Morbus Fahr
nach dem deutschen Pathologen Karl Theodor Fahr (1877 bis 1945)
Synonyme: Fahr-Krankheit, idiopathische Basalganglienverkalkung, bilaterale striopallidodentatale Kalzinose
Englisch: Fahr's disease, idiopathic basal ganglia calcification (IBGC), strio-pallido-dentate calcinosis
Definition
Beim Morbus Fahr handelt es sich um eine Erkrankung mit symmetrischer Verkalkung der Basalganglien, die mit neurologischen und psychiatrischen Symptomen einhergehen kann.
Epidemiologie
Die Prävalenz der Erkrankung in der Allgemeinbevölkerung ist derzeit (2026) nicht bekannt.[1] In einer CT-Reihenuntersuchung wiesen etwa 1 % der untersuchten Patienten symmetrische Basalganglienverkalkungen auf,[2] der größte Teil hiervon scheint jedoch auf unspezifische Alterungsprozesse ohne Assoziation mit klinischen Symptomen zu entfallen.[3]
Eine Manifestation ist in jedem Lebensalter möglich, der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr.[1][4]
Ätiologie
Nach Ätiologie wird eine primäre und sekundäre Form des Morbus Fahr unterschieden. Einige Autoren verwenden für Letztere auch den Begriff des Fahr-Syndroms, dieser Begriff wird aber auch teilweise synonym für alle Formen des Morbus Fahr verwendet.[1]
Primärer Morbus Fahr
Die meisten Fälle des Morbus Fahr sind primär-genetischer Natur, wobei die überwiegende Zahl der Fälle ein autosomal-dominantes Erbmuster aufweist.[1] Bislang (2026) wurden Mutationen in folgenden Genen als Ursache eines primären Morbus Fahr beschrieben:[1][5][6][7][8][9][10][11][12][13][14]
| Gen | betroffenes Protein | Mutationen (Auswahl) | vermuteter Mechanismus | Erbgang |
|---|---|---|---|---|
| SLC20A2 am häufigsten betroffen |
PiT-2-Natrium-Phosphat-Kotransporter | Missense- (z.B. c.1492G>A [G498R]), Nonsense- (z.B. c.1399C>T), Frameshift-Mutationen (z.B. c.508delC) | Loss-of-Function mit vermindertem Phosphatefflux aus der Gefäßwand über das Endothel | AD |
| PDGFB | Platelet-derived Growth Factor, β-Kette | Missense- (z.B. c.356T>C [L119P]), Nonsense-Mutationen (z.B. c.433C>T) | Loss-of-Function mit Störung der Blut-Hirn-Schranke und Perizytenrekrutierung | AD |
| PDGFRB | Platelet-derived Growth Factor Rezeptor β | Missense-Mutationen (z.B. c.1973T>C [L658P], c.959C>T [R987W]) | Loss-of-Function mit Störung der Blut-Hirn-Schranke und Perizytenrekrutierung | AD |
| XPR1 | xenotroper und polytroper Retrovirusrezeptor 1 | Missense-Mutationen (z.B. c.434T>C [L145P], c.653T>C [L218S]) | Loss-of-Function mit vermindertem Phosphatefflux aus der Gefäßwand über das Endothel | AD |
| MYORG | Myogenese-regulierende Glykosidase | Missense- (z.B. c.1321C>G [R441G]), Nonsense- (z.B. c.225G>A) und Frameshift-Mutationen (z.B. c.1233delC) | möglicherweise Loss-of-Function mit Blut-Hirn-Schrankenstörung | AR |
| JAM2 | Junction Adhesion Molecule 2 | Missense- (z.B. c.504C>G [W168C]) und Frameshift-Mutationen (z.B. c.140delT) | Loss-of-Function mit Zelladhäsions- und nachfolgend Blut-Hirn-Schrankenstörung | AR |
| NAA60 | N-alpha-Acetyltransferase 60 | Missense (z.B. c.391C>T [H131Y]) und Frameshift-Mutationen (z.B. c.321_327del) | möglicherweise Loss-of-Function mit verminderter Acetylierung von SLC20A2 und/oder MYORG | AR |
Die Penetranz auslösender Mutationen im Allgemeinen ist hinsichtlich radiologisch darstellbarer Kalzifizierungen nahezu vollständig, hinsichtlich klinischer Symptome jedoch unvollständig.[4] Allerdings liegen derzeit (2026) keine belastbaren Angaben zur Penetranz einzelner Mutationen vor.[4]
Sekundäres Fahr-Syndrom
Ein Teil der Fälle tritt sekundär als Folge einer chronischen Hypokalziämie auf.[4][3] Beschrieben wurde dies insbesondere nach langjährigem Hypoparathyreoidismus, z.B. nach (Para-)Thyroidektomie,[3][15] aber auch im Rahmen eines Pseudohypoparathyreoidismus[16] und Pseudopseudohypoparathyreoidismus.[17] Zudem werden ein Vitamin-D-Mangel, chronische Pankreatitiden oder eine chronische Nierenerkrankung als Ursache von Basalganglienverkalkungen angeführt,[4][3] allerdings fehlen hier Berichte über ein klinisch manifestes Fahr-Syndrom.
Pathogenese
Pathogenetisch kommt es zu punktförmigen, amorphen oder kristallinen, nicht-atherosklerotischen Einlagerungen von Kalziumhydroxylapatit in die Wand von Kapillaren sowie von kleinen bis mittelgroßen Arterien.[1][5] Diese Ablagerungen finden sich vor allem im Bereich der Basalganglien, aber auch im Nucleus dentatus und gelegentlich auch in anderen Hirnanteilen.[5] Betroffen sein kann hierbei sowohl die vaskuläre Extrazellularmatrix (v.a. bei SLC20A2-, PDGFB-Mutationen) als auch Endothelzellen (XPR1-Mutationen) oder glatte Muskelzellen (PDGFRB-Mutationen).[4] Weswegen sich die Kalzifizierungsprozesse vornehmlich auf die Basalganglien beschränken, ist derzeit (2026) unklar.[4]
Auf nicht vollständig geklärtem Wege kommt es infolge der Ablagerungen zur Neurodegeneration. Dies führt einerseits zur Beeinträchtigung der basalganglionären und zerebellären Bewegungssteuerung, andererseits aber auch zur Störung von kortiko-subkortikaler Bahnen (insbesondere zum Striatum) mit exekutiver und kognitiver Beeinträchtigung.[4][5]
Klinik
Ein Teil der Fälle verläuft oft asymptomatisch. Wenn Symptome auftreten, sind verschiedenste neurologische und psychiatrische Störungen möglich, wobei das genaue Störungsbild auch in Abhängigkeit von zugrundeliegen Mutationen variieren kann.[5]
Allgemein mögliche Symptome sind:[3][5][18]
- Bewegungsstörungen
- Parkinson-Syndrom
- verschiedene Hyperkinesien, z.B. Dystonien, Chorea, Tremor, Athetose
- zerebelläre Ataxie
- Dysarthrie
- selten Stimmbandlähmung
- Kopfschmerzen
- psychiatrische Störungen variabler Schwere
- gelegentlich Epilepsie
Diagnostik
Es handelt sich primär um eine radiologische Diagnose, wobei insbesondere die CT, aber auch die MRT zum Nachweis der Kalzifizierungsprozesse dient.[1] Hierbei finden sich massive, symmetrische Verkalkungen aller Basalganglien sowie des Nucleus dentatus, teils aber auch anderer Hirnregionen (z.B. Hirnstamm, subkortikales Marklager, Kortex).[5]
Ursächliche Mutationen können molekulargenetisch abgeklärt werden.[1] Zudem empfiehlt sich eine Labordiagnostik auf Störungen der Nebenschilddrüsenfunktion (insbesondere PTH-, Phosphat-, Kalziumspiegel).[1][3]
Differentialdiagnostik
Differentialdiagnostisch sind andere Ursachen intrakranieller Verkalkungen auszuschließen.
Häufig sind hierbei unspezifische, altersbezogen auftretende Basalganglienverkalkungen. Derartige Verkalkungen sind deutlich kleiner, punktförmig oder grobschollig und gering ausgedehnt. Sie betreffen von den Basalganglien meist nur die Globi pallidi, nicht jedoch Putamen und Nucleus caudatus. Oft finden sich derartige Verkalkungen dann auch in Pinealdrüse und Habenula sowie dem Plexus choroideus.[3]
Eine sich klinisch und in der MRT ähnlich darstellende NBIA kann mittels CT differenziert werden.[4]
Therapie
Derzeit existiert keine Kausaltherapie. Die Behandlung ist daher symptomatisch ausgerichtet, z.B. durch Verabreichung von Antiparkinsontherapeutika, Antiepileptika, Antipsychotika oder Antidepressiva.[1][4]
Literatur
- Fahr, Idiopathische Verkalkung der Hirngefäße, Zentralblatt für allgemeine Pathologie und pathologische Anatomie, 1930-1931.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 1,8 1,9 Amisha & Munakomi, Fahr Syndrome, StatPearls, 2023.
- ↑ Kazis, Contribution of CT scan to the diagnosis of Fahr's syndrome, Acta Neurologica Scandinavica, 1985.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 3,6 Bonazza et al., Strio-pallido-dentate calcinosis: a diagnostic approach in adult patients, Neurological Sciences, 2011.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 4,5 4,6 4,7 4,8 4,9 Peters et al., Mechanisms of calcification in Fahr disease and exposure of potential therapeutic targets, Neurology Clinical Practice, 2020.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 Magrinelli et al., Basal ganglia calcification: 'Fahr's disease', Practical Neurology, 2025.
- ↑ Yamada et al., Evaluation of SLC20A2 mutations that cause idiopathic basal ganglia calcification in Japan, Neurology, 2014.
- ↑ Solute Carrier Family 20, Online Mendelian Inheritance in Man, aufgerufen am 07.01.2026.
- ↑ Xenotropic and polytropic retrovirus receptor, Online Mendelian Inheritance in Man, aufgerufen am 07.01.2026.
- ↑ Platelet-derived growth factor, beta polypeptide, Online Mendelian Inheritance in Man, aufgerufen am 07.01.2026.
- ↑ Platelet-derived growth factor Receptor, beta, Online Mendelian Inheritance in Man, aufgerufen am 07.01.2026.
- ↑ Basal ganglia calcification, idiopathic, 7, Online Mendelian Inheritance in Man, aufgerufen am 07.01.2026.
- ↑ Myogenesis-regulating glucosidase, Online Mendelian Inheritance in Man, aufgerufen am 07.01.2026.
- ↑ Junctional adhesion molecule 2, Online Mendelian Inheritance in Man, aufgerufen am 07.01.2026.
- ↑ N-alpha-Acetyltransferase 60, Online Mendelian Inheritance in Man, aufgerufen am 07.01.2026.
- ↑ Mahmood et al., Secondary Fahr’s Disease: A Consequence of Post-Thyroidectomy Hypoparathyroidism, European Journal of Case Reports in Internal Medicine, 2019.
- ↑ Shu et al., Fahr Syndrome Secondary to Pseudohypoparathyroidism, JCEM Case Reports, 2023.
- ↑ Ozisik et al., Pseudopseudohypoparathyreoidism as a cause of Fahr Syndrome: Hypoparathyreoidism not the only one, Acta Endocrinologica Buc., 2020.
- ↑ Demir et al., A Rare Case of Fahr's Syndrome With Bilateral Vocal Cord Paresis, Cureus, 2022.