Bitte logge Dich ein, um diesen Artikel zu bearbeiten.
Bearbeiten

Ventrikuläre Tachykardie

(Weitergeleitet von Kammertachykardie)

Synonym: Kammertachykardie
Abkürzung: VT
Englisch: ventricular tachycardia

1 Definition

Ventrikuläre Tachykardien, kurz VT, sind tachykarde Arrhythmien des Herzens mit Ursprung distal des His-Bündels. Eine ventrikuläre Tachykardie ist stets als Notfall zu betrachten.

2 Formen

Grundsätzlich kann man je nach Kammerfrequenz drei Ausprägungen der ventrikulären Tachykardie unterscheiden:

Diese Einteilung ist willkürlich, da die verschiedenen Formen stufenlos ineinander übergleiten. Manche Autoren fassen Kammerflattern und -flimmern zusammen (Kammerflimmern ab 250/min).

Eine Sonderform der ventrikulären Tachykardien ist das QT-Syndrom mit Torsade-de-Pointes-Tachykardien.

3 Klassifikation

3.1 ...nach der Form des QRS-Komplexes

  • monomorphe VT: der Kammerkomplex erscheint immer gleich
  • polymorphe VT: der Kammerkomplex verändert sich von Herzschlag zu Herzschlag

3.2 ...nach der Dauer der ventrikulären Tachykardie

  • nichtanhaltende VT (non-sustained VT): Dauer ≤ 30 Sekunden (> 2 hintereinander folgende Kammerkomplexe, Frequenz über 120 bpm)
  • anhaltende VT (sustained VT): Dauer > 30 Sekunden

3.3 ...nach Auswurfleistung des Herzens

4 Ätiologie

Eine ventrikuläre Tachykardie entsteht meist auf dem Boden einer koronaren Herzerkrankung oder nach einem Herzinfarkt.

Weitere mögliche Ursachen sind unter anderem:

Etwa 5 % der ventrikulären Tachykardien haben eine unklare Ätiologie. Sie werden daher als idiopathisch bezeichnet.

5 Pathogenese

Eine ventrikuläre Tachykardie entsteht meistens durch kreisende Erregungen (Reentry-Mechanismus). Seltener kann eine gesteigerte Automatie (Erregungsbildung in der Kammer) des Myokards verantwortlich sein.

6 Klinik

Bei leichten Formen der ventrikulären Tachykardie (bis 150/min) verspürt der Patient evtl. ein Herzrasen oder Palpitationen und ist zunächst wenig beeinträchtigt. Erst bei längerem Bestehen kann es zu Pumpversagen und Dekompensation (Folge: Dyspnoe, Lungenödem) kommen.

Schwere Formen (Kammerflimmern, Kammerflattern) führen immer zu einer hämodynamischen Instabilität. Der Übergang vom Kammerflattern zum Kammerflimmern ist fließend. Während beim Kammerflattern noch mit einem stark insuffizienten Auswurf des Herzen gerechnet werden kann, ist das Kammerflimmern immer ohne Auswurf - es kommt zum Kreislaufstillstand mit Bewusstseinsverlust (Synkope) und Schock (kardiogener Schock). Der Patient ist reanimationspflichtig und es muss umgehend eine kardiopulmonale Reanimation (CPR) nach aktuellen Leitlinien durchgeführt werden.

7 Diagnostik

Die Diagnose einer ventrikulären Tachykardie kann per EKG gestellt werden. Es zeigt sich eine regelmäßige Tachykardie (100-250/min). Typisch sind weiterhin breite, schenkelblockartig deformierte Kammerkomplexe (QRS > 0,12 s), die ohne Zusammenhang zur Vorhofaktion (AV-Dissoziation) in Erscheinung treten.

Bei rechtsschenkelblockartiger QRS-Morphologie findet sich in V1 meist ein mono- oder biphasischer QRS-Komplex. In V6 präsentiert sich eine tiefe S-Zacke (R/S < 1).
Bei linksschenkelblockartiger QRS-Morphologie findet sich in V1 ein rS-Komplex, der sich durch eine Kerbung in der S-Zacke auszeichnet. In V6 findet sich eine Q-Zacken.

Im Rahmen einer ventrikulären Tachykardie können einzelne Vorhofaktionen komplett übergeleitet werden und so zu einem normal konfigurierten QRS-Komplex zwischen der ansonsten monomorph geprägten Breitkomplextachykardie führen. Diese werden als "capture beats" bezeichnet.
Wird eine einzelne Vorhofaktion nur partiell übergeleitet, so kommt es im EKG zu einer Art Mischbild zwischen normalem QRS und Schenkelblockbild. Diese werden Fusionsschläge oder "fusion beats" genannt. Diese intermittierend auftretenden Fusionsschläge und "capture beats" können besonders gut in einem langen EKG-Streifen detektiert werden.

Ein weiterer Hinweis für die ventrikuläre Tachykardie können konkordante QRS-Komplexe in den Brustwandableitungen sein. Es finden sich also in den Ableitungen V1 bis V6 nur positive oder nur negative Ausschläge. Man spricht dann von einer positiven (alle Ausschläge positiv) oder negativen (alle Ausschläge negativ) Konkordanz.

7.1 Differentialdiagnose

Eine supraventrikuläre Tachykardie mit aberranter Leitung kann eine ventrikuläre Tachykardie vortäuschen.

8 Therapie

Die VT stellt eine lebensbedrohliche Rhythmusstörung dar, die unverzüglich behandelt werden sollte.

8.1 Pharmakologische Therapie

In der Therapie der VT kommen Antiarrhythmika zum Einsatz. Bei Patienten ohne Herzinsuffizienz ist Ajmalin Mittel der ersten Wahl (50 mg i.v. langsam über 5 min unter EKG Kontrolle). Patienten mit Herzinsuffizienz werden mit Amiodaron (300 mg i.v. langsam über 5 min) behandelt. Weiterhin ist eine Sauerstoff-Gabe per Nasensonde oder Maske indiziert.

8.2 Elektrokardioversion

Bei drohendem kardiogenen Schock, drohendem Lungenödem, sowie bei Versagen der medikamentösen Therapie ist die Kardioversion in Kurznarkose oder die Defibrillation das Verfahren der Wahl.

Bei der Kardioversion wird ein Gleichstromstoß (200 J) EKG-gesteuert in die nichtvulnerable Phase der Herzaktion getriggert. Sie ist daher vor allem bei niedrigfrequenten Formen der ventrikulären Tachykardie mit hämodynamischer Instabilität geeignet. Einem durch diesen Stromstoß ausgelösten Kammerflimmern kann dadurch vorgebeugt werden.

Bei Bewusstlosigkeit oder bereits bestehendem Kammerflattern/Kammerflimmern sollte ohne EKG-Synchronisation sofort defibrilliert werden.

8.3 Behandlung der Grunderkrankung

Nach Beendigung der VT sollte eine Therapie der zugrundeliegenden Erkrankung folgen, z.B. durch Revaskularisationsmaßnahmen bei Infarkt oder instabiler KHK.

9 Rezidivprophylaxe

Rezidivierendes Kammerflimmern oder ventrikuläre Tachykardien außerhalb eines Infarktgeschehens, die medikamentös nicht sicher zu beherrschen sind, stellen eine Indikation zur Implantation eines Kardioverter-Defibrillators (ICD) dar. Dieser defibrilliert bei Bedarf automatisch. Bei Postinfarktpatienten und bei Patienten mit Herzinsuffizienz können weiterhin Betablocker angewendet werden. Sie vermindern die Inzidenz eines plötzlichen Herztodes um etwa 40 %.

Diese Seite wurde zuletzt am 16. Oktober 2020 um 15:44 Uhr bearbeitet.

Um diesen Artikel zu kommentieren, melde Dich bitte an.

Klicke hier, um einen neuen Artikel im DocCheck Flexikon anzulegen.

Artikel wurde erstellt von:

Letzte Autoren des Artikels:

39 Wertungen (3.85 ø)

278.680 Aufrufe

Hast du eine allgemeine Frage?
Hast du eine Frage zum Inhalt?
Copyright ©2020 DocCheck Medical Services GmbH | zur mobilen Ansicht wechseln
DocCheck folgen: