Suides Herpesvirus-1
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LoslegenSynonyme: Pseudorabiesvirus, PrV, Aujeszky-Virus, Virus der Aujeszkyschen Krankheit, AKV, Pseudowut-Virus
Englisch: suid alphaherpesvirus 1, pseudorabies virus, Aujeszky's disease virus
Definition
Das Suide Herpesvirus 1, kurz SuHV-1, ist ein behülltes DNA-Virus aus der Familie der Orthoherpesviridae. Es ist der Erreger der Aujeszky-Krankheit (Pseudowut) und zeichnet sich durch ein für Herpesviren ungewöhnlich breites Wirtsspektrum aus.[1]
Taxonomie
- Klassifikation: Viren
- Realm: Duplodnaviria
- Reich: Heunggongvirae
- Phylum: Peploviricota
- Klasse: Hervivirecetes
- Ordnung: Herpesvirales
- Familie: Orthoherpesviridae
- Unterfamilie: Alphaherpesvirinae
- Gattung: Varicellovirus
- Art: Viricellovirus suidalpha1
- Unterart: Suid Herpesvirus 1
- Art: Viricellovirus suidalpha1
- Gattung: Varicellovirus
- Unterfamilie: Alphaherpesvirinae
- Familie: Orthoherpesviridae
- Ordnung: Herpesvirales
- Klasse: Hervivirecetes
- Phylum: Peploviricota
- Reich: Heunggongvirae
- Realm: Duplodnaviria
SuHV-1 ist nahe mit dem humanpathogenen Varizella-Zoster-Virus verwandt. Auch die Herpes-simplex-Viren gehören zur selben Unterfamilie. Es existiert nur ein Serotyp.[2]
Morphologie
SuHV-1 besitzt den typischen Aufbau eines Herpesvirions. Von innen nach außen sind das:
- ein Core mit dem linearen, doppelsträngigen DNA-Genom von etwa 143 kbp
- ein ikosaedrisches Kapsid aus 162 Kapsomeren
- das Tegument, eine Proteinschicht zwischen Kapsid und Hülle
- die Virushülle mit eingelagerten Glykoproteinen
Das vollständige Virion hat einen Durchmesser von etwa 150–200 nm. Im Vergleich zu anderen Herpesviren weist der Erreger eine hohe Tenazität auf und bleibt in der Umwelt sowie in Fleischprodukten über längere Zeit infektiös.[1]
Vorkommen
SuHV-1 ist weltweit verbreitet. Natürlicher Wirt und alleiniges Erregerreservoir sind Schweineartige, also Hausschwein und Schwarzwild, in denen sich das Virus produktiv vermehren und eine lebenslange Latenz etablieren kann. Zahlreiche weitere Säugetiere können sich infizieren, fungieren jedoch nur als Fehlwirte ohne Bedeutung für die Erhaltung des Erregers.
Mehrere Länder haben den Erreger durch konsequente Impf- und Tilgungsprogramme aus den Hausschweinebeständen eliminiert. Deutschland gilt seit 2003 als amtlich frei. In Wildschweinpopulationen zirkuliert SuHV-1 dagegen vielerorts weiterhin.[3]
Übertragung
Die Übertragung erfolgt überwiegend durch direkten Kontakt über den oronasalen Weg, bei Wildschweinen auch genital. Daneben sind eine aerogene Übertragung sowie eine indirekte Verbreitung über kontaminierte Gegenstände und Fleischprodukte möglich. Nach der akuten Infektion zieht sich der Erreger in die Spinal- und Hirnnervenganglien zurück, insbesondere in das Ganglion trigeminale, und persistiert dort latent. Unter Stress oder Immunsuppression kann das Virus reaktivieren und erneut ausgeschieden werden.[1]
Nachweis
Der direkte Erregernachweis gelingt durch Virusisolierung in der Zellkultur sowie durch PCR. Serologisch werden Antikörper mittels ELISA erfasst. Eine zentrale Rolle spielt der gegen das Glykoprotein E gerichtete gE-ELISA, der im Rahmen der DIVA-Strategie infizierte von geimpften Tieren unterscheidet.[2]
Anzucht
SuHV-1 lässt sich in einer Vielzahl von Zelllinien vermehren, darunter porzine Nierenzellen (PK-15) und Vero-Zellen. Charakteristisch ist ein ausgeprägter zytopathischer Effekt mit Ausbildung von Synzytien. Das breite In-vitro-Wirtsspektrum spiegelt die geringe Wirtsspezifität des Erregers wider.[1]
Pathogenitätsfaktoren
Die Virulenz und insbesondere die neurotrope Ausbreitung des Virus werden durch mehrere Genprodukte bestimmt. Die wichtigsten Faktoren sind:
| Faktor | Funktion |
|---|---|
| Glykoproteine gB, gD, gH/gL | essenziell für Adsorption, Penetration und Membranfusion |
| Glykoprotein gC | Bindung an Heparansulfat bei der initialen Adsorption |
| gE/gI-Komplex und Us9 | anterograder axonaler Transport, Neurovirulenz |
| Thymidinkinase (TK) | Neurovirulenz und Reaktivierung aus der Latenz |
Die Deletion nicht-essenzieller Faktoren wie gE oder TK attenuiert das Virus, ohne die Immunogenität aufzuheben – die molekulare Grundlage moderner Markerimpfstoffe.[2]
Klinik
Aujeszky-Krankheit
Im natürlichen Wirt Schwein verläuft die Infektion altersabhängig: Ferkel entwickeln eine meist tödliche Meningoencephalitis, während adulte Tiere überwiegend respiratorische oder subklinische Verläufe sowie Fruchtbarkeitsstörungen zeigen. Bei allen übrigen empfänglichen Säugetieren verläuft die Erkrankung unter dem Bild eines hochgradigen Juckreizes („mad itch") innerhalb weniger Tage letal. Pferde, Hühner und Primaten gelten als weitgehend resistent.[4]
siehe auch: Aujeszky-Krankheit des Schweines, - der Katze, - des Hundes
Zoonotisches Potenzial
Der Mensch galt lange als nicht empfänglich. Seit 2017 sind jedoch – vor allem in China – durch neue Virusvarianten verursachte zoonotische Infektionen mit Enzephalitis und Endophthalmitis dokumentiert. Bis 2023 wurden 31 laborbestätigte Humanfälle beschrieben.[5]
Bekämpfung
Eine spezifische Therapie existiert derzeit (2026) nicht. Die Kontrolle beruht auf Impfung mit gE-Deletionsvakzinen (DIVA), Biosicherheit und staatlich geregelten Tilgungsprogrammen. Die Aujeszky-Krankheit ist eine anzeigepflichtige Tierseuche.
Forschung
Neurowissenschaftliche Forschung
SuHV-1, vor allem der attenuierte Stamm Bartha, wird als transsynaptischer Tracer zur Kartierung neuronaler Schaltkreise eingesetzt. Das Virus repliziert sich entlang verschalteter Neurone selbstständig weiter und macht so mehrere hintereinandergeschaltete Synapsen sichtbar. Durch gentechnisch eingeführte Reportergene lassen sich mit isogenen Rekombinanten sogar zwei Schaltkreise gleichzeitig darstellen.[1]
Vektorsystem
Durch gezielte genetische Modifikation wurde SuHV-1 zu einem viralen Vektorsystem für die Expression fremder Gene weiterentwickelt und dient als Grundlage für Kombinationsimpfstoffe gegen weitere Schweinekrankheiten.[2]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Pomeranz LE, Reynolds AE, Hengartner CJ. Molecular biology of pseudorabies virus: impact on neurovirology and veterinary medicine. Microbiol Mol Biol Rev. 2005;69(3):462-500.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Mettenleiter TC. Aujeszky's Disease and the Development of the Marker/DIVA Vaccination Concept. Pathogens. 2020;9(7):563.
- ↑ Freuling CM, Müller TF, Mettenleiter TC. Vaccines against pseudorabies virus (PrV). Vet Microbiol. 2016;206:3-9.
- ↑ Sehl J, Teifke JP. Comparative Pathology of Pseudorabies in Different Naturally and Experimentally Infected Species – A Review. Pathogens. 2020;9(8):633.
- ↑ Wang TY, Li C, Cai XH, Shan T, Tang YD. Spillover of pseudorabies virus variants to humans: an urgent call for pseudorabies eradication in domestic pigs. Lancet Microbe. 2026;7(5):101351.