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Alkoholikertypologie nach Lesch

1 Definition

Die Alkoholikertypologie nach Lesch ist eine international häufig verwendete Klassifikation des Alkoholismus und wurde 1990 vom österreichischen Psychiater Otto Lesch begründet.

2 Einteilung

Lesch unterscheidet 4 verschiedene Typen von Alkoholikern. Die Typen werden abgekürzt mit den ersten 4 römischen Zahlen. Dabei lassen sich große Unterschiede hinsichtlich der Ätiologie, Entzugssymptomatik als auch in der Behandlung feststellen.

2.1 Typ I

Alkoholiker vom Typ I werden aufgrund ihrer biologischen Vulnerabilität durch eine Überaktivität der Aldehyddehydrogenase sehr schnell vom Alkohol abhängig. Man spricht hier auch oft vom "Spiegeltrinker". Alkohol wird hier sozusagen als ein "Medikament" gegen Entzugssymptome genutzt und ein konstanter Pegel muss aufrecht gehalten werden. Es findet eine sehr schnelle Toleranzentwicklung statt. Hinsichtlich der Entzugssymptomatik kann man bereits nach ein bis zwei Jahren schwere körperliche Symptome feststellen wie etwa:

Die Entzugssymptomatik dauert hierbei maximal 5 Tage an. Oft kommen die Betroffenen aus einem sozial schwachen Milieu. Psychopathologisch fürchtet ein Typ I Alkoholiker den "Trinkdruck" der Umgebung und möchte durch eine Gruppe gestützt werden.

2.2 Typ II

Der Typ-II-Alkoholiker benutzt den Alkohol hauptsächlich wegen seiner angstlösenden Wirkung und als ein "Beruhigungsmittel" in Konfliktsituationen. Auch hier besteht eine erhöhte biologische Vulnerabilität durch eine erhöhte Aktivität der Monoaminooxidase. Unter Alkoholeinfluss kommt es unter anderem zu:

Es kommt häufig zu leichten Rückfällen ("slips") ohne einen nennenswerten Kontrollverlust. Ohne eine entsprechende Therapie entwickeln sich auch Merkmale des Typs I, III und IV. Die Entzugssymptomatik stellt sich wie folgt dar:

Die Entzugssymptome können etwa 10 Tage andauern. Psychopathologisch besteht eine Ich-Schwäche. Die Betroffenen können nicht "Nein" zum Alkohol sagen. Es besteht eine Tendenz zu ungünstigen Abgrenzungsstrategien und eine depressive Persönlichkeitsstruktur. Wenn gerade keine Alkohol vorhanden ist, wird zu Medikamenten gegriffen, die eine angstlösende Wirkung versprechen (z.B. Benzodiazepine).

2.3 Typ III

Der Typ-III-Alkoholiker missbraucht Alkohol als Stimmungsaufheller und Schlafmittel. Jedoch verschlechtert Alkohol allgemein den Antrieb, die Stimmung und den Schlaf. Auch hierbei wird eine biologische Vulnerabilität vermutet. Es besteht häufig ein episodischer Trinkstil, der seinen Höhepunkt oft im Spätherbst und Winter erreicht. Die Abstinenz kann viele Monate anhalten. Ähnlich wie bei Typ II kommen depressive und ängstliche Symptome vor. Die Entzugssymptomatik ist jedoch im Vergleich als mild einzustufen:

Bei einem Rückfall haben die Betroffenen oft Schuldgefühle und zeigen depressive Episoden. Die Symptomatik dauert etwa 14 Tage an. Psychopathologisch lassen sich bei Typ-III-Alkoholikern starre Wertvorstellung explorieren. Es kommt zeitweilig zu schweren Stimmungsveränderungen durch sehr hohe Leistungsansprüche an sich selbst. Hierbei verkümmern langsam die Talente und Eigenschaften. Die Betroffenen haben oft wenige "emotionale" Freunde, aber ein scheinbar optimales Berufs-, Familien- und Kulturleben. So übernehmen sie oft rasch die Führungsrolle in einer Gruppe und suchen des Öfteren die Schuld bei Anderen. Sie haben das Gefühl "keine Zeit" für emotionelles Wohlbefinden zu haben. Bei der Behandlung sind sie selten bereit, ihren Lebensstil zu verändern.

2.4 Typ IV

Typ-IV-Alkoholiker empfinden das Trinken als etwas "Normales". Es besteht typischerweise oft eine deutliche Leistungsreduktion durch Alkoholschäden. Betroffene sind oft leicht beeinflussbar (suggestibel) und haben eine herabgesetzte Kritikfähigkeit. Sie zeigen oft eine starke Entzugssymptomatik:

Die Rückbildung der Symptomatik kann Wochen bis Monaten dauern. Psychopathologisch besteht eine Impulskontrollstörung. Die Betroffenen sind häufig sozial depraviert (wohnungs- und arbeitslos) und sehr isoliert. Die Tagesstruktur ist von den Treffpunkten im Trinkermilieu gekennzeichnet. Häufig sind bereits in der Kindheit Verhaltensstörungen und Gehirnschädigungen auffällig.

3 Entzugstherapie

3.1 Typ I

Die Therapie setzt Benzodiazepine mit antiepileptischer Wirkung wie Diazepam, Chlordiazepoxid, als auch Acamprosat und Clomethiazol ein. Begleitend erfolgt ein Flüssigkeits- und Elektrolytersatz.

3.2 Typ II

Es werden anxiolytisch wirkende Substanzen eingesetzt, die nicht aus der Benzodiazepingruppe kommen wie Tiaprid, Trazodon, Doxepin, da Benzodiazepine eine Suchtgefahr haben. Eine antiepileptische Therapie ist nicht notwendig.

3.3 Typ III

3.4 Typ IV

Es erfolgt die Gabe von Nootropika zur Besserung der kognitiven Leistung. Neuroleptika können in niedriger Dosierung bei produktiver Symptomatik und nächtlicher Unruhe eingesetzt werden, sowie Benzodiazepine in Ausnahmefällen. Medikamente, welche die Leistung beeinträchtigen, verstärken die Symptomatik, daher sollten nach 5 Tagen Abstinenz die Psychopharmaka ausgeschlichen werden. Eine Lichttherapie kann hilfreich sein.

4 Medikamentöse Prophylaxe

4.1 Typ I

Acamprosat sollte gegen Craving bereits im Entzug gegeben werden und prophylaktisch über mindestens 15 Monate. Disulfiram oder Cyanamid können bei sehr motivierten Betroffenen, die unter Trinkdruck von außen stehen, eine gute Wirkung zeigen. GHB kann bei Rückfällen, die nur einige Tage zur Verkürzung der Dauer gegeben werden. Kurzfristig können Benzodiazepine oder Trazodon bei Unruhe und Schlafstörungen verabreicht werden. Dopaminantagonisten erhöhen hingegen die Rückfallgefahr.

4.2 Typ II

4.3 Typ III

4.4 Typ IV

5 Psychosoziale Therapie

5.1 Typ I

Im Vordergrund steht die Aufklärung des Patienten. Eine supportive Stützung gegen den Trinkdruck kann zum Beispiel mit Hilfe von Rollenspielen erfolgen. Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker sind empfehlenswert. Ziel ist immer die absolute Abstinenz des Betroffenen.

5.2 Typ II

Am wichtigsten ist hierbei eine entängstigende Aufklärung des Patienten, sowie die Motivation zur Therapie. Der Betroffene soll Abgrenzungsstrategien erlernen. Eine Selbsthilfegruppe zum Thema Angst ist empfehlenswert. Das Hauptziel ist die Stärkung der Persönlichkeit.

5.3 Typ III

Die psychosoziale Therapie sollte hier primär kognitiv betont sein, erst später sollte auf emotionale Faktoren eingegangen werden. Der Betroffene soll seine Rolle während sozialer Interaktionen erkennen (oft Führungspersönlichkeit). Der eigene Körper soll bewusst wahrgenommen werden und somit ein Abbau des "Fassadenverhaltens" in Gang gesetzt werden. Das Hauptziel ist die Reduktion der depressiven Episoden. Die psychosoziale Therapie sollte mindestens über 2 Jahre fortgeführt werden, je nach psychotherapeutischem Erfolg.

5.4 Typ IV

Es sollte eine wiederholte, regelmäßige Aufklärung des Patienten mindestens einmal pro Woche an einem fixen Tag erfolgen. Eine persönliche Beziehung in der Betreuung ist von immenser Bedeutung. Verhaltenstherapeutische Gruppen sind empfehlenswert. Betroffene können meistens keinen komplizierten Inhalten folgen, daher sollten einfache Sätze mit suggestivem Inhalt im Vordergrund stehen. Es wird eine sinnvolle Beschäftigung in einem geschützten, stabilen Milieu angestrebt. Das Hauptziel ist die Verringerung des Schweregrades und der Frequenz der Rückfälle. Oft muss die psychosoziale Betreuung ein Leben lang erfolgen.

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