Lipid-Rescue
Synonyme: Lipidrescue, Lipidtherapie, intravenöse Lipidemulsionstherapie, ILE-Therapie
Englisch: lipid rescue, intravenous lipid emulsion therapy, ILE
Definition
Als Lipid Rescue wird die intravenöse Gabe einer 20%igen Fettemulsion zur Behandlung einer schweren systemischen Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST) sowie ausgewählter Vergiftungen mit anderen lipophilen Pharmaka bezeichnet. Die Therapie zielt auf die Reversion kardiovaskulärer Toxizitätssymptome ab.
Hintergrund
Die Idee, eine Bupivacain-induzierte Kardiotoxizität durch eine intravenöse Lipidgabe zu antagonisieren, wurde erstmals 1998 in tierexperimentellen Arbeiten von Guy Weinberg beschrieben.[1] Acht Jahre später folgten die ersten erfolgreichen Anwendungen am Menschen. Seither hat sich die Lipidemulsion als unverzichtbarer Bestandteil im Therapiealgorithmus der schweren LAST etabliert. Sie wird von internationalen Fachgesellschaften wie der American Society of Regional Anesthesia and Pain Medicine (ASRA) und der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) empfohlen.[2] Die Behandlung erfolgt formal im Rahmen eines Off-Label-Use, da Fettemulsionen arzneimittelrechtlich primär zur parenteralen Ernährung zugelassen sind. Eine Meldepflicht besteht nicht, eine Dokumentation in nationalen oder internationalen Registern (z.B. www.lipidrescue.org) wird jedoch dringend empfohlen.[3]
Die Evidenz beruht überwiegend auf tierexperimentellen Arbeiten, Fallserien und Registerdaten, nicht auf randomisierten kontrollierten Studien. In einer Auswertung der Jahre 2014 bis 2016 wurden 47 publizierte LAST-Fälle dokumentiert, von denen 47 % mit Lipidemulsion behandelt wurden. Die Letalität lag bei 4,3 %.[4] Eine systematische Übersichtsarbeit zu pädiatrischen LAST-Fällen zeigte unter Lipidtherapie in 20 von 21 Fällen eine vollständige Erholung.[5]
Wirkmechanismus
Der genaue Wirkmechanismus ist bisher (2026) nicht abschließend geklärt. Diskutiert wird ein multimodales Zusammenspiel mehrerer Effekte:
- Lipid Sink (Lipidsenke): Hochlipophile Lokalanästhetika – allen voran Bupivacain – werden aus dem Myokard und dem Zentralnervensystem in die neu geschaffene Lipidphase des Plasmas umverteilt.
- Lipid Shuttle: Beschleunigte Redistribution lipophiler Substanzen in metabolisierende Organe wie Leber und Muskel.
- Kardiotone und vasoaktive Effekte: Bereitstellung freier Fettsäuren als Energiesubstrat für das Myokard, positive Inotropie sowie Anstieg des peripheren Gefäßwiderstands.
- Mitochondriale Effekte: Wiederherstellung der mitochondrialen ATP-Produktion
- Postkonditionierung: Kardioprotektive Signalwege über die Glykogensynthase-Kinase-3β (GSK-3β).
- Reversion der Ionenkanal-Blockade: Antagonisierung der Natriumkanalblockade sowie Beeinflussung von Kalium- und Calciumkanälen der Kardiomyozyten.[1]
Die Anwendung von fetthaltigem Propofol ist keine Alternative zur Lipidemulsion – die Lipidkonzentration ist deutlich geringer und die negativ inotrope Wirkung des Propofols verschlechtert die hämodynamische Situation.[6]
Indikationen
Lokalanästhetika-Intoxikation
Die primäre und am besten belegte Indikation ist die schwere systemische Lokalanästhetika-Intoxikation mit:
- therapierefraktären Krampfanfällen
- Herzrhythmusstörungen oder zunehmender hämodynamischer Instabilität
- Herz-Kreislauf-Stillstand im Rahmen einer LAST
Besonders relevant ist Lipid Rescue bei Intoxikationen mit hochlipophilen Substanzen wie Bupivacain, Levobupivacain und Ropivacain.[3]
Weitere Intoxikationen
Bei Intoxikationen mit anderen lipophilen Pharmaka ist die Datenlage uneinheitlich. Berichtet wurde der Off-Label-Einsatz unter anderem bei Vergiftungen mit:
- lipophilen Antiarrhythmika (z.B. Verapamil, Diltiazem, Propranolol)
- trizyklischen Antidepressiva (z.B. Amitriptylin)
- atypischen Antipsychotika (z.B. Olanzapin, Quetiapin)
- lipophilen Pestiziden
Internationale toxikologische Fachgesellschaften sprechen lediglich eine schwache Empfehlung für den Einsatz außerhalb der LAST aus.[7]
Durchführung
Vorbereitung
Wegen der Seltenheit, aber Schwere der LAST wird empfohlen, in jeder Einrichtung, in der Regionalanästhesien oder größere Volumina von Lokalanästhetika appliziert werden, ein vorbereitetes „LAST-Kit" bereitzuhalten. Dieses sollte mindestens zwei Flaschen (à 500 ml) einer 20%igen Lipidemulsion, ein aktuelles Dosierungsschema sowie das ASRA- oder DGAI-Notfallchecklistenformat enthalten.
Dosierung
Lipid Rescue ergänzt – ersetzt aber nicht – die Standardmaßnahmen bei einer LAST. Verwendet wird ausschließlich eine 20%ige Fettemulsion (z.B. Lipovenös® 20 %, Intralipid® 20 %). Das von der DGAI empfohlene Schema lautet:
| Schritt | Dosis (Erwachsene >70 kg) | Dosis (Kinder, Erwachsene <70 kg) |
|---|---|---|
| Initialbolus über 1 min | 100 ml | 1,5 ml/kg KG |
| Kontinuierliche Infusion | 250 ml über 15–20 min
(Laufrate 750 ml/h) |
0,25 ml/kg KG/min |
| Bei Persistenz der Symptome | Bolus (100 ml) nach 5 min wiederholen (max. 2×) | |
| Maximaldosis (in der Akutphase) | 10–12 ml/kg KG in 30 min | |
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
siehe auch: Therapie der LAST
Nebenwirkungen
Lipid Rescue gilt bei korrekter Indikationsstellung und Dosierung als nebenwirkungsarm. Berichtet werden:
- allergische Reaktionen bis hin zur Anaphylaxie (insbesondere bei Soja- oder Eilecithin-Allergie)
- Pankreatitis und Hyperlipidämie bei hohen kumulativen Dosen
- Beeinträchtigung von Laborwerten durch Lipidämie (z.B. Hämolysenachweis, Bilirubin, Amylase)
- Verstopfung von extrakorporalen Kreisläufen und Oxygenatoren
- selten: akutes Lungenversagen (ARDS), Fettembolie-Syndrom
- Interaktion mit gleichzeitig laufender Hämofiltration oder Plasmapherese[8]
Literatur
- Wiesmann T, Schubert AK, Volk T, Kubulus C, Zausig Y, Graf BM et al. S1-Leitlinie: Prävention & Therapie der systemischen Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST). Aktualisierte Handlungsempfehlungen der DGAI. AWMF-Registernummer 001-044. Anästh Intensivmed 2020;61:225-238 (Leitlinie zwischenzeitlich abgelaufen, Stand 01/2025).
- Roewer N, Thiel H. Anästhesie compact. 6. Aufl. Thieme; 2020.
- Striebel HW. Die Anästhesie. 4. Aufl. Schattauer; 2019.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Ok SH et al. Lipid Emulsion for Treating Local Anesthetic Systemic Toxicity. Int J Med Sci. 2018;15(7):713-722.
- ↑ Neal JM et al. The Third American Society of Regional Anesthesia and Pain Medicine Practice Advisory on Local Anesthetic Systemic Toxicity: Executive Summary 2017. Reg Anesth Pain Med. 2018;43(2):113-123.
- ↑ 3,0 3,1 Long B et al. Local anesthetic systemic toxicity: A narrative review for emergency clinicians. Am J Emerg Med. 2022;59:42-48.
- ↑ Gitman M, Barrington MJ. Local Anesthetic Systemic Toxicity: A Review of Recent Case Reports and Registries. Reg Anesth Pain Med. 2018;43(2):124-130.
- ↑ Lee SH et al. Lipid emulsion treatment for local anesthetic systemic toxicity in pediatric patients: A systematic review. Medicine (Baltimore). 2024;103(11):e37534.
- ↑ El-Boghdadly K et al. Local anesthetic systemic toxicity: current perspectives. Local Reg Anesth. 2018;11:35-44.
- ↑ Harvey M, Cave G. Lipid emulsion in local anesthetic toxicity. Curr Opin Anaesthesiol. 2017;30(5):632-638.
- ↑ Gitman M et al. Local Anesthetic Systemic Toxicity: A Narrative Literature Review and Clinical Update on Prevention, Diagnosis, and Management. Plast Reconstr Surg. 2019;144(3):783-795.