Frühsommer-Meningoenzephalitis
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LoslegenSynonym: Zecken-Enzephalitis
Englisch: tickborne encephalitis, TBE, early summer meningoencephalitis, ESME
Definition
Die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME, ist eine durch das FSME-Virus aus der Gruppe der Flaviviren ausgelöste Infektionskrankheit.
Epidemiologie
Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 693 FSME-Fälle gemeldet.[1]
In Deutschland liegen die wichtigsten FSME-Risikogebiete in Bayern, Baden-Württemberg, Südhessen, im südöstlichen Thüringen, in Sachsen, im südöstlichen Brandenburg und im östlichen Sachsen-Anhalt. Weitere Risikogebiete befinden sich in Mittelhessen, im Saarland, in Rheinland-Pfalz, in Niedersachsen und in Nordrhein-Westfalen.
Nach der Einstufung des Robert Koch-Instituts sind 185 Land- und Stadtkreise als FSME-Risikogebiete ausgewiesen (Stand: 2026). Die Einteilung der Risikogebiete wird jährlich aktualisiert.[2] Die Verbreitungsgebiete sind fließend – Erkrankungen können auch außerhalb ausgewiesener Risikozonen auftreten. Bei entsprechender Symptomatik sollte man daher bundesweit eine FSME berücksichtigen.
Erreger
Das FSME-Virus ist ein behülltes Einzelstrang-RNA-Virus mit positiver Polarität (ss(+)RNA). Es gehört zur Familie der Flaviviren. Man unterscheidet drei klassische Subtypen, deren Verbreitungsgebiete sich teilweise überschneiden:
- Europäischer Subtyp (TBEV-Eu): Mittel-, Ost- und Nordeuropa
- Sibirischer Subtyp (TBEV-Sib): Uralregion, Sibirien und russischer Ferner Osten sowie Teile Nordosteuropas
- Fernöstlicher Subtyp (TBEV-FE): russischer Ferner Osten sowie Teile Chinas und Japans
siehe Hauptartikel: FSME-Virus
Übertragung
Das FSME-Virus wird innerhalb der ersten Stunden nach dem Zeckenstich mit dem Speichel der Zecken übertragen. Die Zecke dient dabei als Vektor. Laut Robert-Koch-Institut sind in deutschen Risikogebieten ca. 0,1 bis 5 % der Zecken mit dem Virus infiziert. Das Erregerreservoir bilden vor allem kleine Nagetiere, weitere Wirtstiere sind Rehe, Igel, Fledermäuse, Schafe und Ziegen.
Eine seltene Form der Übertragung erfolgt beim FSME-Virus durch die Rohmilch bzw. unpasteurisierte Milchprodukte, die von infizierten Nutztieren stammen. Erkrankte selbst übertragen das Virus nicht auf andere Menschen.
Symptomatik
Die Inkubationszeit beträgt durchschnittlich 10 Tage, mit einem Korridor von 7–14 Tagen. In Einzelfällen kann die Infektion auch erst nach 28 Tagen manifest werden. Über zwei Drittel der Infektionen mit dem FSME-Virus verlaufen asymptomatisch. Symptomatische Verläufe treten lediglich bei etwa 1/3 aller Infizierten auf. Bei diesen Patienten kann die Erkrankung monophasisch oder biphasisch verlaufen.
Höheres Lebensalter und Immunsuppression sind Risikofaktoren für schwerere Manifestationen.
Primärstadium
Im Primärstadium kommt es zu einer unspezifischen grippeähnlichen Symptomatik mit Kopf- und Gliederschmerzen sowie subfebrilen bis febrilen Temperaturen. Dem Primärstadium, das in der Regel nach 5 Tagen abklingt, folgt ein symptomfreies Intervall von 1 bis 20 Tagen.
Sekundärstadium
Nach einem symptomfreien Intervall unterschiedlicher Länge kommt es bei etwa 20–30 % der Patienten zum Sekundärstadium mit Organmanifestation.[3] Ausschlaggebend ist dabei das Ausmaß der ZNS-Beteiligung. Die Frühsommer-Meningoenzephalitis kann sich als Meningitis, Enzephalitis, Myelitis oder als Kombination (z.B. Meningoenzephalitis) manifestieren. Im Verlauf können auch das Myokard, die Leber und die Gelenke befallen werden.
Eine FSME-Meningitis zeigt sich durch Fieber und heftige Kopfschmerzen bei eventuell bestehendem Meningismus. Bei einer zusätzlichen Enzephalitis treten Bewusstseinsstörungen, Sprachstörungen und Hyperkinesien oder Konvulsionen auf. Bei Beteiligung des Rückenmarks sind vor allem alpha-Motoneurone betroffen.
Im Verlauf einer Frühsommer-Meningoenzephalitis kann es zu Paresen verschiedener Art kommen. Betroffen sind vor allem Schultern und obere Extremität. Durch Beteiligung vegetativer Nerven kann es zu Blasenlähmungen kommen. Ausgeprägte Verläufe können in eine Landry-Paralyse münden.
Diagnostik
Die Erstdiagnostik stützt sich auf den kombinierten Nachweis von FSME-spezifischen IgM- und IgG-Antikörpern aus dem Blut, meist mittels ELISA. Die IgM-Antikörper treten etwa 2–4 Wochen nach Zeckenstich auf. Bei Beginn der neurologischen Krankheitsphase sind sie bereits nachweisbar. Sie weisen meist auf eine frische Infektion oder Impfung hin, können aber auch länger persistieren.
Weiterführende Untersuchungen sind unter anderem:
- Nachweis von Antikörpern im Liquor cerebrospinalis
- Nachweis der Erreger-RNA durch PCR aus Blut oder Liquor, vor allem in der frühen virämischen Phase
- Titeranstieg zwischen zwei Proben
Bei der Untersuchung des Liquors finden sich als unspezifische Hinweise auf eine virale Enzephalitis eine erhöhte Zellzahl (Pleozytose) und eine leichte Vermehrung des Proteingehalts. Eine negative PCR bei neurologischer Manifestation schließt eine FSME nicht aus.
Differenzialdiagnose
Als Differenzialdiagnosen kommen u.a. in Betracht:
- Neuroborreliose
- Andere Virusmeningitiden und Enzephalitiden, insbesondere durch Enteroviren, Herpes-simplex-Viren oder das Varizella-Zoster-Virus
- Bakterielle Meningitis, insbesondere durch Meningokokken oder Pneumokokken
- Autoimmunenzephalitis
Therapie
Es gibt keine kausale Therapie der Frühsommer-Meningoenzephalitis. Die Therapie ist daher rein symptomatisch und umfasst unter anderem die Sicherung der Vitalfunktionen, Therapie und Prophylaxe von Konvulsionen und eventuell die maschinelle Beatmung betroffener Patienten.
Prognose
Bei rein meningitischen Verläufen kommt es in der Regel zu einer Restitutio ad integrum. Bei enzephalitischen oder myelitischen Verläufen können bleibende neurologische Probleme auftreten, z.B.:
- Anhaltende Kopfschmerzen und Fatigue
- Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
- Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen
- Bleibende Paresen
- Epilepsie
Die Beschwerden können über Monate bis Jahre persistieren und die Lebensqualität sowie die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen. Die Letalität der Erkrankung liegt beim europäischen Subtyp unter 2 %.
Prophylaxe
Die einfachste und effektivste Maßnahme ist der Expositionsschutz vor Zecken durch Tragen geschlossener Kleidung und hoher Schuhe bzw. Stiefel. Zusätzlich können Repellents, z.B. mit Icaridin, aufgetragen werden. Nach dem Aufenthalt im Freien sollte man den entkleideten Körper sorgfältig absuchen. Ggf. entdeckte Zecken werden mit einer Pinzette entfernt.
FSME-Viren können bereits kurz nach Beginn des Saugakts übertragen werden. Die rasche Entfernung einer bereits saugenden Zecke schützt daher nicht zuverlässig vor FSME.
Impfung
Die FSME-Impfung dient der Prävention einer FSME-Erkrankung. Sie erfolgt als aktive Immunisierung mit einem inaktivierten Totimpfstoff. In Deutschland stehen FSME-Immun® und Encepur® in altersentsprechenden Formulierungen zur Verfügung.
Die STIKO empfiehlt die Impfung für:
- Personen, die sich in FSME-Risikogebieten aufhalten und gegenüber Zecken exponiert sind, z.B. Freizeitsportler, Hobbygärtner oder Pilzsammler.
- Beruflich gefährdete Personen, z.B. Beschäftigte in der Forst- und Landwirtschaft sowie exponiertes Laborpersonal
- Reisende mit möglicher Zeckenexposition in FSME-Risikogebieten außerhalb Deutschlands.[2]
Die Grundimmunisierung umfasst drei Impfstoffdosen. Die Impfabstände richten sich nach dem verwendeten Präparat. Bei kurzfristig erforderlichem Schutz sind beschleunigte Impfschemata möglich. Für Kinder stehen Impfstoffe ab einem Alter von einem Jahr zur Verfügung.
Bei fortbestehendem Expositionsrisiko sind Auffrischimpfungen erforderlich, z.B. nach 3–5 Jahren. Details nennen die aktuellen Fachinformationen.[2]
Eine erst nach einem Zeckenstich begonnene Impfung bietet keinen verlässlichen Schutz vor einer bereits erfolgten Infektion. Die FSME-Impfung schützt zudem nicht vor Lyme-Borreliose und ersetzt nicht den Expositionsschutz.
siehe Hauptartikel: FSME-Impfung
Meldepflichten
In Deutschland ist gemäß § 7 Abs. 1 IfSG der direkte oder indirekte Nachweis des FSME-Virus namentlich meldepflichtig, wenn er auf eine frische Infektion hinweist. Für einen Antikörpernachweis aufgrund früherer Infektion oder Impfung gilt die Meldepflicht nicht.[4]
Zur Meldung verpflichtet sind Labore und Arztpraxen mit Infektionserregerdiagnostik (§ 8 IfSG). Die Meldung muss unverzüglich erfolgen und dem zuständigen Gesundheitsamt spätestens 24 Stunden nach Kenntniserlangung vorliegen.[5]
Weiterführende Informationen
Video: FSME – ausführliche Anamnese ist wichtig
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Quellen
- ↑ Robert Koch-Institut. FSME: Risikogebiete in Deutschland (Stand: Januar 2026). Epidemiologisches Bulletin. 2026;9:3–20.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Robert Koch-Institut. Impfempfehlung zur FSME. Stand: 26.02.2026.
- ↑ European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Factsheet about tick-borne encephalitis (TBE). Abgerufen am 09.10.2026.
- ↑ § 7 IfSG – Meldepflichtige Nachweise von Krankheitserregern.
- ↑ § 8 IfSG – Zur Meldung verpflichtete Personen; § 9 IfSG – Namentliche Meldung.
Bildquelle
- Bildquelle für Flexikon-Quiz: © Erik Karits / Unsplash