Adenovirusinfektion
Definition
Adenovirusinfektionen entstehen durch eine Infektion mit verschiedenen Typen des Adenovirus. Sie verursachen etwa 5–10 % der akuten respiratorischen Erkrankungen im Kindesalter sowie gastrointestinale und ophthalmologische Symptome.
Erreger
Humanpathogene Adenoviren werden der Gattung Mastadenovirus (Familie Adenoviridae) zugeordnet und als humane Mastadenoviren bezeichnet. Es handelt sich überwiegend um humanadaptierte Viren.
Adenoviren sind unbehüllte doppelsträngige DNA-Viren, die gegenüber äußere Einflüsse, insbesondere Austrocknung und Kälte, relativ resistent sind.
Die Einteilung erfolgte klassisch anhand von Serotypen (Neutralisations- und Hämagglutinationseigenschaften). Aktuell sind, je nach Klassifikationssystem, deutlich mehr als 80, teils über 100 Adenovirus-Typen bzw. -Genotypen beschrieben, die den Spezies A–G zugeordnet werden. Neuere Typen wurden vor allem durch molekulargenetische Analysen identifiziert.
Spezies
Die klinische Manifestation hängt wesentlich von der viralen Spezies und dem jeweiligen Typ ab. Die folgende Übersicht zeigt typische, jedoch nicht obligate Assoziationen.[1]
| Spezies | Serotypen | Erkrankungen |
|---|---|---|
| A | 12, 18, 31, 61 | Magen-Darm-Infektionen, bei Immunsuppression auch Dissemination, Diarrhoe |
| B | 3, 7, 11, 14, 16, 21, 34, 35, 55, 66, 68, 76–79 | Atemwegsinfekte, Cystitis (11, 21), akute hämorrhagische Zystitis nach Nierentransplantation (7, 34, 35) |
| C | 1, 2, 5, 6, 57, 89 | Atemwegsinfekte – insbesondere der oberen Atemwege (auch Tonsillitis), Magen-Darm-Infektionen; selten: Hepatitis, Harnwegsinfektionen, bei Immunsuppression auch Dissemination |
| D | 8–10, 13, 15, 17, 19, 29, 22–30, 32, 33, 36–39, 42-49, 51, 53, 54, 56, 58-60, 62-64, 65, 67, 69–75, 80-88, 90 | Konjunktivitis, insbesondere Keratokonjunktivitis epidemica durch 8, 37, 53, 54 und 64 (früher Typ 19a), Magen-Darm-Infektionen (oft asymptomatisch), asymptomatische renale Träger |
| E | 4 | Atemwegsinfekte, pharyngokonjunktivales Fieber |
| F | 40, 41 | Magen-Darm-Infektionen |
| G | 52 | Magen-Darm-Infektionen |
Übertragung
Die Übertragung der Adenoviren erfolgt über Tröpfcheninfektion, Schmierinfektion sowie fäkal-oral. Aufgrund der Umweltstabilität unbehüllter Adenoviren und ihrer relativen Resistenz gegenüber einigen Desinfektionsmitteln besteht ein erhöhtes Risiko nosokomialer Infektionen.
Die Inkubationszeit beträgt je nach klinischer Manifestation meist mehrere Tage bis etwa zwei Wochen.
Klinik
Das klinische Bild einer Adenovirusinfektion ist heterogen und reicht von inapparenten Verläufen bis zu schweren, potenziell lebensbedrohlichen Erkrankungen, insbesondere bei Neugeborenen, Kleinkindern und immunsupprimierten Patienten.
Akute respiratorische Erkrankungen
Bei Kindern ist meist der obere Respirationstrakt betroffen. Die Infektionen gehen typischerweise mit Schnupfen, einer Pharyngitis oder Tonsillitis mit wässrigen Bläschen am weichen Gaumen und einer Bronchopneumonie einher. Beim pharyngokonjuktivalen Fieber bestehen zusätzlich eine follikuläre Konjunktivitis und eine Lymphadenitis. Es kann auch zum sogenannten Pertussis-Syndrom kommen, das klinisch vom Keuchhusten kaum zu unterscheiden ist.
Bei immundefizienten Kindern und Erwachsenen ist häufig der untere Respirationstrakt betroffen. Hier kann es zu Bronchitis, Pneumonie, sowie selten auch zu extrapulmonalen Manifestationen wie Meningoenzephalitis oder Hepatitis kommen. In seltenen Fällen ist ein tödlicher Verlauf möglich.
Keratokonjunktivitis epidemica
Bei der Keratokonjunktivitis epidemica handelt es sich um eine hochkontagiöse, häufig nosokomiale Infektion des Auges, meist verursacht durch Typen der Spezies D (z.B. 8, 37, 53, 54, 64). Die typischen Symptome sind:
- Fremdkörpergefühl
- Juckreiz und Brennen
- Ödem
- Photophobie
Die Konjunktiva weist charakteristische große ovale Follikel und ggf. Pseudomembranen auf. Begleitend besteht meist eine präaurikuläre Lymphadenopathie. Hornhautbeteiligungen (subepitheliale Infiltrate) treten v.a. bei Erwachsenen auf.
Die Kontagiosität ist extrem hoch. Der direkte Erregernachweis aus dem Konjunktivalabstrich unterliegt nach §7 IfSG der Meldepflicht.
Abzugrenzen von der Keratokonjunktivitis epidemica ist die akute follikuläre Konjunktivitis, auch Schwimmbadkonjunktivitis genannt, die ebenfalls von Adenoviren verursacht werden kann.
Gastrointestinale Infektionen
Gastrointestinale Infektionen durch Adenoviren, insbesondere der Spezies F (Typen 40 und 41), führen v.a. bei Säuglingen und Kleinkindern zu einer Diarrhoe. Eine Assoziation mit Invagination und Appendizitis ist beschrieben.
Urogenitale Infektionen
Infektionen des urogenitalen Trakts können eine Zystitis (teils hämorrhagisch) verursachen. In seltenen Fällen treten genitale Ulzera auf, die differenzialdiagnostisch von sexuell übertragbaren Erkrankungen abzugrenzen sind.
Persistenz
Adenoviren können in den Tonsillen und im Urogenitaltrakt persistieren und bei Immundefizienz zu endogenen Reaktivierungen führen. Ein erheblicher Teil dieser Persistenzen verläuft inapparent.
Labormedizin
Im Gegensatz zu vielen anderen viralen Infektionen besteht bei Adenovirusinfektionen häufig eine Leukozytose und eine (meist milde) Erhöhung des CRP, was die Abgrenzung zu bakteriellen Infektionen erschweren kann.
Adenovirus-Antikörper
Serologisch lassen sich per ELISA spezifische Antikörper nachweisen und so ein indirekter Erregernachweis erbringen. Da Erwachsene im Laufe des Lebens oft kreuzreaktive Antikörper entwickeln, ist die serologische Diagnostik nur bei Kindern aussagekräftig.
Material
Für die Untersuchung wird 1 ml Serum benötigt.
Referenzbereiche
- IgG-ELISA: Kinder < 7 U/l; Erwachsene < 14 U/l
- IgM-ELISA: Kinder < 7 U/l; Erwachsene < 14 U/l
- KBR: 1:< 20
Hinweis: Referenzwerte sind häufig vom Messverfahren abhängig und können von den o.a. Werten abweichen. Ausschlaggebend sind die Referenzwerte, die vom Labor angegeben werden, das die Untersuchung durchführt.
Interpretation
- nur IgM im ansteigenden Titer nachweisbar: sehr frische Infektion (Kontrolle empfohlen!)
- IgM- und IgG-Titer nachweisbar: frische/kürzliche Infektion
- nur IgG-Titer nachweisbar: alte Infektion
- hoher IgG-Titer: erneuter Antigenkontakt (Boosterung) oder Reaktivierung
Direkter Erregernachweis
- Antigennachweis durch ELISA-Technik: v.a. Stuhlnachweise
- DNA mittels PCR: aus Sputum, Konjunktival- und Nasopharynxabstrichen
- trockener Tupfer ohne Nährmedien im sterilen Röhrchen erforderlich
- direkter Immunfluoreszenztest (IFT): aus Sputum oder Nasopharyngealabstrichen
- normaler Abstrichtupfer notwendig.
Im Falle enteritischer Erkrankungen empfiehlt sich eine Stuhluntersuchung auf mehrere enteropathogene Erreger, da man symptomatisch selten auf die Ursache schließen kann. Hier können die Viren ggf. elektronenmikroskopisch nachgewiesen werden.
Material
Die Isolation des Virus erfolgt aus:
- Rachenspülwasser
- Rachenabstrich
- Nasopharyngealabstrich
- Sputum
- Konjunktivalabstrich
- Stuhlprobe
- Urin
Referenzbereich
Die Ergebnisse sollten negativ ausfallen.
Bildgebung
Bei einer Pneumonie durch Adenoviren finden sich im Röntgen-Thorax meist bilaterale, nicht segmental lokalisierte, alveoläre Verschattungen. Teilweise finden sich überblähte oder atelektatische Areale. Hiläre Lymphknotenschwellungen und Pleuraergüsse sind häufig.
Therapie
Eine spezifisch zugelassene kausale Therapie der Adenovirusinfektion ist bislang (2026) nicht etabliert. Die Behandlung erfolgt überwiegend symptomatisch und supportiv.
Bei schweren Verläufen, insbesondere bei immunsupprimierten Patienten (z.B. nach Organ- oder Stammzelltransplantation), können in Einzelfällen therapeutische Strategien zur Reduktion der Immunsuppression sowie Off-Label der Einsatz antiviraler Substanzen (z.B. Cidofovir) erwogen werden.
Ein für die Allgemeinbevölkerung verfügbarer Impfstoff steht derzeit (2026) nicht zur Verfügung. Adenoviren werden jedoch als Vektoren in Impfstoffen gegen andere Erreger (z.B. SARS-CoV-2) eingesetzt.
Quelle
- Laborlexikon.de, abgerufen am 18.1.2021
Literatur
- ↑ RKI - Epidemiologisches Bulletin, 29. Mai 2019 / Nr. 2