Elliovirales
Englisch: elliovirales
Definition
Elliovirales ist eine Ordnung von Viren mit linearem, einzelsträngigem RNA-Genom von negativer oder gemischtsträngiger Polarität, das häufig segmentiert vorliegt. Die Virionen sind behüllt.
Nomenklatur
Der Name Elliovirales ehrt den britischen Virologen Richard M. Elliott (1954–2015), der wesentliche Beiträge zur Erforschung von Bunyaviren leistete, darunter insbesondere die erstmalige Rettung eines segmentierten Negativstrang-RNA-Virus (Bunyamwera-Virus) aus Plasmid-cDNA.[1]
Taxonomie
- Klassifikation: Viren
- Realm: Riboviria
- Reich: Orthornavirae
- Phylum: Negarnaviricota
- Subphylum: Polyploviricotina
- Klasse: Bunyaviricetes
- Ordnung: Elliovirales
- Klasse: Bunyaviricetes
- Subphylum: Polyploviricotina
- Phylum: Negarnaviricota
- Reich: Orthornavirae
- Realm: Riboviria
Die Ordnung Elliovirales umfasst derzeit sieben Familien:
| Familie | Wirte | Beispielviren |
|---|---|---|
| Cruliviridae | Krebstiere | Crustacea-assoziierte Viren |
| Fimoviridae | Pflanzen | Europäisches Bergulmen-Ringflecken-Emaravirus |
| Hantaviridae | Säugetiere, Reptilien, Insekten | Hantaan-Virus, Sin-Nombre-Virus |
| Peribunyaviridae | Wirbeltiere, Arthropoden | Bunyamwera-Virus, La-Crosse-Virus |
| Phasmaviridae | Insekten | Gespenst-Schrecken-assoziierte Viren |
| Tospoviridae | Pflanzen | Tomatenbronzefleckenvirus |
| Tulasviridae | Pilze | Tulasne-assoziierte Viren |
Geschichte
Bis 2017 umfasste die Familie Bunyaviridae fünf Gattungen von Arthropoden- und Nagetier-Viren mit trisegmentierten Negativstrang-RNA-Genomen. Im Jahr 2017 erhob das International Committee on Taxonomy of Viruses (ICTV) die Familie zur Ordnung Bunyavirales. Im April 2024 wurde diese Ordnung zur Klasse Bunyaviricetes aufgewertet und in zwei Ordnungen unterteilt: Elliovirales (Klade 1) und Hareavirales (Klade 2). Diese Umstrukturierung spiegelte die phylogenetischen Verwandtschaftsverhältnisse basierend auf der RNA-dirigierten RNA-Polymerase (RdRP) wider.[2]
Eigenschaften
Genomstruktur
Viren der Ordnung Elliovirales besitzen lineare, einzelsträngige RNA-Genome. Diese sind häufig trisegmentiert, können aber je nach Familie auch mehr Segmente umfassen (bis zu zehn Segmente bei Fimoviridae). Die drei Hauptsegmente werden konventionell als L (Large), M (Medium) und S (Small) bezeichnet und kodieren:[3]
- L-Segment: RNA-dirigierte RNA-Polymerase (RdRP)
- M-Segment: Glykoproteinvorläufer (GP), aus dem die Oberflächenglykoproteine GN und GC prozessiert werden
- S-Segment: Nukleoprotein (NP)
An beiden 5′- und 3′-Termini aller RNA-Segmente finden sich nahezu komplementäre Nukleotidsequenzen, die zur Ausbildung nicht-kovalent geschlossener, ringförmiger genomischer RNAs führen. Diese Struktur ist charakteristisch für die gesamte Ordnung.
Virion
Die Virionen von Elliovirales-Mitgliedern sind behüllt und sphärisch bis pleomorph. Die Virushülle enthält die Glykoproteine GN und GC, die für die Adsorption und den Eintritt in die Wirtszelle verantwortlich sind.
Vermehrungszyklus
Die Replikation von Elliovirales-Viren beginnt mit der Adsorption der Virionen an Oberflächenrezeptoren der Wirtszelle, vermittelt durch die Glykoproteine Gn/Gc. Nach Endozytose und pH-abhängiger Membranfusion im Endosom wird das Ribonukleoprotein (RNP) in das Zytoplasma freigesetzt. Die Transkription und Replikation erfolgen im Zytoplasma durch den viralen RdRP-Komplex. Viele Familien kodieren zusätzlich nichtstrukturelle Proteine (NSS, NSM), die unter anderem als Interferonantagonisten wirken und somit die angeborene Immunabwehr des Wirtes unterdrücken. Die Freisetzung neuer Virionen erfolgt durch Knospung an intrazellulären Membranen (Golgi-Apparat).
Klinische Relevanz
Mehrere Familien der Ordnung Elliovirales umfassen humanpathogene Erreger:
Hantaviridae
Hantaviren werden durch direkten Kontakt mit infiziertem Nagetierkot, -urin oder -speichel übertragen. Sie verursachen beim Menschen zwei schwere Krankheitsbilder:
- Hämorrhagisches Fieber mit renalem Syndrom (HFRS): ausgelöst u.a. durch das Hantaan-Virus (Asien) und das Puumala-Virus (Europa)
- Hantavirus-induziertes kardiopulmonales Syndrom (HCPS): ausgelöst u.a. durch das Sin-Nombre-Virus (Nordamerika) und das Andes-Virus (Südamerika)
Peribunyaviridae
Peribunyaviren sind Arboviren, die durch Stechmücken und andere Arthropoden übertragen werden. Humanpathogene Vertreter umfassen das La-Crosse-Virus (Erreger einer Enzephalitis in Nordamerika), das Oropouche-Virus (Erreger eines febrilen Syndroms in Südamerika) sowie das Schmallenberg-Virus (Veterinärpathogen in Europa mit teratogener Wirkung bei Wiederkäuern).
Quellen
- ↑ Kohl A, Brennan B, Weber F. Homage to Richard M. Elliott. Viruses. 2016;8(8):224.
- ↑ Kuhn et al. Promotion of order Bunyavirales to class Bunyaviricetes to accommodate a rapidly increasing number of related polyploviricotine viruses. J Virol. 98(19):e0106924. 2024
- ↑ Digiaro M et al. ICTV Virus Taxonomy Profile: Fimoviridae 2024. J Gen Virol. 2024;105:001943.