Morbus Lenègre
nach dem französischen Kardiologen Jean Lenègre (1904-1972)
Synonyme: Lenègre-Krankheit, Lev-Lenègre-Syndrom, Lenègre-Syndrom, Lenègre-Erkrankung
Englisch: Lenegre disease, Lev-Lenegre disease
Definition
Der Morbus Lenègre ist eine seltene degenerative Erkrankung des kardialen Reizleitungssystems. Er ist eine Form der progressiven kardialen Überleitungsstörung (PCCD), bei der es zu einer zunehmenden Verlängerung der Überleitungszeiten bis hin zum kompletten atrioventrikulären Block kommt.
Hintergrund
Die Erkrankung wurde erstmals von dem französischen Kardiologen Jean Lenègre beschrieben, der 1964 das klinische Bild einer idiopathisch-progressiven Fibrose des His-Purkinje-Systems abgrenzte. Nahezu zeitgleich beschrieb der amerikanische Pathologe Maurice Lev eine vergleichbare Entität, sodass in der Literatur häufig der Begriff "Lev-Lenègre-Syndrom" zu finden ist. "Morbus Lev" wird jedoch vorwiegend zur Bezeichnung einer altersbedingten Fibrose des Herzskeletts verwendet, während "Morbus Lenègre" idiopathische und genetisch bedingte Veränderungen des Erregungsleitungssystems jüngerer Patienten beschreibt. Heute werden viele Fälle des Morbus Lenègre als autosomal-dominant vererbte Kanalopathie des Herzens eingeordnet.[1]
In der Literatur werden Lev-Syndrom und Lenègre-Krankheit oft unter dem Oberbegriff PCCD oder "Lev-Lenègre-Syndrom" zusammengefasst, da eine eindeutige klinische Abgrenzung häufig nicht möglich ist.
Ätiologie
Die Ursache des idiopathischen Morbus Lenègre ist unklar. Genetisch bedingte Formen werden überwiegend durch pathogene Mutationen im Gen SCN5A auf Chromosom 3 am Genlokus 3p22 verursacht. Es kodiert für die alpha-Untereinheit des kardialen spannungsgesteuerten Natriumkanals Nav1.5. [1] Daneben wurden weitere Genloci identifiziert, darunter ein Locus auf Chromosom 19 sowie ein weiterer auf Chromosom 16q23–24, was auf eine ausgeprägte genetische Heterogenität der Erkrankung hinweist.[2]
Der Erbgang ist autosomal-dominant mit variabler Expressivität und altersabhängiger Penetranz. SCN5A-Mutationen können je nach Art des Funktionseffekts verschiedene Phänotypen hervorrufen, darunter das Brugada-Syndrom, das Long-QT-Syndrom Typ 3 und Morbus Lenègre. Man spricht daher auch von einem "Natriumkanal-Syndrom".
Pathophysiologie
Nav1.5 ist der wichtigste kardiale spannungsgesteuerte Natriumkanal und essenziell für die Erzeugung des Aktionspotentials sowie die schnelle Erregungsweiterleitung im His-Purkinje-System.[3] SCN5A-Mutationen, die zu einem Morbus Lenègre führen, bewirken einen Funktionsverlust des Natriumkanals (Loss-of-function), wodurch der Natriumeinstrom während der Depolarisationsphase vermindert wird. Dadurch verlangsamt sich die Erregungsausbreitung im His-Bündel und in den Tawara-Schenkeln progressiv[3], was eine progressive Fibrosierung des Reizleitungssystems triggert. Histopathologisch imponiert eine Fibrose, Sklerosierung und Fettinfiltration des His-Bündels sowie der Tawara-Schenkel ohne strukturelle Herzerkrankung oder Beteiligung des übrigen Myokards.
Symptome
Viele Patienten sind in jungen Jahren asymptomatisch. Die Erkrankung manifestiert sich häufig erst im mittleren bis höheren Lebensalter durch zunehmende Reizleitungsstörungen. Die klinische Manifestation ist variabel. Typische Symptome umfassen:
- Synkopen und Präsynkopen infolge intermittierender hochgradiger Überleitungsblockierungen
- Schwindel
- Palpitationen
In fortgeschrittenen Stadien kann ein Adams-Stokes-Anfall auftreten. Ein plötzlicher Herztod durch kompletten Herzblock oder ventrikuläre Tachyarrhythmien ist möglich.
Diagnostik
Klinische Untersuchung
Die klinische Untersuchung ist oft unauffällig. Anamnestisch wegweisend sind Synkopen, familiäre Häufung von Reizleitungsstörungen sowie plötzliche Todesfälle in der Familie.
Elektrokardiographie
Das Elektrokardiogramm (EKG) ist das zentrale diagnostische Instrument. Typische Befunde in der Verlaufsbeobachtung sind:
- Zunehmende Verlängerung der PQ-Zeit (AV-Block I° bis III°)
- Verbreiterung des QRS-Komplexes durch Schenkelblöcke (Linksschenkelblock, Rechtsschenkelblock)
- Bifaszikulärer Block
- Im Verlauf: kompletter AV-Block
Das EKG kann in der Frühphase normal erscheinen. Serielle EKG-Kontrollen sowie ggf. Langzeit-EKG sind bei symptomatischen Patienten und Anlageträgern essenziell.
Elektrophysiologische Untersuchung
Die Elektrophysiologische Untersuchung (EPU) kann bei Patienten mit symptomatischen Reizleitungsstörungen zur Risikostratifizierung und zur Lokalisierung des Blocks innerhalb des His-Purkinje-Systems eingesetzt werden. Ein verlängertes HV-Intervall gilt als Marker für ein erhöhtes Progressionsrisiko.
Genetische Diagnostik
Eine molekulargenetische Untersuchung (Sequenzierung des SCN5A-Gens, ggf. Panel-Diagnostik) ist bei klinischem Verdacht und positiver Familienanamnese indiziert. Ein negativer Befund schließt die Diagnose jedoch nicht aus, da verschiedene Genloci verantwortlich sein können.
Bildgebung
Die Echokardiographie dient dem Ausschluss struktureller Herzerkrankungen. Bei Morbus Lenègre ist die kardiale Morphologie und Funktion typischerweise unbeeinträchtigt.
Differenzialdiagnose
Zu den wichtigsten Differenzialdiagnosen zählen:
- Morbus Lev (erworbene, altersassoziierte Fibrose des kardialen Skeletts)
- Herzsarkoidose
- Amyloidose, insbesondere ATTR-Amyloidose (cave: häufig ebenfalls progrediente Überleitungsstörungen)
- Myokarditis
- Brugada-Syndrom (overlapping SCN5A-Phänotypen möglich)
- Iatrogene Reizleitungsstörungen (medikamentös, postoperativ)
Therapie
Eine kausale Therapie existiert derzeit (2026) nicht. Die Behandlung ist symptomorientiert und richtet sich nach dem Ausmaß der Überleitungsstörung:
Bei symptomatischen, hämodynamisch relevanten Bradyarrhythmien oder nachgewiesenem höhergradigem AV-Block ist die Implantation eines permanenten Herzschrittmachers die Therapie der Wahl. Die Indikationsstellung orientiert sich an den aktuellen Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) zur kardialen Stimulation.
Cave: Antiarrhythmika der Klasse I (Natriumkanalblocker wie Flecainid oder Ajmalin) sind bei Patienten mit SCN5A-Mutationen kontraindiziert, da sie die Leitungsstörung aggravieren und einen Brugada-Phänotyp demaskieren können.
Asymptomatische Mutationsträger ohne Reizleitungsstörungen bedürfen einer regelmäßigen kardiologischen Verlaufsbeobachtung.
Prognose
Die Prognose ist bei adäquater Schrittmacherversorgung im Allgemeinen gut. Ohne Behandlung besteht ein erhöhtes Risiko für symptomatische Bradykardien, Synkopen, Adams-Stokes-Anfälle und plötzlichen Herztod durch kompletten Herzblock. Angehörige ersten Grades von betroffenen Patienten sollten einer klinischen und ggf. genetischen Abklärung zugeführt werden (Kaskadenscreening).
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Napolitano C, Rivolta I, Priori SG. Cardiac sodium channel diseases. Clin Chem Lab Med. 2003;41(4):439-44.
- ↑ Probst V, Kyndt F, Allouis M, Schott JJ, Le Marec H. Genetic aspects of cardiac conduction defects. Arch Mal Coeur Vaiss. 2003;96(11):1067-73.
- ↑ 3,0 3,1 Abriel H. Cardiac sodium channel Nav1.5 and its associated proteins. Arch Mal Coeur Vaiss. 2007;100(9):787-93.