalt pflanzlicher Lebensmittel hängt wesentlich vom Selengehalt des Bodens ab. Dadurch können vergleichbare pflanzliche Lebensmittel je nach Herkunft unterschiedliche Selenkonzentrationen aufweisen. Tierische Lebensmittel wie Fisch, Fleisch und Eier tragen häufig relevant zur Selenzufuhr bei. Auch pflanzliche Lebensmittel können Selen liefern, wobei der Gehalt stärker von Boden und Herkunft abhängt. Eine vegetarische oder vegane Ernährung führt daher nicht zwangsläufig zu einem Selenmangel. Entscheidend sind Lebensmittelauswahl, Herkunft, Gesamtzufuhr sowie individuelle Faktoren.
Klinik
Selenmangel
Ein ausgeprägter Selenmangel ist in Deutschland bei gesunden Personen mit ausgewogener Ernährung vergleichsweise selten. Ein erhöhtes Risiko kann bestehen bei:
- ausgeprägter Malabsorption
- langdauernder parenteraler Ernährung ohne ausreichende Selenzufuhr
- schweren chronischen Erkrankungen
- stark eingeschränkter oder einseitiger Ernährung
Ein Selenmangel kann die Funktionen selenabhängiger Enzyme beeinträchtigen und sich insbesondere auf antioxidative Schutzsysteme sowie den Schilddrüsenhormonstoffwechsel auswirken. Klassisch mit schwerem Selenmangel assoziiert ist die Keshan-Krankheit, eine endemische Kardiomyopathie, die vor allem in Regionen mit sehr selenarmen Böden beschrieben wurde.
Weitere mögliche Folgen eines ausgeprägten Mangels können Veränderungen von Muskel- und Immunfunktion sein. Ein Zusammenhang zwischen Selenstatus und verschiedenen malignen Erkrankungen wird untersucht. Eine generelle Krebsprävention durch Selensupplementierung ist jedoch nicht belegt.[4]
Supplementierung
Selen wird als Nahrungsergänzungsmittel unter anderem zur Unterstützung normaler Schilddrüsen- und Immunfunktionen sowie zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress angeboten.
Eine Supplementierung sollte sich an der individuellen Versorgungssituation und einer medizinischen Indikation orientieren. Eine routinemäßige hochdosierte Einnahme ohne konkreten Bedarf ist nicht sinnvoll, da eine Überversorgung toxische Wirkungen verursachen kann.
Toxizität
Eine akute oder chronische übermäßige Selenaufnahme kann zu einer Selenose führen.
Mögliche Symptome sind:
- Knoblauchgeruch des Atems
- gastrointestinale Beschwerden
- Kopfschmerzen
- Müdigkeit oder Reizbarkeit
- Veränderungen an Haaren und Nägeln
Bei ausgeprägter Intoxikation können auch neurologische Symptome auftreten.
Labormedizin
Zur Beurteilung des Selenstatus werden meist die Selenkonzentrationen in Serum oder Plasma bestimmt.
Material
Für die Untersuchung wird in der Regel Serum oder Plasma verwendet. Je nach Fragestellung können auch Vollblut oder Urin untersucht werden.
Referenzbereich
Die Referenzbereiche können altersabhängig variieren. Als grobe Orientierung gelten bei gesunden Erwachsenen Serum- bzw. Plasmakonzentrationen ab etwa 80 µg/l als ausreichend für die Synthese wichtiger Selenoproteine.
Hinweis: Referenzwerte sind häufig vom Messverfahren abhängig und können von den o.a. Werten abweichen. Ausschlaggebend sind die Referenzwerte, die vom Labor angegeben werden, das die Untersuchung durchführt.
Interpretation
Die Selenkonzentration in Serum oder Plasma spiegelt vor allem die aktuelle bzw. kurzfristige Versorgung wider. Als funktionelle Marker können unter anderem herangezogen werden:
- Selenoprotein P
- Glutathionperoxidase 3
Diese Marker sind jedoch nicht ausschließlich vom Selenstatus abhängig und können beispielsweise durch Entzündung oder oxidativen Stress beeinflusst werden. Die Bestimmung im Vollblut kann den längerfristigen Selenstatus besser widerspiegeln als eine alleinige Serum- oder Plasmamessung.
Erhöhte Werte
Erhöhte Selenkonzentrationen können unter anderem auftreten bei:
- übermäßiger Einnahme selenhaltiger Nahrungsergänzungsmittel oder Arzneimittel
- beruflicher oder umweltbedingter Exposition
- akuter oder chronischer Selenintoxikation
Erniedrigte Werte
Erniedrigte Selenkonzentrationen können unter anderem auftreten bei:
- Malabsorption
- langdauernder parenteraler Ernährung ohne ausreichende Substitution
- sehr niedriger Selenzufuhr
- schweren chronischen Erkrankungen
Ein erniedrigter Serum- oder Plasmawert sollte immer im klinischen Kontext interpretiert werden.
Quellen
- ↑ Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für Selen, abgerufen am 21.09.2026
- ↑ Turck et al., Scientific opinion on the tolerable upper intake level for selenium, EFSA Journal, 2023
- ↑ National Institutes of Health, Office of Dietary Supplements: Selenium – Fact Sheet for Health Professionals, abgerufen am 21.09.2026
- ↑ Deutsche Gesellschaft für Ernährung: FAQ Selen, abgerufen am 21.09.2026
Literatur
- R Gärtner, B Gasnier, J Dietrich, B Krebs und M Angstwurm (2002). "Selenium Supplementation in Patients with Autoimmune Thyroiditis Decreases Thyroid Peroxidase Antibodies Concentrations." J Clin Endocrinol Metab 87 (4): 1687-91.
- Horn, Biochemie des Menschen, Georg Thieme Verlag Stuttgart, 8. Auflage 2021, Seiten 604/605