Trigeminusneuralgie
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LoslegenSynonym: Tic douloureux
Englisch: trigeminal neuralgia
Definition
Die Trigeminusneuralgie ist ein Gesichtsschmerz im Versorgungsbereich des Nervus trigeminus.
- International Classification of Diseases (ICD): G50.0
Epidemiologie
Europäische Studien geben die Lebenszeitprävalenz der Trigeminusneuralgie mit 0,16 bis 0,7 % an. Die Inzidenz liegt bei 4 bis 42 Fällen pro 100.000 Personenjahre. Frauen machen etwa 60 % der Betroffenen aus, Männer etwa 40 %. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 53 bis 57 Jahren. Der Häufigkeitsgipfel liegt im 7. und 8. Lebensjahrzehnt.[1]
Einteilung
Nach der Klassifikation der International Headache Society unterscheidet man in der International Classification of Headache Disorders, 3. Auflage (ICHD-3; 2018) ätiologisch drei Formen der Trigeminusneuralgie:
Klassische Trigeminusneuralgie
Die klassische Trigeminusneuralgie beruht auf einer neurovaskulären Kompression mit morphologischen Veränderungen der Trigeminuswurzel, insbesondere Atrophie oder Verlagerung. Diese müssen im MRT oder intraoperativ nachgewiesen werden; ein bloßer Gefäß-Nerven-Kontakt reicht nicht aus.[2] In etwa 80 % der Fälle wird der Nervus trigeminus durch die Arteria cerebelli superior komprimiert (Jannetta-Mechanismus). Seltener sind Venen, die Arteria cerebelli anterior inferior (AICA), die Arteria vertebralis oder die Arteria basilaris beteiligt. Die entsprechenden Gefäße sind häufig arteriosklerotisch verändert und elongiert.
Durch die Kompression des Nerven kommt es zu einer lokalen Demyelinisierung, in deren Folge ektope Impulse an den demyelinisierten Fasern generiert werden. Diese führen zu einer Hyperexzitation und Signalübertragung zwischen demyelinisierten sensiblen und nozizeptiven Fasern (ephaptische Signalübertragung). Im Spätverlauf kann auch ein axonaler Schaden entstehen, der oft zu Dauerschmerzen führt.
Sekundäre Trigeminusneuralgie
Ursachen der sekundären (früher symptomatischen) Trigeminusneuralgie sind zum Beispiel:[3]
- Multiple Sklerose (MS)
- Raumforderungen (zum Beispiel Meningeome, Vestibularisschwannome, Syringobulbie)
- Hirnstammischämien
Idiopathische Trigeminusneuralgie
Als weitere Form wird eine idiopathische Trigeminusneuralgie abgegrenzt, deren Pathophysiologie ungeklärt ist. Symptomatisch unterscheidet sie sich nicht von der klassischen Form. Nach ICHD-3 ist die idiopathische von der klassischen Trigeminusneuralgie abzugrenzen: Eine idiopathische Form liegt vor, wenn die weiterführende Diagnostik weder eine klassische noch eine sekundäre Form bestätigt. Auch ein Gefäß-Nerven-Kontakt ohne morphologische Veränderungen der Nervenwurzel ist mit einer idiopathischen Trigeminusneuralgie vereinbar.[4]
Klinik
Die Patienten berichten über einseitige, plötzlich auftretende, heftigste Schmerzen, die typischerweise Sekundenbruchteile bis 2 Minuten anhalten. Bei einer Minderheit dauern die Attacken länger als 2 Minuten.[5] Sie treten meist im Versorgungsgebiet des Nervus maxillaris (V2) und Nervus mandibularis (V3) auf. Bei der sekundären Form können auch beidseitige Beschwerden auftreten, jedoch nicht gleichzeitig. Die Schmerzen erreichen auf einer numerischen Ratingskala von 0 bis 10 (NRS) in der Selbsteinschätzung durch den Patienten fast immer den höchsten Wert. Sie werden als heftig, scharf, oberflächlich oder stechend beschrieben.
Die Attacken können spontan entstehen oder durch bestimmte Ereignisse ausgelöst werden. Als Auslöser kommen zum Beispiel Kauen, Sprechen, Berührungen sowie Kälte- oder Wärmereize in Frage.
Begleitend zu den Schmerzen können reflektorische Spasmen der Gesichtsmuskulatur, Hautrötung und Augentränen (Epiphora) auftreten. Bei länger bestehenden Trigeminusneuralgien kommt es infolge der massiven Schmerzen häufig zu depressiven Verstimmungen, die bis zum Suizid führen können. Im Verlauf der Erkrankung können dumpfe Dauerschmerzen zwischen den Attacken vorliegen.
Diagnostik
Die Trigeminusneuralgie wird primär klinisch diagnostiziert, wobei sekundäre Formen identifiziert werden müssen. Bei der klassischen Trigeminusneuralgie sind Hyperalgesien im Trigeminusgebiet während der Schmerzattacke möglich. Hinweisend auf eine sekundäre Form sind zusätzliche Sensibilitätsstörungen (zum Beispiel Hypästhesien), weitere fokal-neurologische Defizite sowie ein bilaterales Auftreten.
Um eine Raumforderung oder eine multiple Sklerose auszuschließen, wird eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Schädels durchgeführt. In der 3D-CISS-Sequenz kann ein gegebenenfalls vorliegender Gefäß-Nerven-Kontakt dargestellt werden.
Als fakultative Zusatzdiagnostik kommen unter anderem infrage:
- Somatosensorisch evozierte Potentiale (SEP) des Nervus trigeminus
- Lumbalpunktion bei Verdacht auf entzündliche Genese oder zum Ausschluss einer MS
Differentialdiagnosen
Zu den wichtigen Differentialdiagnosen zählen:
- Cluster-Kopfschmerz: Starke einseitige Schmerzen im Bereich von Auge, Stirn oder Schläfe, vor allem nachts, gehäuft in Clusterperioden. Meist 30-45 Minuten anhaltend. Mit autonomen Begleitsymptomen (Tränenfluss, Miosis, Rhinorrhö). Keine Triggerfaktoren.
- paroxysmale Hemikranie: einseitige, periorbitale Schmerzen für mehrere Minuten bis zu einer halben Stunde mit autonomen Begleitsymptomen (Tränenfluss, Gesichtsrötung, Schwitzen, Miosis). Ansprechen auf Indometacin. Häufig keine Triggerfaktoren.
- SUNCT-Syndrom: einseitige Gesichtsschmerzen (vor allem periorbital) mit autonomen Begleitsymptomen (Augenrötung, Tränenfluss). Attacken für mehrere Sekunden bis einige Minuten. Keine Refraktärphasen zwischen Attacken. Kein Ansprechen auf Carbamazepin.
- anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz: Täglich dumpfe Schmerzen, gegebenenfalls auch bilateral. Keine Sensibilitätsstörungen. Therapieversuch mit Amitriptylin.
- Andere Neuralgien
- Pseudo-Trigeminusneuralgie
- Paratrigeminales Syndrom
- Sonstige
Therapie
Medikamentös
Medikamentös werden Trigeminusneuralgien prophylaktisch durch Gabe von Carbamazepin (bis 1.200 mg/d) oder Oxcarbazepin (bis 1.800 mg/d) behandelt.[7] Als Mittel der 2. Wahl gelten:
Als weitere Zweitlinienoption kommt Onabotulinumtoxin A im Off-Label-Use infrage.[7] Häufig kommt es nach initial gutem Ansprechen langfristig zu einer Wirkabschwächung. Bei Nichtansprechen auf verschiedene Monotherapien kann auch eine Kombinationstherapie erwogen werden.
Zur Akuttherapie kann Carbamazepin als Suspension oder in besonders schweren Fällen Phenytoin i.v. eingesetzt werden. Nichtsteroidale Antiphlogistika sind bei der Trigeminusneuralgie wirkungslos.
Blockadetherapie
Die Blockadetherapie umfasst die temporäre medikamentöse Ausschaltung des Ganglion Gasseri durch Lokalanästhetika oder mittels ganglionärer lokaler Opioidanalgesie (GLOA).
Operativ
Bei unzureichender medikamentöser Wirkung sollte frühzeitig neurochirurgisch beraten werden. Bei klassischer Trigeminusneuralgie ist eine Operation spätestens nach 3 ausreichend dosierten erfolglosen Monotherapien, erfolgloser Kombinationstherapie oder bei die Lebensqualität beeinträchtigenden Nebenwirkungen indiziert.[7] Dabei existieren verschiedene Methoden:
- Mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta: Mikrochirurgische Dekompression der Nervenwurzel, bei der ein kleines Materialstück (zum Beispiel Teflon) zwischen Gefäß und Nerv eingebracht wird
- Perkutane Verfahren zur Schädigung des Ganglion trigeminale: vor allem bei erhöhtem Operationsrisiko
- Radiofrequenzthermokoagulation
- Injektion von Glycerol
- Ballondilatation
- radiochirurgische Therapie: vor allem bei erhöhtem Operationsrisiko und bei MS. Stereotaktische Bestrahlung durch Gamma-Knife oder Linearbeschleuniger.
Prognose
Etwa ⅓ der Patienten haben nur eine Episode im Leben. Bei anderen ist der Verlauf häufig progredient, wobei auch oft Phasen mit spontaner Remission vorkommen.
Weblinks
- S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Trigeminusneuralgie, AWMF Registernummer 030 - 016, abgerufen am 22.08.2024
Quellen
- ↑ Svedung Wettervik T, Snel D, Kristiansson P, Ericson H, Abu Hamdeh S. Incidence of trigeminal neuralgia: A population-based study in Central Sweden. Eur J Pain. 2023 May;27(5):580-587. doi: 10.1002/ejp.2081. Epub 2023 Jan 30. PMID: 36680398.
- ↑ International Headache Society: ICHD-3 – Classical trigeminal neuralgia, abgerufen am 05.10.2026
- ↑ International Headache Society: The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition, 2018, abgerufen am 05.10.2026
- ↑ International Headache Society: ICHD-3 – Idiopathic trigeminal neuralgia, abgerufen am 05.10.2026
- ↑ International Headache Society: ICHD-3 – Trigeminal neuralgia, abgerufen am 05.10.2026
- ↑ Ramos-Casals et al., 2023 International Rome consensus for the nomenclature of Sjögren disease, Nature Reviews Rheumatology, 2025
- ↑ 7,0 7,1 7,2 DGN und DMKG: S1-Leitlinie Diagnose und Therapie der Trigeminusneuralgie, AWMF 030-016, Version 7.0, Stand 06.10.2023, abgerufen am 05.10.2026