Persistierende Arteria ischiadica
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LoslegenSynonyme: Arteria ischiadica persistens, persistierende Ischiadikusarterie
Englisch: persistent sciatic artery, PSA
Definition
Die persistierende Arteria ischiadica, kurz PAI, ist eine seltene angeborene Gefäßanomalie der unteren Extremität. Sie beruht darauf, dass die embryonale Arteria ischiadica als direkte Fortsetzung der Arteria iliaca interna erhalten bleibt und sich die Arteria femoralis nicht oder nur unvollständig ausbildet. Die Anomalie verläuft zunächst meist asymptomatisch und wird häufig erst durch Komplikationen auffällig, insbesondere durch ein Aneurysma oder eine Minderperfusion des Beins.[1]
Epidemiologie
Die Inzidenz wird auf 0,01–0,06 % geschätzt. Weltweit sind bislang (2026) weniger als 200 Fälle publiziert.[2] Die umfangreichste systematische Übersicht wertete 159 persistierende Arteriae ischiadicae bei 122 Patienten aus. Das mittlere Alter bei Diagnosestellung lag bei 57 Jahren, die Geschlechterverteilung war annähernd ausgeglichen. In etwa 70 % der Fälle lag die Anomalie einseitig vor, in 30 % bilateral. Rund 80 % entsprachen dem kompletten Typ.[1] Da asymptomatische Formen nur zufällig entdeckt werden, ist von einer erheblichen Untererfassung auszugehen.
Ätiopathogenese
Die Arteria ischiadica geht als Ast aus der Arteria umbilicalis hervor. Mit der Ausbildung der Femoralarterie bildet sie sich normalerweise um den dritten Schwangerschaftsmonat zurück, nach embryologischen Untersuchungen etwa im Stadium einer Scheitel-Steiß-Länge von 22 bis 25 mm.[2] Bleibt die Entwicklung der Femoralarterie aus oder verläuft sie unvollständig, persistiert die Arteria ischiadica und übernimmt die Hauptversorgung des Beins. Die Ursachen dieser Entwicklungsstörung sind bislang unklar.
Die persistierende Arteria ischiadica entspringt der Arteria iliaca interna, meist deren vorderem Ast. Da über diesen Ursprung die gesamte arterielle Versorgung des Beins läuft, ist die Arteria iliaca interna bei dieser Anomalie im Vergleich zur Arteria iliaca externa großlumiger. Normalerweise ist es umgekehrt, da die Arteria iliaca externa über die Arteria femoralis das Hauptgefäß der Beinversorgung darstellt.
Das Gefäß tritt durch das Foramen ischiadicum majus unterhalb des Musculus piriformis aus dem Becken und verläuft ab dort unmittelbar neben dem Nervus ischiadicus, in einzelnen Fällen sogar innerhalb der Nervenscheide. Nach dem Verlauf um den Musculus gluteus maximus zieht es entlang des Musculus adductor magnus und geht lateral dessen Insertionsstelle in der Fossa poplitea in die Arteria poplitea über. Charakteristisch ist ein dilatiertes Gefäß mit gewundenem Verlauf.
Einteilung
Grundlegend wird nach der Blutversorgung der unteren Extremität zwischen zwei Formen unterschieden: Beim kompletten Typ ist die persistierende Arteria ischiadica der Hauptversorger, während die Arteria femoralis hypoplastisch angelegt ist und im Oberschenkel endet. Beim inkompletten Typ ist die Arteria femoralis das Hauptgefäß, die persistierende Arteria ischiadica ist hypoplastisch und über Kollateralen mit der Fossa poplitea verbunden.[2]
Feiner differenziert die von Pillet beschriebene und von Gauffre um einen fünften Typ ergänzte Klassifikation:[2]
| Typ | Persistierende Arteria ischiadica | Arteria femoralis |
|---|---|---|
| I | komplett | normal angelegt |
| IIa | komplett | inkomplett, erreicht die Arteria poplitea nicht |
| IIb | komplett | fehlt |
| III | inkomplett, nur proximaler Anteil persistierend | normal angelegt |
| IV | inkomplett, nur distaler Anteil persistierend | normal angelegt |
| Va | Ursprung aus der Arteria sacralis mediana | entwickelt |
| Vb | Ursprung aus der Arteria sacralis mediana | nicht entwickelt |
Die Zuordnung ist klinisch relevant, da sie darüber entscheidet, ob das Gefäß ohne Revaskularisation ausgeschaltet werden kann.
Symptome
Etwa 20 % der Betroffenen sind asymptomatisch. Rund 80 % zeigen Symptome, wobei sich etwa die Hälfte subakut bis chronisch und ein Viertel akut vorstellt.[1] Das Beschwerdebild umfasst:
- Claudicatio intermittens, überwiegend als Waden- oder Gesäßclaudicatio
- pulsierende, teils druckschmerzhafte Raumforderung im Gesäßbereich bei Aneurysma (ca. 48 % der Fälle)[2]
- radikuläre Schmerzen, Parästhesien oder motorische Schwäche im Versorgungsgebiet des Nervus ischiadicus bei Kompressionsneuropathie
- Ruheschmerz, trophische Störungen und Nekrosen bei kritischer Perfusionsstörung durch Stenose (ca. 7 %), Verschluss der persistierenden Arteria ischiadica (ca. 9 %) oder Verschluss eines distal gelegenen Gefäßes (ca. 6 %)[1]
Die akute Extremitätenischämie ist nach aktuellen Auswertungen die zweithäufigste Manifestationsform.[3] Vereinzelt ist die persistierende Arteria ischiadica mit weiteren Anomalien assoziiert, unter anderem mit arteriovenösen Fisteln, einer Hypertrophie des betroffenen Beins, atypisch verteilten Varizen und einer Arteria lusoria.
Diagnostik
Klinische Untersuchung
Bei fehlendem oder abgeschwächtem Leistenpuls können die distalen Fußpulse tastbar sein.[2] Der Knöchel-Arm-Index – gegebenenfalls mit Belastungsuntersuchung – dient zur Objektivierung einer hämodynamisch relevanten Perfusionsstörung. Die Duplexsonographie eignet sich als orientierendes und für die Verlaufskontrolle geeignetes Verfahren.
Methode der Wahl zur Diagnosesicherung ist die CT-Angiographie; alternativ kommen die Magnetresonanzangiographie und die digitale Subtraktionsangiographie zum Einsatz.[2] Der wesentliche Vorteil der Schnittbildverfahren liegt darin, dass neben dem Gefäßverlauf auch die Lagebeziehung zu den Nachbarstrukturen – insbesondere zum Nervus ischiadicus – abgebildet wird. Diese Information ist für die Planung eines operativen Eingriffs unverzichtbar.[4] Eine diagnostische Punktion ohne vorherige Bildgebung ist kontraindiziert.[2]
Differentialdiagnose
Bei jungen Patienten oder bei Fehlen klassischer kardiovaskulärer Risikofaktoren sind neben der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit weitere seltene Ursachen einer Durchblutungsstörung abzugrenzen, z.B.:
Therapie
Die Evidenz beruht ausschließlich auf Fallberichten und systematischen Literaturübersichten.[5] Das Vorgehen richtet sich nach Symptomatik, zugrundeliegender Pathologie und anatomischem Typ.
Konservatives Vorgehen
Asymptomatische Patienten benötigen keine Intervention. Es besteht Konsens, dass sie über die potenziellen Komplikationen – insbesondere Aneurysmabildung mit Rupturgefahr und peripherer Ischämie – aufgeklärt und in regelmäßigen Abständen klinisch sowie duplexsonographisch kontrolliert werden müssen.[1] Bei nicht kritischem Verschluss und hohem Interventionsrisiko kann eine rein medikamentöse Therapie mit Thrombozytenaggregationshemmung gerechtfertigt sein.
Endovaskuläre Therapie
Bei Aneurysmen hat sich die Ausschaltung mittels Stentgraft etabliert. Eine systematische Übersicht von 15 endovaskulär behandelten Patienten zeigte einen technischen Erfolg in allen Fällen mit Aneurysmaschrumpfung oder vollständigem Verschluss; periprozedural trat lediglich ein Endoleak mit distaler Dissektion auf. Über eine mittlere Nachbeobachtung von 22 Monaten blieben alle Patienten beschwerdefrei.[1] Bei Stenose oder Verschluss kommen Ballonangioplastie, Stentimplantation, Thrombektomie und Katheterlyse zum Einsatz.[5]
Auch nach initial erfolgreicher Stentgraft-Implantation sind Aneurysmarezidive am Stentende im Langzeitverlauf beschrieben. Eine dauerhafte bildgebende Nachsorge ist daher erforderlich.[6]
Operative Therapie
Zur Verfügung stehen die proximale und distale Ligatur, die Aneurysmaausschaltung mit anschließender Bypassanlage sowie die Embolektomie.[1] Bei inkompletter persistierender Arteria ischiadica und ausreichender cruraler Perfusion über die Arteria femoralis kann das Gefäß ohne Revaskularisation ligiert werden. Beim kompletten Typ ist dagegen eine Rekonstruktion erforderlich, meist als femoropoplitealer oder iliopoplitealer transobturatorischer Bypass. Als Graft wird bevorzugt die umgekehrte Vena saphena magna verwendet.[2] Bei der Exzision eines Aneurysmas besteht ein hohes Risiko der Verletzung des unmittelbar benachbarten Nervus ischiadicus.
Zunehmend werden Hybridverfahren beschrieben, bei denen ein offen-chirurgischer Bypass mit einer endovaskulären Embolisation des Aneurysmas kombiniert wird.[7]
Prognose
Die Prognose hängt maßgeblich davon ab, ob Komplikationen rechtzeitig erkannt werden. Endovaskuläre Verfahren zeigen im mittelfristigen Verlauf gute Offenheitsraten.[8] Belastbare Langzeitdaten fehlen jedoch: Selbst Verläufe über 6–12 Monate wurden in den publizierten Fallberichten nur unvollständig berichtet, sodass sich aus der Literatur keine evidenzbasierte Nachsorgestrategie ableiten lässt.[1]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 van Hooft IM et al. The persistent sciatic artery. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2009;37(5):585-91.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 2,7 2,8 Nirhale DS et al. Bilateral Persistent Sciatic Artery – An Infrequent Occurrence: A Case Report with Review of Literature. Ann Afr Med. 2024;23(3):505-8.
- ↑ Abdul-Hafez HA et al. Bilateral Persistent Sciatic Artery With Unilateral Thrombosis: A Rare Case of Acute Limb Ischemia Successfully Managed With Endovascular Intervention. Catheter Cardiovasc Interv. 2026;108(3):669-72.
- ↑ Lin B et al. Endovascular repair of persistent sciatic artery aneurysm: A case report and imaging diagnosis insights. Sci Prog. 2026;109(2):368504261432808.
- ↑ 5,0 5,1 Mariani E et al. Endovascular Treatment of Persistent Sciatic Artery Occlusion: Case Report and Literature Review. Ann Vasc Surg. 2021;74:526.e13-526.e23.
- ↑ Khalaf M et al. Aneurysm of the sciatic artery: A rare case report. Radiol Case Rep. 2025;20(4):1888-92.
- ↑ Cvetic V et al. Successful Hybrid Approach Treatment of a Large Persistent Sciatic Artery Aneurysm – A Case Report. Medicina (Kaunas). 2023;59(7):1328.
- ↑ Charisis N et al. Endovascular Treatment of Persistent Sciatic Artery Aneurysms With Primary Stenting: A Systematic Review of the Literature. Vasc Endovascular Surg. 2020;54(3):264-71.
Literatur
- Kretzschmar D. Persistierende A. ischiadica. In: Klinische Angiologie. Springer Reference Medizin. Berlin, Heidelberg: Springer (e.Medpedia).
- Sainz González F et al. Persistent sciatic artery: A case report and literature review. Neurocirugia (Engl Ed). 2022;33(5):254-7.