Hantavirus
Synonyme: Hanta-Virus, Hantaviridae
Englisch: hantavirus
Definition
Hantaviren sind behüllte, einzelsträngige RNA-Viren mit segmentiertem Genom negativer Polarität innerhalb der Ordnung Elliovirales. Einige Spezies sind humanpathogen.
Systematik
- Klassifikation: Viren
- Realm: Riboviria
- Reich: Orthornavirae
- Phylum: Negarnaviricota
- Subphylum: Polyploviricotina
- Klasse: Bunyaviricetes
- Ordnung: Elliovirales
- Familie: Hantaviridae
- Ordnung: Elliovirales
- Klasse: Bunyaviricetes
- Subphylum: Polyploviricotina
- Phylum: Negarnaviricota
- Reich: Orthornavirae
- Realm: Riboviria
Alle bisher bekannten, humanpathogenen Virusspezies gehören dem Genus Orthohantavirus an.[1] Dazu gehören u.a.:
- Dobrava-Belgrad-Virus (DOBV)
- Hantaan-Virus (HTNV)
- Puumala-Virus (PUUV)
- Seoul-Virus (SEOV)
- Sin-Nombre-Virus (SNV)
- Andes-Virus (ANDV)
Geschichte
Die Bezeichnung Hanta geht auf den südkoreanischen Fluss Hantan zurück. Dort wurde während des Koreakrieges (1950) eine epidemische Infektion bei US-amerikanischen Soldaten erstmals dokumentiert. 1977 konnte mit dem Hantaan-Virus der verantwortliche Erreger identifiziert werden. In der Folge wurden zahlreiche verwandte Viren beschrieben, was zur Etablierung der eigenständigen Familie Hantaviridae innerhalb der Ordnung Bunyavirales führte. Im April 2024 wurde die Ordnung Bunyavirales zur Klasse Bunyaviricetes aufgewertet. In diesem Zusammenhang wurden die Hantaviren der Ordnung Elliovirales zugeordnet.
Epidemiologie
Hantaviren kommen weltweit vor, sind jedoch entsprechend der geographischen Verbreitung ihrer Reservoirwirte unterschiedlich verteilt. Besonders im asiatischen Raum sowie auf dem amerikanischen Kontinent sind Infektionen weit verbreitet.
In Deutschland treten Hantaviren vor allem in regional abgegrenzten Endemiegebieten auf. Die Inzidenz korreliert mit der Populationsdichte und Durchseuchung der Nager im jeweiligen Gebiet. Betroffen sind vorwiegend ländliche Regionen (z.B. Schwäbische Alb, Odenwald, Bayerischer Wald), jedoch wurden auch Ausbrüche in städtischen Räumen beobachtet.
Die jährlichen Fallzahlen in Deutschland schwanken erheblich. Die durchschnittliche jährliche Inzidenz lag zwischen 2010 und 2019 bei etwa 1,3 Fällen pro 100.000 Einwohner. Mit über 2.800 gemeldeten Fällen zählten Hantavirosen im Jahr 2012 zu den häufigsten meldepflichtigen Viruserkrankungen in Deutschland. Vorherrschend sind Infektionen mit PUUV (im Süden und Westen) sowie mit der Variante DOBV Typ Kurkino (im Osten und Norden). Bei PUUV-Infektionen werden etwa alle 2 bis 3 Jahre regionale Ausbrüche beobachtet.[1]
Morphologie
Das Virion hat einen Durchmesser von etwa 80 bis 120 nm. Die Virushülle ist eine Lipiddoppelschicht von etwa 5 nm Dicke und trägt die Glykoproteine Gn und Gc. Im Inneren befindet sich das aus dem N-Protein aufgebaute Nukleokapsid, das zusammen mit dem Virusgenom helikale Strukturen bildet.
Hantaviren sind behüllte negative-sense RNA-Viren. Ihr Genom besteht aus drei einzelsträngigen RNA-Segmenten, die als S (small), M (medium) und L (large) bezeichnet werden. Das S-Segment kodiert für das Nukleokapsid-Protein (N), das M-Segment für ein Polyprotein, das cotranslational in die Hüllglykoproteine Gn und Gc prozessiert wird. Das L-Segment kodiert für das L-Protein, eine RNA-abhängige RNA-Polymerase mit Transkriptase- und Replikasefunktion.
Übertragung
Hantaviren sind bei verschiedenen Nagetierarten endemisch, insbesondere bei Mäusen und Ratten. In Deutschland sind vor allem die Rötelmaus (PUUV) und die Brandmaus (DOBV Typ Kurkino) relevante Reservoirwirte. Die Viren werden von infizierten Tieren über Speichel, Urin und Kot ausgeschieden.
Die Übertragung auf den Menschen erfolgt in der Regel nicht durch direkten Tierkontakt, sondern aerogen oder oral durch Inkorporation virushaltiger Ausscheidungen, da die Erreger in der Umwelt relativ stabil sind. Typische Infektionswege sind das Einatmen kontaminierten Staubs oder der Verzehr kontaminierter Lebensmittel. Seltener kann eine Übertragung durch Bisse infizierter Nager erfolgen.
Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist bislang (2026) ausschließlich für das Andes-Virus (ANDV) in Südamerika sicher nachgewiesen.[2] Übertragungen durch als Heimtier gehaltene Ratten (SEOV) sind in Europa mehrfach dokumentiert, darunter Fälle mit schwerem Verlauf aus Deutschland.[3][4]
Eine Vektorübertragung durch Gliederfüßer ist nicht abschließend geklärt. Aktuelle Studien zeigten Hantavirus-RNA in Milben seronegativ getesteter Wirtstiere, was auf einen möglichen eigenständigen Reservoir- bzw. Vektorstatus hindeutet.[5] Für Flöhe und Zecken liegen vereinzelte Befunde vor.
Inkubationszeit
Die Inkubationszeit ist interindividuell unterschiedlich und u.a. vom Immunstatus des Wirts und der übertragenen Virusmenge abhängig. Sie beträgt 5 bis 60 Tage, die ersten Symptome treten meist 2 bis 3 Wochen nach der Infektion auf.
Vermehrungszyklus
Das Virus bindet zunächst an zelluläre Rezeptoren (u.a. Integrine) und wird über Endozytose in Endosomen aufgenommen. Durch die pH-Wert-Absenkung fusioniert die Virushülle mit der Endosomenmembran, und das Nukleokapsid wird in das Zytoplasma freigesetzt. Die Replikation und Transkription erfolgen im Zytoplasma. Die Virusreifung ist mit dem ER-Golgi-Zwischenkompartiment (ERGIC) assoziiert. Die Freisetzung reifer Virionen erfolgt über sekretorische Vesikel des Golgi-Apparats durch Exozytose.
Klinik
Ein Großteil der Infektionen mit Hantaviren verläuft asymptomatisch bzw. mit unspezifischen Symptomen, sodass von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Die Krankheitsbilder variieren je nach verursachendem Serotyp.
Zu den Erkrankungen, die durch eine Hantavirus-Infektion hervorgerufen werden, zählen unter anderem das Hantavirus-induzierte kardiopulmonale Syndrom (HCPS, insbesondere in Nord- und Südamerika) und die Nephropathia epidemica mit ihrer schweren Verlaufsform, dem hämorrhagischen Fieber mit renalem Syndrom (HFRS, insbesondere in Asien und Europa).
Diagnostik
Da das klinische Bild oft nicht voll ausgeprägt ist und die Symptome unspezifisch sein können, steht die labormedizinische Diagnostik beim Verdacht auf eine Infektion mit Hantaviren im Vordergrund.
Labormedizin
Indirekter Erregernachweis
Die Diagnose erfolgt in der Regel serologisch durch den Nachweis spezifischer IgM- und IgG-Antikörper mittels ELISA, Immunoblot oder Immunfluoreszenztest. Als diagnostisches Antigen dienen meist Nukleokapsid-Proteine. In Europa sollten sowohl PUUV- als auch DOBV-Antigene eingesetzt werden.
IgG-Antikörper sind bei 80 bis 90 % der Patienten innerhalb der ersten 5 Krankheitstage nachweisbar und persistieren wahrscheinlich lebenslang. IgM-Antikörper lassen sich noch bis zu 2 Jahre nach der Infektion nachweisen. Eine akute Infektion zeigt sich durch simultanen IgG- und IgM-Nachweis oder einen signifikanten IgG-Titeranstieg.
Direkter Erregernachweis
In der frühen Erkrankungsphase kann ein direkter Erregernachweis mittels RT-PCR erfolgen. Die Virämie ist jedoch nur sehr kurz, sodass ein negatives PCR-Ergebnis eine Infektion nicht ausschließt. Die definitive Typisierung erfolgt durch Sequenzierung von Abschnitten des S- oder L-Segments.
Meldepflicht
Nach § 7 Infektionsschutzgesetz (IfSG) sind der direkte Virusnachweis sowie der indirekte Virusnachweis, soweit er auf eine akute Infektion hinweist, meldepflichtig.
Prävention
In Deutschland und der EU ist derzeit (2026) kein Impfstoff gegen Hantaviren zugelassen. In China und Südkorea sind Impfstoffe gegen die dort endemischen Virustypen (HTNV, SEOV) verfügbar. An der Entwicklung weiterer Impfstoffe wird intensiv geforscht.
Präventive Maßnahmen umfassen die Bekämpfung der Nagerpopulation im Wohnumfeld, die sichere Lagerung von Lebensmitteln sowie die Vermeidung von Staubaufwirbelungen beim Reinigen potenziell kontaminierter Räume (z.B. Keller, Scheunen) durch vorheriges Befeuchten und das Tragen von FFP-Masken.
Literatur
- Laborlexikon.de; abgerufen am 17.03.2021
- RKI: Ratgeber Hantaviren (2020); abgerufen am 17.03.2021
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Robert Koch-Institut – RKI-Ratgeber Hantaviren, abgerufen am 05.05.2026
- ↑ Martínez VP et al. Person-to-Person Transmission of Andes Virus. Emerg Infect Dis. 2005;11(12):1848–1853.
- ↑ Esser D et al. Pet Rats as the Likely Reservoir for Human Seoul Orthohantavirus Infection. Viruses. 2023;15(2):467.
- ↑ Leser C et al. Seoul Virus Infection Acquired at Private Pet Rat Breeding Facility, Germany, 2024. Emerg Infect Dis. 2025;31(10).
- ↑ Jeon HJ et al. First Molecular Detection of Orthohantaviruses in Trombiculid Mites from Wild Rodents in the Republic of Korea. Pathogens. 2025;14(12):1260.