Hepatitis-C-Virus
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LoslegenSynonyme: Orthohepacivirus hominis, Hepacivirus hominis, Hepacivirus C
Englisch: hepatitis C virus, HCV
Definition
Das Hepatitis-C-Virus, kurz HCV, ist ein behülltes, einzelsträngiges RNA-Virus mit positiver Polarität ((+)ssRNA) aus der Familie der Hepaciviridae. Es ist der Erreger der Hepatitis C.
Geschichte
Bis Ende der 1980er-Jahre wurde die durch HCV verursachte Erkrankung als "Non-A-non-B-Hepatitis" bezeichnet. 1989 gelang einer Arbeitsgruppe um den britischen Virologen Michael Houghton in Zusammenarbeit mit den CDC die Klonierung des Virusgenoms.[1] 2020 erhielten Harvey J. Alter, Michael Houghton und Charles M. Rice für die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.
Taxonomie
- Bereich: Riboviria
- Reich: Orthornavirae
- Phylum: Kitrinoviricota
- Klasse: Flasuviricetes
- Ordnung: Amarillovirales
- Familie: Hepaciviridae
- Gattung: Orthohepacivirus
- Art: Orthohepacivirus hominis
- Gattung: Orthohepacivirus
- Familie: Hepaciviridae
- Ordnung: Amarillovirales
- Klasse: Flasuviricetes
- Phylum: Kitrinoviricota
- Reich: Orthornavirae
Die Gattung wurde früher als Hepacivirus bezeichnet und der Familie Flaviviridae zugeordnet. Die Umbenennung und Zuordnung zur Familie Hepaciviridae wurden 2026 durch das ICTV ratifiziert.[2]
siehe Hauptartikel: Virustaxonomie
Morphologie
Das Hepatitis-C-Virus hat einen Durchmesser von etwa 55–65 nm. Das Kapsid aus Core-Protein umschließt das RNA-Genom. Ob es eine ikosaedrische Symmetrie aufweist, ist nicht abschließend geklärt. Die Virushülle besteht aus Lipiden des Wirts und trägt die beiden Glykoproteine E1 und E2. Infektiöse Viruspartikel sind eng mit Lipoproteinen des Wirts assoziiert und werden daher auch als Lipoviropartikel bezeichnet.[3]
Genom
Das Genom ist etwa 9.600 Nukleotide lang und enthält einen einzigen offenen Leserahmen (ORF). Dieser wird von zwei nichtkodierenden Regionen (5'- und 3'-UTR) flankiert, die Translation und Replikation regulieren. Die 5'-UTR enthält eine interne ribosomale Eintrittsstelle (IRES), über welche die Translation cap-unabhängig startet.
Der ORF kodiert ein Polyprotein von etwa 3.000 Aminosäuren. Zelluläre und virale Proteasen spalten es in zehn Proteine:[3]
| Protein | Funktion |
|---|---|
| Core | Kapsidprotein |
| E1, E2 | Hüllglykoproteine, vermitteln den Zelleintritt |
| p7 | Viroporin (Ionenkanal) |
| NS2 | Autoprotease (Spaltung NS2/NS3) |
| NS3 | Serinprotease und RNA-Helikase; Angriffspunkt der Proteaseinhibitoren |
| NS4A | Kofaktor der NS3-Protease |
| NS4B | Umbau intrazellulärer Membranen zum Replikationskomplex |
| NS5A | Replikation und Virusassemblierung; Angriffspunkt der NS5A-Inhibitoren |
| NS5B | RNA-abhängige RNA-Polymerase; Angriffspunkt der Polymeraseinhibitoren |
Genotypen
HCV weist eine hohe genetische Variabilität auf. Es werden derzeit (2026) 8 Genotypen mit über 90 Subtypen (z.B. 1a, 1b) unterschieden. Genotypen unterscheiden sich in etwa 30–35 % der Nukleotidpositionen, Subtypen desselben Genotyps in etwa 15–25 %.[4] Genotyp 8 wurde 2018 erstmals bei Patienten aus dem indischen Punjab beschrieben. Weltweit am häufigsten ist Genotyp 1.
Die Verteilung der Genotypen unterscheidet sich regional. Durch pangenotypisch wirksame Therapieregime hat die Genotypisierung für die Therapieentscheidung an Bedeutung verloren.
Vorkommen
Der Mensch ist der einzige natürliche Wirt. Nach Schätzungen der WHO leben weltweit etwa 47 Millionen Menschen mit einer chronischen HCV-Infektion. Das entspricht rund 0,6 % der Weltbevölkerung. Jährlich kommt es zu etwa 0,9 Millionen Neuinfektionen. 2024 starben schätzungsweise 239.000 Menschen an den Folgen der Hepatitis C, überwiegend an Leberzirrhose und hepatozellulärem Karzinom.[5]
Die chronisch Infizierten verteilen sich wie folgt auf die WHO-Regionen:[5]
- Östlicher Mittelmeerraum: 12 Millionen (höchste Krankheitslast)
- Südostasien: 9 Millionen
- Europa: 9 Millionen
- Afrika: 8 Millionen
- Westpazifik: 7 Millionen
- Amerika: 5 Millionen
In Deutschland lag die Prävalenz von Antikörpern gegen HCV (Anti-HCV) in der Allgemeinbevölkerung bei 0,3 %.[6] Deutlich höhere Prävalenzen finden sich bei Menschen, die Drogen injizieren, und bei Inhaftierten.
Nachweis
Die Diagnostik erfolgt zweistufig:[5]
- Serologischer Nachweis von Antikörpern (Anti-HCV), z. B. mittels ELISA
- Bei positivem Antikörperbefund Nachweis der HCV-RNA mittels PCR
Der RNA-Nachweis ist notwendig, weil Anti-HCV auch nach spontaner Ausheilung positiv bleibt. Er unterscheidet daher eine aktive von einer abgelaufenen Infektion.[7]
Anzucht
HCV ließ sich lange nicht in Zellkultur vermehren. Subgenomische Replikons ermöglichten zunächst Untersuchungen der RNA-Replikation. Seit 2005 steht mit dem Genotyp-2a-Isolat JFH-1 ein Zellkultursystem (HCVcc) zur Verfügung, in dem in Hepatomzelllinien wie Huh-7 infektiöse Viruspartikel entstehen.[3]
Übertragung
HCV wird überwiegend parenteral über Blut übertragen. Die häufigsten Übertragungswege sind:[5]
- gemeinsame Nutzung von Injektionsutensilien beim intravenösen Drogenkonsum
- unsichere Injektionen und unzureichend sterilisierte Instrumente im Gesundheitswesen
- Transfusion nicht getesteter Blutprodukte
Seltener sind die vertikale Übertragung von der Mutter auf das Kind und sexuelle Praktiken mit Blutkontakt, etwa bei Männern, die Sex mit Männern haben. Über Muttermilch, Lebensmittel oder alltägliche Kontakte wird HCV nicht übertragen.
Klinik
Akute HCV-Infektionen verlaufen meist asymptomatisch. Etwa 30 % (15–45 %) der Infizierten eliminieren das Virus innerhalb von sechs Monaten spontan. Bei den übrigen rund 70 % (55–85 %) entwickelt sich eine chronische Infektion. Bei chronisch Infizierten beträgt das Risiko einer Leberzirrhose innerhalb von 20 Jahren 15–30 %.[5] Eine chronische Infektion ist definiert als länger als sechs Monate nachweisbare HCV-RNA.[7]
siehe Hauptartikel: Hepatitis C
Therapie
Alle Patienten mit nachweisbarer HCV-RNA sollen antiviral behandelt werden.[7] Standard ist eine interferonfreie, orale Kombinationstherapie mit direkt wirkenden antiviralen Substanzen (DAA). Sie führt in der Regel innerhalb von 8 bis 12 Wochen bei über 95 % der Behandelten zur Heilung.[5]
Die DAA greifen an drei viralen Zielstrukturen an:
| Wirkstoffklasse | Zielprotein | Beispiele |
|---|---|---|
| HCV-NS3/4A-Proteaseinhibitoren | NS3/4A-Serinprotease | Glecaprevir, Voxilaprevir, Grazoprevir |
| HCV-NS5A-Inhibitoren | NS5A | Velpatasvir, Pibrentasvir, Ledipasvir, Elbasvir, Daclatasvir |
| HCV-Polymeraseinhibitoren, nukleotidisch | NS5B-Polymerase (aktives Zentrum) | Sofosbuvir |
| HCV-Polymeraseinhibitoren, nicht-nukleosidisch | NS5B-Polymerase (allosterisch) | Dasabuvir (EU-Zulassung seit 09/2024 widerrufen)[8] |
Die WHO empfiehlt pangenotypische Regime für alle Erwachsenen, Jugendlichen und Kinder ab drei Jahren.[5] Pangenotypisch wirksam sind die Kombinationen Sofosbuvir/Velpatasvir und Glecaprevir/Pibrentasvir. Nach DAA-Therapieversagen wird Sofosbuvir/Velpatasvir/Voxilaprevir eingesetzt.
Ribavirin ist ein Guanosin-Analogon. Sein Monophosphat hemmt die zelluläre IMP-Dehydrogenase und senkt so den intrazellulären GTP-Spiegel. Das Triphosphat hemmt die virale Polymerase und fördert eine letale Mutagenese. Im DAA-Zeitalter wird Ribavirin nur noch in Sondersituationen ergänzend eingesetzt, etwa bei dekompensierter Zirrhose. Typische Nebenwirkung ist eine reversible hämolytische Anämie. Interferon-basierte Therapien gelten als obsolet.
Cave: Vor Therapiebeginn soll der Hepatitis-B-Status bestimmt werden, da unter DAA-Therapie Reaktivierungen einer Hepatitis B beschrieben sind.[7]
Quellen
- ↑ Choo QL, Kuo G, Weiner AJ, Overby LR, Bradley DW, Houghton M. Isolation of a cDNA clone derived from a blood-borne non-A, non-B viral hepatitis genome. Science. 1989;244(4902):359-362.
- ↑ ICTV. Taxon Details: Orthohepacivirus hominis. MSL41, 2026.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Suzuki T. Morphogenesis of infectious hepatitis C virus particles. Front Microbiol. 2012;3:38.
- ↑ Mbisa JL, et al. Identification of 2 Novel Subtypes of Hepatitis C Virus Genotype 8 and a Potential New Genotype Successfully Treated With Direct Acting Antivirals. J Infect Dis. 2024.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 5,7 WHO. Hepatitis C – Fact sheet. 28.07.2026.
- ↑ Poethko-Müller C, et al. Die Seroepidemiologie der Hepatitis A, B und C in Deutschland. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt. 2013.
- ↑ 7,0 7,1 7,2 7,3 AWMF. S3-Leitlinie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Hepatitis-C-Virus (HCV)-Infektion. AWMF-Registernummer 021-012. 2018, Addendum 2020 (Gültigkeit abgelaufen, Leitlinie in Überarbeitung). Verfügbar unter: S3-Leitlinie Hepatitis C.
- ↑ EMA. Exviera (dasabuvir): Withdrawal of the marketing authorisation in the European Union. 2024.