Johanniskraut
Synonyme: Blutkraut, Feldhopfenkraut, Tüpfelhartheu, Echtes Johanniskraut
Englisch: St John's wort, Hardhay
Definition
Johanniskraut ist eine Pflanzenart der Familie der Johanniskrautgewächse. Die blühenden Stängel finden seit der Antike innerlich und äußerlich bei verschiedenen Erkrankungen als Heilpflanze Verwendung. Die botanische Bezeichnung lautet Hypericum perforatum.
Botanik
Das Johanniskraut erreicht Wuchshöhen von 30 bis 100 cm und zeichnet sich durch meist mehrere, reich verzweigte Stängel mit zwei Längsrändern aus. Die Blätter sind länglich-eiförmig bis linealisch, 1 bis 2 (bis 4) cm lang, ganzrandig und dicht mit feinen, durchscheinenden Punkten besetzt. Der Blattrand ist oft nach unten gebogen. Die gelben Blüten sind in vielblütigen Rispen angeordnet. Die schmal-lanzettlichen Kelchblätter sind 4 bis 5 mm lang, fein zugespitzt, ganzrandig, ohne oder mit wenigen schwarzen Drüsen. Die Kronblätter sind drei- bis viermal so lang wie der Kelch und auf einer Seite gezähnt.
Die Blütezeit reicht von Juni bis September. Hypericum perforatum besiedelt bevorzugt Trockenwiesen, Waldränder und Waldlichtungen in der kollin-montanen bis gelegentlich subalpinen Höhenstufe Mitteleuropas. Insgesamt ist das Johanniskraut ursprünglich eurosibirisch verbreitet. Es handelt sich um einen ausdauernden Hemikryptophyten, der weniger streng an Standorte wie trockenwarme Silikatschutthalden (Galeopsion segetum) und mesophile Krautsäume (Trifolion medii) gebunden ist.
Inhaltsstoffe und Wirkung
- Phloroglucine, vor allem Hyperforin: Wesentlich für die antidepressive Wirkung durch Aktivierung von TRPC6-Kanälen, dadurch Aufnahmehemmung von Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, GABA und Glutamat. Induziert arzneimittelmetabolisierende Enzyme in der Leber, dadurch pharmakokinetische Wechselwirkungen möglich.
- Naphthodiantrone, vor allem Hypericin und Pseudohypericin: Antidepressive Wirkung durch Hemmung serotonerger und dopaminerger Transmittersysteme. Photosensibiliserend. Dieser Effekt wird äußerlich bei Hauterkrankungen genutzt.
- Ätherische Öle: Sie wirken bei äußeren Verletzungen kühlend und schmerzlindernd. Innerlich wirken sie beruhigend.
- Flavonoide: Vor allem Quercetin, Rutosid und Biapigenin sollen sich günstig auf den Serotoninspiegel im Gehirn auswirken. Im Magen-Darm-Bereich hemmen Flavonoide die Entwicklung von Entzündungen.
- Gerbstoffe, vor allem Catechin: Sie wirken auf den Magen-Darm-Trakt und unterstützen die Heilung der Darmschleimhaut.
Arzneidrogen
Hypericum perforatum L. dient als Stammpflanze zur Gewinnung der Arzneidroge Hyperici herba (Herba Hyperici, Johanniskraut). Eine entsprechende Drogenmonographie führt das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur.).
Anwendung
Anwendungsgebiete
Das Naturheilmittel kann innerlich und äußerlich angewendet werden.
Äußere Anwendung
Äußerlich angewendet werden Johanniskrautblätter, -extrakte oder -tinkturen allein auf Basis der Tradition bei:
- leichten Hautentzündungen (z. B. Sonnenbrand)
- zur Förderung der Heilung kleiner Wunden
Innere Anwendung
Anwendung hochdosierter Spezialextrakte mit in Placebo-kontrollierten Studien belegter Wirksamkeit:
- leichte bis mittelschwere Depressionen
Da Johanniskraut bei schweren Depressionen nicht ausreichend untersucht ist, sollte es bei dieser Indikation nicht eingesetzt werden. Mittelschwere bis schwere Depressionen sollen durch einen Arzt behandelt werden. Daher sind Johanniskrautspezialextrakte, die als Arzneimittel bei mittelschwerer Depression zugelassen sind, verschreibungspflichtig und GKV-verordnungsfähig. Bei leichten bis mittelschweren Depressionen sind hochdosierte Spezialextrakte, die als Arzneimittel zugelassen sind, vergleichbar wirksam wie synthetische Antidepressiva, jedoch deutlich besser verträglich.[1]
Anwendung allein auf Basis der Tradition:
- vorübergehende mentale Erschöpfung
- symptomatische Behandlung leichter gastrointestinaler Beschwerden
Nebenwirkungen
Johanniskraut ist im Allgemeinen sehr gut verträglich. Nur selten treten Magen-Darmbeschwerden, Müdigkeit, Unruhe oder allergische (Haut-) Reaktionen auf.
Hellhäutige Menschen sollten während der Einnahme starke Sonnenbestrahlung und Solarien meiden. Es kann eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Sonneneinstrahlung (Photosensibilisierung) entstehen.
Während der Schwangerschaft oder Stillzeit und bei depressiven Erkrankungen bei Kindern sollte die Einnahme nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt erfolgen.
Wechselwirkungen
Pharmakodynamische Wechselwirkungen
Johanniskraut kann durch additive serotonerge Effekte das Risiko eines serotonergen Syndroms erhöhen und sollte daher nicht mit anderen Antidepressiva (insbesondere SSRI, SNRI oder MAO-Hemmern) kombiniert werden.
Bei gleichzeitiger Anwendung mit anderen photosensibilisierenden Arzneimitteln (z. B. bestimmten Psychopharmaka oder Antibiotika) kann es zu einer Verstärkung phototoxischer Hautreaktionen kommen.
Pharmakokinetische Wechselwirkungen
Johanniskraut ist ein starker Induktor arzneimittelmetabolisierender Enzyme und Transportproteine, insbesondere von CYP3A4, CYP2C9, CYP2C19 sowie des P-Glykoproteins (über Aktivierung des Pregnan-X-Rezeptors, PXR). Dadurch werden der Abbau und die Elimination zahlreicher Arzneimittel beschleunigt, was zu einer Abschwächung oder zum Wirkverlust führen kann.
Klinisch relevante Interaktionen bestehen u. a. mit:
- Immunsuppressiva (z. B. Ciclosporin, Tacrolimus): Risiko der Transplantatabstoßung
- Antikoagulanzien (z. B. Cumarin-Derivate, Dabigatran): erhöhtes Thromboserisiko
- oralen Kontrazeptiva: Risiko eines Kontrazeptionsversagens
- HIV-Proteaseinhibitoren und anderen antiviralen Substanzen: Wirkverlust und Resistenzentwicklung
- Zytostatika (z. B. Irinotecan, Imatinib): verminderte Wirksamkeit
- Benzodiazepinen (z. B. Midazolam) und weiteren zentral wirksamen Substanzen: abgeschwächte Sedierung
Darüber hinaus kann durch die Induktion des P-Glykoproteins die Bioverfügbarkeit entsprechender Substrate (z. B. Carbamazepin, Digoxin, Fentanyl, Prednisolon, Sertralin) reduziert werden.
Aufgrund der Vielzahl potenziell schwerwiegender Wechselwirkungen sollte die gleichzeitige Einnahme von Johanniskraut mit anderen Arzneimitteln nur nach ärztlicher Rücksprache erfolgen.
Verwechslung
Generell kann das Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum) leicht mit anderen Arten der Gattung der Johanniskräuter (Hypericum, ca. 490 Arten) verwechselt werden. Da die Blätter zahlreicher Arten Öldrüsen besitzen, kann die punktierte Blattspreite (gegen das Licht gehalten) nicht als alleiniges Kriterium für den Ausschluss anderer Arten herangezogen werden. Ferner kann es durch schlecht geschultes Personal zu Verwechslungen mit gelbblühenden Korbblütengewächsen kommen. Im Fall von Greiskräutern (Senecio) als Beikräuter bei der Ernte kommt es zu Belastungen mit Pyrrolizidinalkaloiden, die unter Umständen die Sperrung von Chargen nach sich zieht.
Literatur
- Johanniskraut, Kommission E 1989
- Statement der HMPC, HMPC 2009
- Herba Hyperici, WHO 2004