Gefäßanomalie
Synonym: vaskuläre Anomalie
Englisch: vascular anomaly
Definition
Gefäßanomalien sind eine heterogene Gruppe von Erkrankungen der Blut- und/oder Lymphgefäße, die entweder auf entwicklungsbedingten Gefäßfehlbildungen oder auf vaskulären Tumoren mit endothelialer Proliferation beruhen.
Einteilung
Die Gruppe der Gefäßanomalien schließt zwei grundsätzlich unterschiedliche Entitäten ein:
- Vaskuläre Tumoren: Gefäßtumoren sind durch endotheliale Zellproliferation gekennzeichnet. Sie entstehen meist postnatal, zeigen ein aktives Wachstumsverhalten und können sich im Verlauf spontan zurückbilden. Der häufigste Vertreter dieser Gruppe ist das infantile Hämangiom. Es weist eine charakteristische Abfolge aus Proliferations- und Involutionsphase auf. Weitere Gefäßtumoren umfassen unter anderem kongenitale Hämangiome sowie seltene, teils aggressive oder maligne Entitäten.
- Vaskuläre Fehlbildungen: Gefäßfehlbildungen beruhen auf einer gestörten embryonalen Gefäßentwicklung. Sie sind bei Geburt angelegt, auch wenn sie klinisch erst später manifest werden, wachsen proportional zum Körper und regredieren nicht spontan. Sie bestehen aus strukturell abnormalen, aber nicht proliferierenden Gefäßkomponenten.
Diese Unterscheidung ist die Grundlage der heute international akzeptierten ISSVA-Klassifikation. Sie wird in der klinischen Praxis häufig durch historisch gewachsene, unscharfe Begriffe wie "Angiom" oder "kavernöses Hämangiom" verwischt, was eine frequente Ursache von Fehlbehandlungen ist.
...nach ISSVA-Klassifikation
Die international anerkannte ISSVA-Klassifikation (International Society for the Study of Vascular Anomalies) bildet heute den verbindlichen Referenzrahmen für die Einteilung von Gefäßanomalien. Sie trennt strikt zwischen Tumoren und Fehlbildungen und untergliedert letztere nach dem beteiligten Gefäßtyp sowie nach hämodynamischen Kriterien. Die ISSVA-Klassifikation ist nicht nur eine taxonomische Ordnung, sondern besitzt unmittelbare klinische Relevanz, da sie Diagnostik, Therapieplanung und Prognose steuert.
siehe Hauptartikel: ISSVA-Klassifikation
...nach Hämodynamik
Gefäßfehlbildungen können hämodynamisch weiter unterteilt werden. Low-Flow-Malformationen umfassen Fehlbildungen ohne arteriovenöse Kurzschlussverbindungen. Dazu zählen venöse, kapilläre und lymphatische Fehlbildungen sowie kombinierte Formen. Sie sind durch einen langsamen Blut- oder Lymphfluss gekennzeichnet und führen typischerweise zu Volumenzunahme, Stauung, Schmerz oder lokalen Funktionseinschränkungen. High-Flow-Malformationen sind durch direkte arteriovenöse Shunts charakterisiert. Sie können erhebliche hämodynamische Auswirkungen haben, bis hin zu kardialer Volumenbelastung und Herzinsuffizienz.
Pathogenese
Gefäßfehlbildungen beruhen mehrheitlich auf somatischen, postzygotischen Mutationen, die zu einem genetischen Mosaik führen. In den letzten Jahren konnten zentrale molekulare Signalwege identifiziert werden, insbesondere der PI3K-AKT-mTOR-Signalweg sowie der RAS-MAPK-Signalweg. Diese Erkenntnisse erklären die klinische Heterogenität sowie die oft segmentale oder fokale Manifestation. Zugleich bilden sie die Grundlage für den Einsatz zielgerichteter Therapien bei ausgewählten Patienten.
Gefäßtumoren unterliegen hingegen primär proliferationsgetriebenen Mechanismen, die mit einer temporär erhöhten endothelialen Zellteilung verbunden sind, beispielsweise GLUT-1 beim infantilen Hämangiom.
Klinik
Das klinische Erscheinungsbild vaskulärer Anomalien ist sehr variabel. Es hängt vom Gefäßtyp, der Ausdehnung, der Lokalisation und der Hämodynamik ab.
- Gefäßtumoren manifestieren sich häufig früh im Leben und zeigen charakteristische Wachstumsdynamiken. Symptome resultieren meist aus Volumeneffekten, funktioneller Beeinträchtigung oder Ulzerationen während der Proliferationsphase.
- Gefäßfehlbildungen präsentieren sich meist als persistierende oder progrediente Weichteilveränderungen mit Schwellung, Schmerz, funktioneller Einschränkung oder kosmetischer Beeinträchtigung. High-Flow-Läsionen können zusätzlich systemische Symptome wie Belastungsdyspnoe oder Zeichen einer Herzinsuffizienz verursachen. Viele vaskuläre Fehlbildungen zeigen in Phasen hormoneller Veränderungen, nach Traumata oder operativen Eingriffen ein verstärktes Wachstum.
Diagnostik
Die Diagnostik von Gefäßanomalien basiert auf einer präzisen morphologischen und hämodynamischen Charakterisierung. Neben der klinischen Untersuchung kommt der Bildgebung eine Schlüsselrolle zu. Die Sonographie mit Farbdoppler erlaubt eine Einschätzung von Gefäßtyp und Flussverhalten. Die Magnetresonanztomographie (MRT) bzw. MR-Angiographie (MRA) ist das Hauptverfahren zur Darstellung der Ausdehnung, der beteiligten Gewebekompartimente und der Flusscharakteristika. Bei Verdacht auf High-Flow-Läsionen oder zur Therapieplanung kann auch eine konventionelle Angiographie erforderlich sein.
Biopsien sollten in der Regel vermieden werden, außer bei unklaren Tumoren oder atypischem Verlauf.
Therapie
Die Therapie von Gefäßanomalien ist komplex, individuell und häufig interdisziplinär. Ziel ist nicht zwingend die vollständige Eliminierung der Läsion, sondern die Symptomkontrolle und Funktionsverbesserung sowie die Vermeidung von Komplikationen. Therapeutische Optionen umfassen konservative Maßnahmen, interventionell-radiologische Verfahren (Sklerotherapie, Embolisation), chirurgische Eingriffe sowie in ausgewählten Fällen systemische medikamentöse Therapien. Die Wahl der Therapie hängt wesentlich vom Fehlbildungstyp, der Hämodynamik und der klinischen Symptomatik ab.
Prognose
Die Prognose vaskulärer Anomalien ist heterogen und stark vom zugrunde liegenden Typ abhängig. Während viele Low-Flow-Malformationen einen langsam progredienten, lokal begrenzten Verlauf zeigen, können High-Flow-Läsionen mit erheblichen systemischen Komplikationen einhergehen. Durch verbesserte Klassifikation, moderne Bildgebung und neue therapeutische Optionen hat sich die Prognose vieler Patienten in den letzten Jahren deutlich verbessert. Bei den meisten vaskulären Fehlbildungen ist jedoch eine lebenslange Verlaufskontrolle erforderlich.