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Dermatitis digitalis (Wiederkäuer)

Synonyme: Mortellaro-Krankheit, Erdbeerkrankheit
Englisch: papillomatous digital dermatitis, hairy footwarts

1 Definition

Dermatitis digitalis, kurz DD, ist eine infektiöse Klauenerkrankung des Rindes.

2 Epidemiologie

Dermatitis digitalis stellt derzeit (2019) eine der wichtigsten Lahmheitsursachen bei Milchkühen dar. Die Erkrankung tritt in Deutschland, Österreich und in der Schweiz seit Mitte der 1990er-Jahre als Herdenproblem v.a. in Laufstall-, aber auch in Anbindehaltung, zunehmend in Erscheinung.[1]

Dermatitis digitalis tritt bei allen Rassen auf. Beim erstmaligen Kontakt der Herde mit den spezifischen Erregern kommt es zu akuten Krankheitsausbrüchen, sodass nach 4 bis 6 Wochen bis zu 80 % der Rinder einer Herde betroffen sein können. Die Erreger werden meist durch latent infizierte Zukaufstiere in einen Bestand eingeschleppt und durch mangelnde Hygiene rasch verbreitet.

Die aus der Erkrankung resultierenden wirtschaftlichen Verluste infolge verminderter Milchleistung, Fruchtbarkeitsstörungen, umfangreichem Behandlungsaufwand und in seltenen Fällen auch vorzeitiger Abschaffung (Remontierung) können beträchtlich sein. Der Gesamtverlust bei Dermatitis digitalis wird auf 140 bis 150 € pro Kuh und Laktation geschätzt.[2]

3 Ätiologie

Dermatitis digitalis ist eine infektiöse, ulzerierende und schmerzhafte lokale Infektion der Haut über dem Klauenschuh, kaudal über den Weichballen, im Zwischenklauenspalt und kranial an der Krone.

Es handelt sich um eine multifaktorielle Erkrankung mit infektiöser Ätiologie. Durch Haltungs- und Hygienemängeln kommt es zu Verletzungen und Mazeration an den Klauen. In weiterer Folge können anaerobe Bakterien eindringen und eine Infektion auslösen.

Nicht-infektiöse Ursachen Infektiöse Ursachen
rutschige Laufflächen Treponema pedis
scharfe Kanten Treponema medium
ungünstige Spaltenböden Treponema phagedensis
niedrige Trachtenhöhen Treponema denticola
verschmutze Laufflächen
kot- und harnverschmutzte Liegeflächen

4 Pathogenese

Aufgrund ständigem Kontakt der Klauenhaut mit Feuchtigkeit und Schmutz (Kot-Harn-Gemisch, Gülle, verdreckte Ausläufe u.ä.) wird die Haut aufgeweicht. Die äußere Hornschicht wird dünner und schließlich rissig. Durch zusätzliche mechanische Einwirkungen (z.B. scharfe Kanten und zu weite Spalten der Laufflächen) sowie eine verminderte körpereigene Immunabwehr (Stress, Haltungsmängel, schlechte Futterqualität, Ketosen) können Anaerobier eindringen und eine Dermatitis digitalis auslösen.

5 Klinik

Das morphologische Erscheinungsbild der Dermatitis digitalis ist äußerst unterschiedlich und hängt stark von der Lokalisation an der Klaue und vom Stadium ab.

Bei der klassischen Erscheinungsform an der Klauenhaut stellt sich die Dermatitis digitalis als eine ulzerative Entzündung der Epidermis und der Lederhaut dar. Die Erkrankung manifestiert sich vorzugsweise an der behaarten Haut unmittelbar über den Weichballen sowie an der Grenze zwischen Weichballen und behaarter Haut im Bereich der Mittellinie an der Klauenhinterseite. Es sind auch Infektionen im Interdigitalspalt beschrieben. In seltenen Fällen ist die Haut über dem Saumband an der Vorderseite der Klaue sowie rund um die Afterklauen und seitlich an der Krone betroffen.

Seit einigen Jahren werden zunehmend neue Erscheinungsformen in endemisch infizierten Herden beobachtet. Es kommt vermehrt zu Dermatitis-digitalis-assoziierten Weiße-Linie-Erkrankungen, Sohlengeschwüren, Klauenspitzengeschwüren und Hornspalten.[3][4] Diese Erscheinungsformen unterscheiden sich deutlich von den Primärerkrankungen, da sie durch die in die Läsionen eindringenden anaeroben Treponema spp. verkompliziert werden. Diese Defekte heilen mit den üblichen Behandlungsmethoden nicht ab und können Grund für die Abschaffung erkrankter Tiere sein.

6 Klassifizierung

Dermatitis digitalis wird anhand der Ausprägung und der Beschaffenheit der Läsion in fünf verschiedene Kategorien eingeteilt. Die verschiedenen Stadien werden als M1 bis M4.1 betitelt und sind bei der Diagnosestellung immer zu erheben.[5][6]

Stadium  Beschreibung
M1-Läsionen
(akutes Frühstadium)
  • 0,5 bis 2 cm im Durchmesser
  • nicht bis wenig druckdolent
  • meist ohne Lahmheit
  • leicht übersehbar
  • Vorläufer der akuten aktiven Stadien
M2-Läsionen
(akut-ulzeratives Stadium)
  • > 2 cm im Durchmesser (7 bis 10 cm)
  • umgebende Haut zeigt überlanges Haarwachstum
  • grau-braune, typisch-faulig richende, exsudative Läsionen
  • nach Reinigung: leuchtend rote Erosionen mit erdbeerartig-höckriger Oberfläche
  • hochgradig schmerzhaft
  • meist keine Schwellung
M3-Läsionen
(Übergangsstadium)
  • Läsionen, die nach lokaler Behandlung in Abheilung sind
  • geringgradig gerötete Läsionen
  • kaum bis geringgradig druckdolent
  • Läsionen meist völlig mit Kruste bedeckt
M4-Läsionen
(chronisches Stadium)
M4.1-Läsionen
  • chronisches M4-Stadium mit zusätzlich kleiner Epithelerosion (M1-Stadium)
  • durch erneute Infektion einer bereits abgeheilten Läsion

7 Differenzialdiagnosen

Als Differenzialdiagnosen müssen folgende Erkrankungen in Betracht gezogen werden:

8 Diagnose

Die Diagnose wird anhand des typischen Erscheinungsbildes, der typischen Lokalisation und dem typisch-penetranten kariösen Geruch der Läsion gestellt. In Zweifelsfällen (untypisches Erscheinungsbild) kann ein Nachweis der Erreger mithilfe einer Gewebeprobe und anschließender PCR erfolgen.

9 Therapie

In der Literatur und in der Praxis werden unterschiedliche therapeutische Maßnahmen bei einer Dermatitis digitalis angewendet. Da es sich um eine Faktorenkrankheit handelt, muss neben einer therapeutischen Behandlung auch zwingend die Beseitigung vorhandener Mängel durchgeführt werden. Die Grundlage einer erfolgreichen Therapie ist die fachgerechte und regelmäßig durchgeführte Klauenpflege. Grundsätzlich kann zwischen einer medikamentösen Therapie und einer chirurgischen Therapie unterschieden werden.

9.1 Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie besteht aus einer lokalen Behandlung der Läsionen mit unterschiedlichen Wirkstoffen. Durch die oberflächliche Therapie kommt es zum Absterben der anaeroben Bakterien und so zur Reduktion bzw. Beseitigung der lokalen Hautentzündungen. Da jedoch meist nur die oberflächlichen Epidermisschichten mit dem Wirkstoff in Kontakt kommen, erfolgt zwar eine klinische Heilung, jedoch nicht eine vollständige Eliminierung der auslösenden Erreger. Die Therapie kann mit Tetrazyklin-Sprays (Oxytetracyclin oder Chlortetracyclin) oder mit Salizylsäure-Pasten bzw. -Pulver durchgeführt werden. Alternativ bietet sich die lokale Applikation einer Polyurethan-Wundauflage in Form eines Pflasters an.

9.2 Chirurgische Therapie

Hochgradige interdigitale Verlaufsformen bzw. Dermatitis-digitalis-assoziierte Klauendefekte (z.B. Weiße-Linie-Defekte) müssen chirurgisch behandelt werden. Unter einer intravenösen Stauungsanästhesie (IVSTAN) werden die betroffenen Areale resiziert und anschließend lokal (z.B. mit Oxytetracyclin-Spray) behandelt. Die völlige Abheilung der Wunde ist nach etwa 20 bis 60 Tagen abgeschlossen.

10 Prophylaxe

Neben der sofortigen Behandlung erkrankter Tiere können verschiedene Prophylaxemaßnahmen durchgeführt werden, um einer Dermatitis digitalis vorzubeugen:

  • regelmäßige und fachgerechte Klauenpflege aller Kühe
  • striktes Einhalten der Biosicherheitsmaßnahmen aller Personen
  • Dokumentation aller Klauenbefunde
  • regelmäßige Kontrolle auf Klauenerkrankungen (täglich beim Melken)
  • Hygienemängel beheben
  • Haltungs- und Fütterungsmängel vermeiden
  • Zukauf nur aus Dermatitis-digitalis-freien Betrieben

11 Literatur

  • A. Univ.-Prof. Dr. Johann Kofler. Dipl. ECBHM. Orthopädische Erkrankungen & Orthopädische Operationen bei Wiederkäuern. Neu überarbeitet im Jänner 2015 mit 45 Videos abrufbar mittels QR-Code & URL's zur VETmediathek. Klinik für Wiederkäuer, Vetmeduni Wien.
  • A. Univ.-Prof. Dr. Johann Kofler. Diagnoseschlüssel zu Klauenerkrankungen für Klauenpfleger & Tierärzte, Johann Kofler, Klinik für Wiederkäuer, Vetmeduni Wien, 14.11.14, abgerufen am 11.10.2019

12 Quellen

  1. Hulek M. et al. Prevalence of digital dermatitis in first lactation cows assessed at breeding cattle auctions, Vet J. 2010 Feb;183(2):161-5, abgerufen am 11.10.2019
  2. Cha E. et al. The cost of different types of lameness in dairy cows calculated by dynamic programming, Prev Vet Med. 2010 Oct 1;97(1):1-8, abgerufen am 11.10.2019
  3. Kofler J. et al. A simple surgical treatment for bovine digital dermatitis-associated white line lesions and sole ulcers, Vet J. 2015 May;204(2):229-31, abgerufen am 11.10.2019
  4. Amory JR. et al. Associations between sole ulcer, white line disease and digital dermatitis and the milk yield of 1824 dairy cows on 30 dairy cow farms in England and Wales from February 2003-November 2004, Prev Vet Med. 2008 Mar 17;83(3-4):381-91. Epub 2007 Nov 26, abgerufen am 11.10.2019
  5. Solano L. et al. Validation of the M-stage scoring system for digital dermatitis on dairy cows in the milking parlor, J Dairy Sci. 2017 Feb;100(2):1592-1603, abgerufen am 11.10.2019
  6. Walid Refaai et al. Digital dermatitis in cattle is associated with an excessive innate immune response triggered by the keratinocytes, published online 2013 Oct 3, abgerufen am 11.10.2019

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