Lokalanästhetika-Intoxikation
Englisch: local anesthetic systemic toxicity, LAST, local anaesthetic poisoning
Definition
Die Lokalanästhetika-Intoxikation, kurz LAST, bezeichnet eine akute, potenziell lebensbedrohliche Vergiftung durch eine übermäßige systemische Aufnahme von Lokalanästhetika. Die Toxizität manifestiert sich hauptsächlich in zentralnervösen und kardiovaskulären Symptomen.
Epidemiologie
Eine Intoxikation mit Lokalanästhetika ist sehr selten. Die Inzidenz wird angegeben mit:
- Epiduralanästhesie: ca. 0,012–0,11 % (12–110 / 100.000)
- periphere Nervenblockaden: ca. 0,04–0,18 % (40–180 / 100.000)
Durch die zunehmende Verbreitung ultraschallgestützter Punktionstechniken ist die Inzidenz in den letzten Jahren rückläufig.
Pathophysiologie
Die Intoxikation führt primär zur Blockade spannungsabhängiger Natriumkanäle im ZNS und Herzen. Zusätzlich werden spannungsabhängige Kalium- und Calciumkanäle sowie mitochondriale Enzyme der oxidativen Phosphorylierung beeinträchtigt. Hypoxie und Azidose potenzieren die Toxizität.
Ursachen
- Versehentliche intravaskuläre Injektion
- Überdosierung bzw. Überschreiten der Maximaldosis
- Zu schnelle Aufnahme des Medikaments in den Kreislauf, insbesondere bei Injektionen in gut vaskularisierte Gebiete
Risikofaktoren
Anwenderseitig
- Nutzung potenter, lipophiler Lokalanästhetika (z.B. Bupivacain, Ropivacain)
- Nervenblockaden und kontinuierliche Katheter-Infusionen
- Injektionsstellen mit schneller Resorption (z.B. Interkostalblockade)
Patientenseitig
- kardiale Vorerkrankungen, Diabetes mellitus, Nerven-, Nieren- oder Lebererkrankungen
- sehr hohes (>60 Jahre) und sehr junges (<16 Jahre) Lebensalter
- weibliches Geschlecht
- Schwangerschaft
Klinik
Charakteristische Erstsymptome einer Lokalanästhetika-Intoxikation sind periorale Taubheit, metallischer Geschmack, Krampfanfälle und potenziell tödliche Herzrhythmusstörungen.
Zentrales Nervensystem
- Metallischer Geschmack
- Periorale Taubheit
- Verwirrtheit
- Tinnitus
- Tremor
- Myoklonien
- Muskelkrämpfe
- Nausea
- Vigilanzminderung
- Sehstörungen (insbesondere Farbsehstörungen)
- generalisierte tonisch-klonische Krampfanfälle (in schweren Fällen)
- nachfolgend ZNS-Depression mit Atemdepression
Kardiovaskuläres System
- Hypotonie
- Bradykardie oder Tachykardie
- Arrhythmien (z.B. QRS-Verbreiterung, Torsade-de-pointes, Kammerflimmern)
- Herzstillstand (in schweren Fällen)
Therapie
Erste therapeutische Maßnahme ist der sofortige Stopp der Lokalanästhetikazufuhr. Anschließend folgt die symptomatische Behandlung, ggf. bis hin zur Reanimation. Das Vorgehen umfasst:
- Sofortige Beendigung der Lokalanästhetikazufuhr
- Sicherung der Atemwege (Intubation) und Oxygenierung (FiO2 1,0) – Vermeidung von Hypoxie und Azidose
- Behandlung von Krampfanfällen mit Benzodiazepinen (alternativ Propofol in titrierter Dosis, Cave: negative Inotropie; Propofol ist kein Ersatz für eine Lipidemulsion)
- Bei Herz-Kreislauf-Stillstand: kardiopulmonale Reanimation nach aktuellen ERC-Leitlinien
- Frühzeitige Applikation einer 20%igen Lipidemulsion über einen separaten venösen Zugang (Lipid-Rescue)
- Bei prolongierter Reanimation: Erwägung einer extrakorporalen Kreislaufunterstützung (eCPR/VA-ECMO)
Begleitende Pharmakotherapie
Gemäß der deutschen S1-Leitlinie der DGAI erfolgt die Epinephrin-Gabe in der Reanimationssituation in der Standarddosierung gemäß ERC (1 mg beim Erwachsenen alle 3–5 Minuten, 10 µg/kg KG bei pädiatrischen Patienten).[1] Die ASRA-Empfehlung 2017 schlägt eine reduzierte Initialdosis (≤1 µg/kg KG) vor, da hohe Adrenalindosen tierexperimentell die Wirksamkeit der Lipidemulsion beeinträchtigen.[2] Diese abweichende Empfehlung wird in der DGAI-Leitlinie ausdrücklich als klinisch nicht ausreichend belegt bewertet.[1]
Vasopressin sollte vermieden werden (in Tierstudien vermehrt pulmonale Hämorrhagien, kein klinischer Nutzen). Lidocain und andere Klasse-I-Antiarrhythmika sind kontraindiziert. Bei ventrikulären Arrhythmien ist Amiodaron das Mittel der Wahl.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Lipid Rescue
Als unspezifisches Antidot wird frühzeitig eine 20%ige Lipidemulsion infundiert. Der Initialbolus beträgt 100 ml (bzw. 1,5 ml/kg KG bei <70 kg) über 2–3 Minuten, gefolgt von einer Dauerinfusion. Wirkmechanismus ist eine Rückverteilung der Lokalanästhetika aus Myokard und Nervengewebe in den Intravasalraum („Shuttle-Theorie") sowie kardiotone und kardioprotektive Effekte.
siehe Hauptartikel: Lipid-Rescue
Überwachung nach Intoxikation
Nach einem LAST-Ereignis ist eine engmaschige (bzw. intensivmedizinische) Überwachung erforderlich:
- nach zentralnervösem LAST: mindestens 2 Stunden nach Rekonvaleszenz
- nach kardialem LAST: mindestens 4–6 Stunden
Literatur
- Zink W, Ulrich M: Klinische Anwendung und Toxizität von Lokalanästhetika. Anästh Intensivmed 2018;59:716-728. DOI: 10.19224/ai2018.716
- Dickerson DM, Apfelbaum JL. Local anesthetic systemic toxicity. Aesthet Surg J. 2014;34(7):1111-9. PMID: 25028740
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Wiesmann T, Schubert AK, Volk T et al. S1-Leitlinie: Prävention & Therapie der systemischen Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST). Anästh Intensivmed 2020;61:225–238. AWMF-Registernummer 001-044. DOI: 10.19224/ai2020.225
- ↑ Neal JM et al. The Third American Society of Regional Anesthesia and Pain Medicine Practice Advisory on Local Anesthetic Systemic Toxicity: Executive Summary 2017. Reg Anesth Pain Med. 2018;43(2):113-123.