Erregungsrückbildungsstörung
Synonyme: Repolarisationsstörung, ST-T-Veränderung
Englisch: repolarization abnormality, ST-T abnormality
Definition
Erregungsrückbildungsstörungen, kurz ERBS, sind im Elektrokardiogramm (EKG) nachweisbare Veränderungen der Repolarisation der Herzmuskelzellen. Es zeigen sich Veränderungen der Endstrecken in Form von Abflachungen oder Negativierungen der T-Welle oder auch als Hebungen oder Senkungen der ST-Strecke.
Terminologie
Der Begriff „Erregungsrückbildungsstörung“ beschreibt primär einen elektrokardiographischen Befund und keine eigenständige Diagnose. In der aktuellen Literatur wird häufiger von Repolarisationsstörungen bzw. ST-T-Veränderungen gesprochen. Der Befund ist stets im klinischen Kontext zu interpretieren.
Ätiologie
Primäre Erregungsrückbildungsstörungen
Primäre ERBS sind unabhängig von der Erregungsausbreitung und beruhen auf direkten Störungen der Repolarisation. Sie treten unter anderem bei Myokardischämie, Elektrolytstörungen (Hyperkaliämie oder Hypokaliämie), durch Medikamente (z.B. Digitalis) sowie bei entzündlichen Erkrankungen des Herzens, z.B. einer Myokarditis, auf. Auch hereditäre Kanalopathien können primäre Repolarisationsstörungen verursachen. Beispiele sind das Long-QT-Syndrom und das Brugada-Syndrom.
Charakteristisch im EKG sind direkte Veränderungen von Aktionspotenzial und Repolarisation. Die Morphologie der T-Welle ist dabei häufig symmetrisch, teils mit QT-Veränderungen.
Sekundäre Erregungsrückbildungsstörungen
Sekundäre ERBS entstehen infolge einer veränderten Erregungsausbreitung. Ursachen sind beispielsweise ein Schenkelblock, Extrasystolen oder eine ventrikuläre Hypertrophie mit Strain-Muster. Auch Präexzitation und Schrittmacherstimulation kommen als Ursachen in Betracht.
Charakteristisch sind im EKG diskordante ST-T-Veränderungen.
Pathophysiologie
Die Repolarisation der Herzmuskelzellen beruht auf komplexen Ionenkanal-vermittelten Strömen (insbesondere Kalium-, Natrium- und Calciumströme), die das Aktionspotenzial der Zelle bestimmen.
Störungen der Repolarisation entstehen durch:
- Veränderungen transmembranärer Ionenströme
- regionale Unterschiede der Repolarisation (Dispersion)
- Ischämiebedingte metabolische Veränderungen
- genetisch oder erworben bedingte Veränderungen von Ionenkanälen
Sie führen zu Veränderungen der elektrischen Aktivität des Myokards, die im EKG als ST- oder T-Wellen-Veränderungen sichtbar werden und potenziell arrhythmogen sein können.
Symptome
Mögliche Symptome, die mit einer ERBS einhergehen, sind:
ERBS können aber auch asymptomatisch sein und als Zufallsbefund in Erscheinung treten.
Diagnostik
Basisdiagnostik
Die Diagnostik erfolgt ursachenorientiert. Die Basis ist ein 12-Kanal-EKG in Zusammenschau mit Anamnese, körperlicher Untersuchung, Symptomatik, Vorerkrankungen, Medikation und Vorbefunden.
Wichtige EKG-Kriterien sind Lokalisation, Morphologie und Dynamik der ST-T-Veränderungen sowie das Vorliegen von QT-Verlängerung, diskordanten Veränderungen, pathologischen Q-Zacken oder begleitenden Leitungsstörungen. Ergänzend ist auf ischämietypische Muster, wie hyperakute T-Wellen oder biphasische beziehungsweise symmetrisch invertierte T-Wellen, zu achten.
Bei einem akuten Koronarsyndrom sind dynamische Veränderungen mit ST-Strecken-Hebungen oder -Senkungen sowie hyperakuten, biphasischen, abgeflachten oder invertierten T-Wellen möglich. Solche Veränderungen können auch bei initial unauffälligem Ruhe-EKG erst im Verlauf nachweisbar sein. Ein einzelnes normales Ruhe-EKG schließt ein akutes Koronarsyndrom nicht sicher aus. Bei entsprechendem Verdacht sind serielle EKG-Kontrollen und die Bestimmung hochsensitiver kardialer Troponine erforderlich.
Weiterführende Diagnostik
Die weiterführende Diagnostik richtet sich nach Verdachtsdiagnose und Risikoprofil. Sie kann serielle EKG-Kontrollen, Troponin-Bestimmung, Echokardiographie, Langzeit-EKG, Belastungsuntersuchungen, Koronar-CT, funktionelle Ischämiediagnostik, Herzkatheteruntersuchung sowie Kardio-MRT umfassen. Bildgebende Verfahren sind dem Belastungs-EKG diagnostisch häufig überlegen.
Bei Verdacht auf hereditäre Arrhythmiesyndrome kann darüber hinaus eine spezialisierte elektrophysiologische und ggf. genetische Diagnostik notwendig sein. Zudem sind Familienanamnese, Synkopenanamnese und potenzielle Trigger von Bedeutung.
Klinische Relevanz
Die klinische Relevanz richtet sich nach der Ursache. Während unspezifische ST-T-Veränderungen häufig benigne sind, können ischämische Repolarisationsstörungen, hereditäre Kanalopathien und arrhythmogene Kardiomyopathien mit einem erhöhten Risiko für ventrikuläre Arrhythmien und plötzlichen Herztod assoziiert sein.
Therapie
Eine spezifische Therapie von ERBS als solchen existiert nicht. Es wird die zugrunde liegende Ursache behandelt.
- Bei Verdacht auf akutes Koronarsyndrom ist eine umgehende leitliniengerechte Notfalldiagnostik und -therapie erforderlich.
- Bei Elektrolytstörungen erfolgt die rasche Korrektur der metabolischen Entgleisung.
- Bei arzneimittelinduzierten Repolarisationsstörungen sollen auslösende Substanzen überprüft, pausiert oder ersetzt werden. Bei QT-verlängernden Medikamenten ist auf das Risiko proarrhythmischer Ereignisse zu achten.
- Bei hereditären Arrhythmiesyndromen oder arrhythmogenen Kardiomyopathien sind Risikostratifizierung, spezialisierte Abklärung und ggf. antiarrhythmische Therapie, Triggervermeidung, Katheterablation oder ICD-Therapie indiziert. Das konkrete Vorgehen richtet sich nach Syndromtyp, Symptomen, Familienanamnese und individuellem Risiko für ventrikuläre Arrhythmien.
- Bei chronischer koronarer Herzerkrankung orientiert sich das Management an Symptomlast, Ischämienachweis und kardiovaskulärem Gesamtrisiko. Neben Lebensstilmaßnahmen kommen antianginöse und prognoseverbessernde Therapien sowie gegebenenfalls eine Revaskularisation in Betracht.
Prognose
Die Prognose ist heterogen und hängt vollständig von Ursache, Dynamik der EKG-Veränderungen und Begleiterkrankungen ab. Unspezifische, stabile ST-T-Veränderungen können klinisch wenig bedeutsam sein. Dagegen sind neu aufgetretene oder dynamische Repolarisationsstörungen bei ischämischer Genese prognostisch relevant und können auf ein akutes Koronarsyndrom hinweisen. Bei hereditären Repolarisationsstörungen und arrhythmogenen Kardiomyopathien besteht ein Risiko für Synkopen, ventrikuläre Tachyarrhythmien und plötzlichen Herztod.
Quellen
- Byrne et al., 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes, European Heart Journal, 2023
- Vrints et al., 2024 ESC Guidelines for the management of chronic coronary syndromes, European Heart Journal, 2024
- Zeppenfeld et al., 2022 ESC Guidelines for the management of patients with ventricular arrhythmias and the prevention of sudden cardiac death, European Heart Journal, 2022
- Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische KHK, Version 7, abgerufen am 25.03.2026
- S3-Leitlinie Brustschmerz – DEGAM-Leitlinie für die primärärztliche Versorgung, Version 2.2, abgerufen am 25.03.2026
- de Alencar et al., ST segment and T wave abnormalities: A narrative review, J Electrocardiol, 2024