Faktor-X-Konzentrat
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LoslegenHandelsname: Coagadex®
Synonym: humaner Gerinnungsfaktor X
Englisch: coagulation factor X (human), plasma-derived factor X
Definition
Ein Faktor-X-Konzentrat ist ein aus humanem Plasma gewonnenes Blutprodukt, das konzentrierten, hochgereinigten Gerinnungsfaktor X enthält. Es dient zur Substitutionstherapie bei Faktor-X-Mangel.
Chemie
Der Wirkstoff ist humaner Gerinnungsfaktor X, ein Vitamin-K-abhängiges Glykoprotein, das als Zymogen einer Serinprotease vorliegt. Das lyophilisierte Präparat enthält nach Rekonstitution etwa 100 I.E./ml Faktor X.
Herstellung
Die Gewinnung erfolgt aus gepooltem humanem Spenderplasma über ein chromatographisches Verfahren, das gegenüber Plasma eine etwa 6.000-fache Anreicherung und 100-fache Konzentrierung erreicht. Die Reinheit des Faktor-X-Proteins liegt bei ca. 94–96 %.[1]
Zur Virussicherheit werden drei komplementäre Schritte in den Herstellungsprozess integriert: eine Solvent/Detergent-Behandlung zur Inaktivierung umhüllter Viren, eine Nanofiltration mit einer Porengröße von 15 nm zur Entfernung auch nicht umhüllter Viren sowie eine terminale Trockenhitzebehandlung bei 80 °C über 72 Stunden im Endbehältnis. Die Maßnahmen gelten als wirksam gegen HIV, HBV, HCV, HAV und Parvovirus B19.
Als sonstige Bestandteile enthält das Pulver Zitronensäure, Natriumhydroxid zur pH-Korrektur, Dinatriumphosphat-Dihydrat, Natriumchlorid und Saccharose. Der Natriumgehalt beträgt bis zu 9,2 mg pro Milliliter rekonstituierter Lösung. Als Plasmaprodukt unterliegt die Anwendung der Chargendokumentationspflicht. Trotz Virusinaktivierung verbleibt ein theoretisches Restrisiko für die Übertragung von Infektionserregern. Bei regelmäßiger oder wiederholter Anwendung wird eine Impfung gegen Hepatitis A und B empfohlen.
Wirkmechanismus
Das Präparat ersetzt vorübergehend den fehlenden Faktor X. Faktor X ist ein inaktives Zymogen, das über den intrinsischen Weg durch Faktor IXa oder über den extrinsischen Weg durch Faktor VIIa aktiviert wird. Aktivierter Faktor X (Faktor Xa) bildet an einer Phospholipidoberfläche gemeinsam mit Faktor Va den Prothrombinasekomplex, der Prothrombin unter Beteiligung von Calciumionen in Thrombin überführt. Thrombin spaltet Fibrinogen zu Fibrin und aktiviert Faktor XIII, woraus ein quervernetztes Fibringerinnsel resultiert.
Pharmakokinetik
Nach intravenöser Gabe wird die maximale Faktor-X-Aktivität unmittelbar nach Ende der Infusion erreicht. Die mittlere Plasmahalbwertszeit beträgt rund 30 Stunden, die Clearance 1,35 ml/kg/h und das scheinbare Verteilungsvolumen 56,3 ml/kg.[2] Die pharmakokinetischen Parameter zeigen eine ausgeprägte inter- und intraindividuelle Variabilität. Bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion sowie bei älteren Patienten ist keine Dosisanpassung erforderlich.
Indikationen
Zugelassen ist die Anwendung zur Behandlung und Vorbeugung von Blutungsepisoden sowie zum perioperativen Management bei Patienten aller Altersgruppen mit hereditärem Faktor-X-Mangel. Die Substitution erfolgt bedarfsorientiert bei akuter Blutung, als Routineprophylaxe oder als kurzfristige Prophylaxe vor planbaren Eingriffen.[3]
Früher wurden zur Faktor-X-Substitution gefrorenes Frischplasma und Prothrombinkomplex-Konzentrate eingesetzt. Aktuelle Empfehlungen bevorzugen beim hereditären Faktor-X-Mangel die Einzelfaktorsubstitution, da Prothrombinkomplex-Konzentrate mit einem erhöhten Thromboserisiko und Frischplasma mit Volumenbelastung sowie Transfusionsreaktionen behaftet sind.[4]
Darreichungsformen
Das Präparat wird als Pulver mit Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionslösung in Durchstechflaschen zu 250 I.E. und 500 I.E. bereitgestellt.
Dosierung
Dosis und Behandlungsdauer richten sich nach dem Schweregrad des Faktor-X-Mangels, nach Ort und Ausmaß der Blutung sowie nach dem klinischen Zustand des Patienten.
| Situation | Alter ab 12 Jahren | Alter unter 12 Jahren |
|---|---|---|
| Akute Blutung | 25 I.E./kg bei ersten Blutungszeichen, Wiederholung alle 24 h bis zum Sistieren | 30 I.E./kg bei ersten Blutungszeichen, Wiederholung alle 24 h bis zum Sistieren |
| Sekundär- bzw. Kurzzeitprophylaxe | 25 I.E./kg, bei Bedarf wiederholen | 30 I.E./kg, bei Bedarf wiederholen |
| Routineprophylaxe | 25 I.E./kg zweimal wöchentlich | 40 I.E./kg zweimal wöchentlich |
| Präoperativ | Zielspiegel 70–90 I.E./dl | Zielspiegel 70–90 I.E./dl |
| Postoperativ | mindestens 50 I.E./dl | mindestens 50 I.E./dl |
Die Dosis zur Erreichung eines definierten Faktor-X-Spiegels berechnet sich altersabhängig nach der jeweiligen Recovery:
- ab 12 Jahren: Dosis (I.E.) = Körpergewicht (kg) × gewünschter Faktor-X-Anstieg (I.E./dl) × 0,5
- unter 12 Jahren: Dosis (I.E.) = Körpergewicht (kg) × gewünschter Faktor-X-Anstieg (I.E./dl) × 0,6
Der gewünschte Anstieg ist die Differenz zwischen dem aktuellen und dem angestrebten Plasmaspiegel. Postoperativ wird der Spiegel so lange über 50 I.E./dl gehalten, bis kein Risiko operationsassoziierter Blutungen mehr besteht.
Unter Routineprophylaxe werden die Faktor-X-Talspiegel insbesondere in den ersten Behandlungswochen und nach Dosisänderungen kontrolliert. Angestrebt wird ein Talspiegel von mindestens 5 I.E./dl. Bei einzelnen Patienten genügt in Abhängigkeit vom klinischen Ansprechen eine einmal wöchentliche Gabe.[2] Die maximale Tagesdosis darf 60 I.E./kg nicht überschreiten. Die Anwendung erfolgt intravenös mit einer empfohlenen Injektionsgeschwindigkeit von 10 ml/min; 20 ml/min dürfen nicht überschritten werden.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nebenwirkungen
Mögliche Nebenwirkungen sind z.B.:
- Rückenschmerzen
- Erythem am Verabreichungsort
- Schmerzen an der Injektionsstelle
- Ermüdung
Allergische Überempfindlichkeitsreaktionen bis hin zur Anaphylaxie wurden in den Studien mit dem Präparat nicht berichtet, sind bei plasmatischen Gerinnungsfaktorpräparaten grundsätzlich aber möglich, da neben Faktor X Spuren anderer humaner Proteine enthalten sind.[3] Zudem ist die Bildung neutralisierender Antikörper (Inhibitoren) gegen Faktor X ist eine mögliche Komplikation. Werden die erwarteten Faktor-X-Spiegel nicht erreicht oder lässt sich eine Blutung mit der erwarteten Dosis nicht beherrschen, ist eine Hemmkörperbestimmung durchzuführen. Bei Überdosierung sind thromboembolische Ereignisse infolge einer verkürzten Prothrombinzeit möglich.
Wechselwirkungen
Faktor-Xa-Hemmer wirken der Substitution direkt oder indirekt entgegen. Faktor-X-Konzentrat darf bei Patienten ohne Faktor-X-Mangel nicht als Antidot gegen direkte orale Antikoagulanzien eingesetzt werden. Da keine Kompatibilitätsstudien vorliegen, darf das Präparat nicht mit anderen Arzneimitteln gemischt werden.
Während der Schwangerschaft und Stillzeit liegen keine Anwendungserfahrungen vor; die Substitution darf daher nur bei zwingender Indikation erfolgen.
Zulassung
Das derzeit einzige spezifische Faktor-X-Einzelfaktorkonzentrat ist Coagadex® (Stand 2026). In den USA erfolgte die Zulassung bereits im Oktober 2015. Im Juli 2025 erteilte die FDA zusätzlich eine Orphan-Drug-Designation für den erworbenen Faktor-X-Mangel.
Quellen
- ↑ Lloyd J, Feldman P. Preclinical development and characterization of a human plasma-derived high-purity factor X concentrate for therapeutic use. Haemophilia. 2023;29(6):1394-1409.
- ↑ 2,0 2,1 Payne J et al. A review of the pharmacokinetics, efficacy and safety of high-purity factor X for the prophylactic treatment of hereditary factor X deficiency. Haemophilia. 2022;28(4):523-531.
- ↑ 3,0 3,1 Escobar MA, Kavakli K. Plasma-derived human factor X concentrate for the treatment of patients with hereditary factor X deficiency. Haemophilia. 2024;30(1):59-67.
- ↑ Peyvandi F et al. Diagnosis, therapeutic advances, and key recommendations for the management of factor X deficiency. Blood Rev. 2021;50:100833.