Sertralin
Handelsnamen: Zoloft® u.a.
Englisch: sertraline
Definition
Sertralin ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Reuptake-Inhibitoren (SSRI) und gehört damit zu den Antidepressiva. Innerhalb der SSRI-Klasse fällt Sertralin durch ein vergleichsweise günstiges Interaktionsprofil sowie eine zusätzliche Affinität zum Sigma-1-Rezeptor auf.
Hintergrund
Depressionen zeichnen sich vor allem durch fehlenden Antrieb und eine gestörte Stimmung aus. Dabei nimmt man an, dass neurobiologische Veränderungen verschiedener Systeme wie u.a. serotonerger und noradrenerger Signalwege im synaptischen Spalt im ZNS eine Rolle spielen, wobei die klassische Monoamin-Hypothese allein die Erkrankung nicht ausreichend erklärt. Auch Veränderungen der Rezeptoraktivität, neuronaler Plastizität und Stresshormonregulation können an der Pathophysiologie beteiligt sein. Ein Therapieziel von Antidepressiva ist es, die serotonerge (und indirekt weitere) Neurotransmission zu modulieren.
Chemie
Sertralin ist ein chirales Tetrahydronaphthalin-(Tetralin-)Derivat und wird als (1S,4S)-(+)-cis-Enantiomer in Form des Hydrochlorids eingesetzt (Ph. Eur.). Die Substanz wurde aus dem nichtselektiven NET-Inhibitor Tametralin durch Einführen zweier Chloratome in 3- und 4-Position eines Phenylrings entwickelt. Von den vier resultierenden Stereoisomeren erwies sich das (+)-cis-1S,4S-Isomer als selektiver Serotonin-Rückaufnahme-Hemmer. Strukturell enthält Sertralin das für SSRI charakteristische 4-Phenylbutan-1-amin, eingebettet in ein starres bizyklisches Tetralin-System wobei die sekundäre Aminogruppe einen pKS-Wert von etwa 9,5 aufweist.
Die Summenformel lautet C17H17Cl2N, die molare Masse beträgt 306,23 g/mol.
Wirkmechanismus
Sertralin hemmt selektiv den präsynaptischen Serotonin-Transporter (SERT), der das Monoamin Serotonin (5-HT) aus dem synaptischen Spalt zurück in das präsynaptische Neuron transportiert. Die akute Folge ist eine erhöhte 5-HT-Konzentration im synaptischen Spalt. Der antidepressive Effekt tritt jedoch erst nach zwei bis vier Wochen ein und beruht auf adaptiven Veränderungen, insbesondere einer Desensibilisierung präsynaptischer 5-HT1A- und 5-HT1D-Autorezeptoren sowie einer Down-Regulation postsynaptischer 5-HT2-Rezeptoren.[1]
In schwacher Ausprägung hemmt Sertralin auch den Dopamintransporter (DAT). Die Affinität zu H1-, muskarinergen und α-Adrenozeptoren ist gering, was das im Vergleich zu trizyklischen Antidepressiva günstigere Nebenwirkungsprofil erklärt. Innerhalb der SSRI-Klasse zeigt Sertralin zudem eine relevante Bindung an den Sigma-1-Rezeptor, die mit anxiolytischen und potenziell prokognitiven Effekten in Verbindung gebracht wird. Die klinische Bedeutung dieser Eigenschaft wird derzeit (2026) noch diskutiert.
Sertralin ist nur ein vergleichsweise schwacher Inhibitor einzelner CYP450-Enzyme (z.B. CYP2D6), wodurch im Vergleich zu anderen SSRI (Fluoxetin, Paroxetin) weniger Arzneimittelinteraktionen auftreten.
Pharmakokinetik
- Orale Bioverfügbarkeit: ca. 42 % (ausgeprägter First-Pass-Effekt)
- Plasmaproteinbindung: ca. 98 %
- Verteilungsvolumen: hoch (ca. 20 l/kg)
- Metabolismus: hepatisch über mehrere CYP450-Isoformen; CYP2C19 wird als maßgebliches Enzym beschrieben, daneben CYP2B6, CYP2C9, CYP3A4 und CYP2D6
- Hauptmetabolit: N-Desmethylsertralin (klinisch nicht relevant antidepressiv wirksam); zudem oxidative Desaminierung zum Tetralonderivat
- Halbwertszeit Sertralin: ca. 26 h
- Ausscheidung der Metaboliten zu etwa gleichen Teilen renal und fäkal
Indikationen
Mögliche Indikationen sind:[2]
Dosierung
Die Dosierung ist abhängig von der Indikation:
- bei Panikstörungen, PTBS und sozialer Angststörung wird initial 25 mg/Tag gegeben und nach einer Woche auf 50 mg/Tag gesteigert
- bei Depression und Zwangsstörung sollte mit einer Anfangsdosis von 50 mg/Tag begonnen werden
Bei Patienten, die nicht auf eine Dosis von 50 mg ansprechen, kann man die Dosis steigern. Die Dosisanpassungen sollten aufgrund der langen Halbwertszeit des Arzneistoffs nicht häufiger als einmal pro Woche erfolgen. Die maximale Tagesdosis beträgt 200 mg.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nebenwirkungen
- Schlaflosigkeit, Unruhe, aber auch Müdigkeit
- Übelkeit
- Blutungen
- Tremor
- Mundtrockenheit
- Schwitzen
- Serotonerges Syndrom
- QT-Zeit-Verlängerung (selten)
- sexuelle Funktionsstörung
- Hyponatriämie
- Absetzsymptome bei Beendigung der Therapie
Wechselwirkungen
- Kontraindiziert mit MAO-Hemmern (auch Selegilin, Linezolid, Methylenblau); Sicherheitsabstand von 2 Wochen nach Absetzen eines irreversiblen, von 1 Tag nach Absetzen eines reversiblen MAO-Hemmers
- Erhöhtes Risiko eines serotonergen Syndroms in Kombination mit Tramadol, Triptanen, Pethidin, Fentanyl, Lithium, Tryptophan und Johanniskraut
- Verstärktes Blutungsrisiko bei Komedikation mit nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAR), Acetylsalicylsäure, Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmern
- Additive QT-Zeit-Verlängerung mit Antiarrhythmika der Klassen Ia/III, einigen Antipsychotika (insbesondere Pimozid – kontraindiziert) und Methadon
- Anstieg der INR bei Komedikation mit Warfarin
- Erhöhung der Lithium-Plasmaspiegel
- Senkung der Sertralin-Spiegel durch CYP-Induktoren (Carbamazepin, Rifampicin, Phenytoin)
Kontraindikationen
- Bekannte Hypersensitivität gegenüber Sertralin oder Hilfsstoffen
- Gleichzeitige Einnahme von MAO-Hemmern, Linezolid, Methylenblau oder Pimozid
- Bei Anwendung der oralen Lösung: gleichzeitige Disulfiram-Therapie (Ethanolgehalt)
- Schwere Leberinsuffizienz (relative Kontraindikation)
Vorsicht ist geboten bei Long-QT-Syndrom und Komedikation mit QT-Zeit-verlängernden Arzneimitteln, Epilepsie, erhöhter Blutungsneigung, Engwinkelglaukom sowie in der manischen Phase einer bipolaren Störung.
Schwangerschaft und Stillzeit
Sertralin ist für die Anwendung während der Schwangerschaft nicht explizit zugelassen. Aufgrund einer breiten Datenbasis und einer vergleichsweise günstigen Sicherheitsbewertung zählt es zu den Antidepressiva der Wahl in der Schwangerschaft, sofern eine medikamentöse Therapie indiziert ist. Bei Anwendung im 3. Trimenon ist auf neonatale Anpassungsstörungen sowie ein erhöhtes (absolut jedoch geringes) Risiko für eine persistierende pulmonale Hypertonie des Neugeborenen (PPHN) hinzuweisen.
In der Stillzeit gilt Sertralin gemeinsam mit Citalopram als Mittel der Wahl; der Übertritt in die Muttermilch ist gering[2].
Quellen
- ↑ Edinoff AN et al. Selective Serotonin Reuptake Inhibitors and Adverse Effects: A Narrative Review. Neurol Int. 2021;13(3):387-401.
- ↑ 2,0 2,1 Fachinformation Sertralin, abgerufen am 30.12.2025
Literatur
- Geisslinger G, Menzel S, Gudermann T, Hinz B, Ruth P: Mutschler Arzneimittelwirkungen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 2019, Kap. 10.5.1, S. 209–211
- Freissmuth M, Offermanns S, Böhm S: Pharmakologie und Toxikologie. Von den molekularen Grundlagen zur Pharmakotherapie. 2. Auflage, Springer, Berlin/Heidelberg 2020, Kap. 31, S. 333–344
- Müller CE, Prinz H, Lehr M: Pharmazeutische / Medizinische Chemie. Kap. 7.16.2 Selektive Serotonin-Rückaufnahme-Inhibitoren, S. 676–680
- Fachinformation Sertralin, abgerufen am 30.12.2025
- Embryotox: Sertralin, abgerufen am 30.12.2025
- Gelbe Liste: Sertralin, abgerufen am 30.04.2026