Pruritus: Unterschied zwischen den Versionen

K (Auch bei Leukämien kann chronischer Pruritus auftreten, dies ist häufiger mit lymphatischen als myeloiden und öfter mit chronischen als akuten Verlaufsformen assoziiert. Deshalb Ergänzung von CLL in Klammern bei Leukämien.)
 
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''Synonym: Juckreiz, Hautjucken, Jucken''<br>
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'''''Englisch''': pruritus, itching''<br>
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==Definition==
==Definition==
'''Pruritus''' oder '''Juckreiz''' ist eine Missempfindung im Bereich der [[Haut]] oder [[Schleimhaut]].
'''Pruritus''' oder '''Juckreiz''' ist eine [[Missempfindung]] im Bereich der [[Haut]] oder [[Schleimhaut]]. Sie löst bei den Betroffenen das intensive Bedürfnis aus, die betroffene Stelle zu reiben oder zu [[kratzen]].


==ICD10-Codes==
==ICD10-Codes==
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===...nach Hautbefund ===
===...nach Hautbefund ===
*Chronischer Pruritus auf primär läsionaler Haut (CPL): Bei Vorliegen einer Hauterkrankung
*IFSI I: Chronischer Pruritus auf primär läsionaler Haut (CPL) – bei Vorliegen einer Hauterkrankung
*Chronischer Pruritus auf primär nicht-läsionaler Haut (CPNL): Ohne initiales Vorliegen von Hautveränderungen bzw. auf unveränderter Haut
*IFSI II: Chronischer Pruritus auf primär nicht-läsionaler Haut (CPNL) – ohne initiales Vorliegen von Hautveränderungen bzw. auf unveränderter Haut
*Chronischer Pruritus mit [[Kratzen|Kratzläsionen]]: Vorliegen von sekundären [[Exkoriation|Exkoriationen]] (z.B. [[Lichen simplex chronicus|Lichen simplex]]), Einteilung in die beiden oberen Gruppen nicht möglich
*IFSI III: Chronischer Pruritus mit schweren [[Läsion|Kratzläsionen]] - bei Vorliegen von sekundären [[Exkoriation|Exkoriationen]] (z.B. [[Lichen simplex chronicus|Lichen simplex]]), Einteilung in die beiden oberen Gruppen nicht möglich
Diese Einteilung geht auf das [[International Forum for the Study of Itch]] (IFSI) zurück.


Ältere Bezeichnungen für diese Einteilung sind [[Pruritus cum materia]] (Juckreiz mit sichtbaren [[Hautveränderung]]en) und [[Pruritus sine materia]] (Juckreiz ohne Hautveränderungen).
Ältere Bezeichnungen sind [[Pruritus cum materia]] (Juckreiz mit sichtbaren [[Hautveränderung]]en) und [[Pruritus sine materia]] (Juckreiz ohne Hautveränderungen).


===...nach Lokalisation===
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**[[AIDS]]
**[[AIDS]]
**[[Varizellen]]
**[[Varizellen]]
**[[Masern]]
**[[Masern]] (inkonstant)
**[[Herpes zoster]]
**[[Herpes zoster]]
*Proktologische Erkrankungen  
*Proktologische Erkrankungen  
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**[[Analekzem]]
**[[Analekzem]]
*Nierenerkrankungen
*Nierenerkrankungen
** [[chronische Niereninsuffizienz]] bzw. [[Urämie]] ([[CKD-assoziierter Pruritus]])
** [[chronische Nierenerkrankung]] bzw. [[Urämie]] ([[CKD-assoziierter Pruritus]])
*Lebererkrankungen
*Lebererkrankungen
**[[Primär biliäre Zirrhose]]
**[[Primär biliäre Zirrhose]]
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**[[Mycosis fungoides]]
**[[Mycosis fungoides]]
**[[Lymphom|Lymphome]] (z.B. [[Morbus Hodgkin]])
**[[Lymphom|Lymphome]] (z.B. [[Morbus Hodgkin]])
**[[Leukämie|Leukämien]]
**[[Leukämie|Leukämien]] (v.a. [[Chronische lymphatische Leukämie|CLL]])
*Neurologische Ursachen  
*Neurologische Ursachen  
**[[Neuropathie]]
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*[[Schwangerschaft]]
*[[Schwangerschaft]]
**[[Pruritus gravidarum]]
**[[Pruritus gravidarum]]
== Komplikationen ==
Tiefe [[Kratzwunde|Kratzwunden]], die durch einen Pruritus entstehen, können sich sekundär infizieren, und zum Ausgangspunkt ausgedehnter [[Haut- und Weichteilinfektionen]] (SSTI) werden. Weitere Komplikationen sind:
* [[Narbe|Narbenbildung]]
* [[Lichenifikation]]
== Krankheitswert ==
Der [[Leidensdruck]], der bei Patienten mit chronischem Pruritus besteht, wird von Ärzten oft unterschätzt. Obwohl es sich "nur" um ein Symptom handelt, kann ein chronischer Pruritus bei schwerer Ausprägung eigenständigen [[Krankheitswert]] haben. Typische Sekundärfolgen sind [[Schlafstörung|Schlafstörungen]], [[Leistungsminderung|Leistungsabfall]] und [[Depression|Depressionen]], die bis hin zu [[Suizid|Suizidgedanken]] reichen können.


==Therapie==
==Therapie==
Die Therapie des Pruritus richtet sich nach der auslösenden Ursache. Beim Juckreiz ohne erkennbare Ursache  kann die Therapie schwierig und unbefriedigend sein. Formen, bei denen die Austrocknung der Haut im Vordergrund steht, können mit rückfettenden [[Creme]]s behandelt werden. Symptomatisch kommt weiterhin der Einsatz juckreizstillender Medikamente ([[Antipruriginosum|Antipruriginosa]]) in Frage.
Die Therapie des Pruritus richtet sich nach der auslösenden Ursache. Im Gegensatz zu akutem Pruritus ist chronischer Pruritus meist nur schwer zu behandeln, sodass die Therapie aufwändig und unbefriedigend sein. Sie erfordert häufig ein [[Interdisziplinär|interdisziplinäres]] Vorgehen.
 
Im Vordergrund steht die Behandlung der Grunderkrankung. Formen, bei denen die Austrocknung der Haut ein maßgeblicher Faktor ist, können mit rückfettenden [[Creme]]s gebessert werden. Symptomatisch kommt weiterhin der Einsatz juckreizstillender Medikamente ([[Antipruriginosum|Antipruriginosa]]) in Frage.


Abgesehen von Medikamenten oder [[Hautpflegeprodukt]]en spielt die Aufklärung der Patienten eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Therapie.
Abgesehen von Medikamenten oder [[Hautpflegeprodukt]]en spielt die Aufklärung der Patienten eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Therapie.
[[Fachgebiet:Allgemeinmedizin]]
[[Fachgebiet:Allgemeinmedizin]]
[[Fachgebiet:Dermatologie]]
[[Fachgebiet:Dermatologie]]
[[Kategorie:Symptom]]

Aktuelle Version vom 22. April 2024, 09:22 Uhr

von lateinisch: prurire - jucken
Synonym: Juckreiz, Hautjucken, Jucken
Englisch: pruritus, itching

Definition

Pruritus oder Juckreiz ist eine Missempfindung im Bereich der Haut oder Schleimhaut. Sie löst bei den Betroffenen das intensive Bedürfnis aus, die betroffene Stelle zu reiben oder zu kratzen.

ICD10-Codes

  • L29.-: Pruritus
  • F45.8: Sonstige somatoforme Störungen

Einteilung

Juckreiz lässt sich nach verschiedenen Aspekten einteilen, zum Beispiel:

...nach Dauer

  • akuter Puritus
  • chronischer Pruritus (CP)

...nach Hautbefund

  • IFSI I: Chronischer Pruritus auf primär läsionaler Haut (CPL) – bei Vorliegen einer Hauterkrankung
  • IFSI II: Chronischer Pruritus auf primär nicht-läsionaler Haut (CPNL) – ohne initiales Vorliegen von Hautveränderungen bzw. auf unveränderter Haut
  • IFSI III: Chronischer Pruritus mit schweren Kratzläsionen - bei Vorliegen von sekundären Exkoriationen (z.B. Lichen simplex), Einteilung in die beiden oberen Gruppen nicht möglich

Diese Einteilung geht auf das International Forum for the Study of Itch (IFSI) zurück.

Ältere Bezeichnungen sind Pruritus cum materia (Juckreiz mit sichtbaren Hautveränderungen) und Pruritus sine materia (Juckreiz ohne Hautveränderungen).

...nach Lokalisation

  • lokalisierter Pruritus: Juckreiz an einer Körperstelle
  • generalisierter Pruritus: Juckreiz am ganzen Körper

...nach Organsystem

Pathophysiologie

Die genauen Mechanismen, die zur Entstehung von Juckreiz führen, sind noch nicht vollständig geklärt. Die heutige (2023) Modellvorstellung ist, dass Juckreiz nicht über die Schmerzrezeptoren vermittelt wird, sondern durch die freien Nervenendigungen spezialisierter C-Fasern. Die Aktivierung dieser Fasern erfolgt wahrscheinlich durch Gewebshormone (z.B. Histamin, Serotonin, Substanz P) oder aktivierte Mastzellen in der Nähe der Nervenenden, die den Mediator Tryptase ausschütten.

Die Empfindung des Juckreizes wird durch andere Hautempfindungen offensichtlich moduliert bzw. überlagert. So kann Kälte oder Hitze den Juckreiz abschwächen oder in eine besser erträgliche Schmerzempfindung überführen.

Ursachen

Die Ursachen von Juckreiz können sehr vielseitig sein und umfassen ein breites Spektrum dermatologischer, internistischer und neurologischer Erkrankungen.

Komplikationen

Tiefe Kratzwunden, die durch einen Pruritus entstehen, können sich sekundär infizieren, und zum Ausgangspunkt ausgedehnter Haut- und Weichteilinfektionen (SSTI) werden. Weitere Komplikationen sind:

Krankheitswert

Der Leidensdruck, der bei Patienten mit chronischem Pruritus besteht, wird von Ärzten oft unterschätzt. Obwohl es sich "nur" um ein Symptom handelt, kann ein chronischer Pruritus bei schwerer Ausprägung eigenständigen Krankheitswert haben. Typische Sekundärfolgen sind Schlafstörungen, Leistungsabfall und Depressionen, die bis hin zu Suizidgedanken reichen können.

Therapie

Die Therapie des Pruritus richtet sich nach der auslösenden Ursache. Im Gegensatz zu akutem Pruritus ist chronischer Pruritus meist nur schwer zu behandeln, sodass die Therapie aufwändig und unbefriedigend sein. Sie erfordert häufig ein interdisziplinäres Vorgehen.

Im Vordergrund steht die Behandlung der Grunderkrankung. Formen, bei denen die Austrocknung der Haut ein maßgeblicher Faktor ist, können mit rückfettenden Cremes gebessert werden. Symptomatisch kommt weiterhin der Einsatz juckreizstillender Medikamente (Antipruriginosa) in Frage.

Abgesehen von Medikamenten oder Hautpflegeprodukten spielt die Aufklärung der Patienten eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Therapie.