Wiesn-Grippe
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LoslegenSynonyme: Wiesngrippe, Oktoberfest-Grippe
Englisch: Oktoberfest flu
Definition
Die Wiesn-Grippe ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für Atemwegsinfekte, die während oder nach einem Besuch des Münchner Oktoberfests auftreten. Sie stellt keine eigenständige medizinische Diagnose dar und ist nicht mit einer Influenza gleichzusetzen.
Hintergrund
Auf dem Oktoberfest kommen über einen begrenzten Zeitraum sehr viele Menschen auf engem Raum zusammen. Insbesondere in Festzelten bestehen zahlreiche und teilweise länger dauernde Kontakte zwischen Besuchern. Eine ökonometrische Analyse des Oktoberfests 2022 konnte einen kausalen Effekt des Volksfests auf die regionale Inzidenz von COVID-19 nachweisen: Während und nach der Veranstaltung stiegen die Fallzahlen signifikant an, am deutlichsten in den Altersgruppen von 15 bis 34 und 35 bis 59 Jahren, und fielen danach vergleichsweise rasch wieder ab.[1]
Faktoren, die die Übertragung respiratorischer Erreger bei Massenveranstaltungen begünstigen, sind unter anderem:[2]
- hohe Personendichte
- enger Kontakt zu anderen Personen
- längerer Aufenthalt in Innenräumen
- Singen und lautes Sprechen
- Kontakt zu zahlreichen wechselnden Personen
- gemeinsame Nutzung von Trinkgefäßen
Begleitfaktoren wie Schlafmangel, körperliche Belastung, Kälteexposition und Alkoholkonsum können die Immunantwort und die Regeneration beeinträchtigen. Entscheidend für das individuelle Infektionsrisiko bleibt jedoch die Exposition gegenüber dem Erreger.
Ätiologie
Bei der Wiesn-Grippe handelt es sich nicht um eine Infektion mit einem bestimmten Erreger. Als Auslöser kommen grundsätzlich alle Erreger akuter Atemwegsinfektionen infrage. Ihre Bedeutung im September und Oktober unterscheidet sich dabei erheblich: SARS-CoV-2 zirkuliert ganzjährig und stellt bei schwerer verlaufenden Atemwegsinfekten während des Volksfests in der Regel den größten Anteil, während Influenzaviren und das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) typischerweise erst ab Ende November zunehmen und daher zur Wiesn-Zeit einen kleineren Anteil ausmachen.[3]
| Erreger | Typische Klinik | Relevanz im September/Oktober |
|---|---|---|
| Rhinoviren | Schnupfen, Halsschmerzen, Husten | hoch |
| saisonale Coronaviren | Symptome eines grippalen Infekts | hoch |
| SARS-CoV-2 | variabel, von oligosymptomatisch bis Pneumonie | hoch, ganzjährige Zirkulation |
| Adenoviren | Pharyngitis, Konjunktivitis, Fieber | mäßig |
| Enteroviren | Pharyngitis, unspezifischer Infekt | mäßig |
| Parainfluenzaviren | Laryngitis, Heiserkeit, Husten | mäßig |
| Influenzaviren | abrupter Beginn, hohes Fieber, Myalgien | gering, saisonaler Anstieg erst ab Ende November |
| RSV | Bronchitis, bei Risikogruppen Bronchiolitis | gering, saisonaler Anstieg erst ab Ende November |
Eine echte Influenza kann somit ebenfalls im zeitlichen Zusammenhang mit einem Oktoberfestbesuch auftreten, ist aber nicht mit dem umgangssprachlichen Begriff „Wiesn-Grippe" gleichzusetzen.
Übertragung
Die Übertragung hängt vom jeweiligen Erreger ab. Bei respiratorischen Viren stehen die Tröpfcheninfektion und die Übertragung über Aerosole im Vordergrund. Hinzu kommt die Schmierinfektion über kontaminierte Hände, Oberflächen und gemeinsam genutzte Trinkgefäße. Die große Zahl sozialer Kontakte während des Oktoberfests erhöht die Wahrscheinlichkeit, mit respiratorischen Erregern in Kontakt zu kommen.[1]
Symptome
Das klinische Bild hängt vom jeweiligen Erreger ab. Mögliche Symptome sind:
- Halsschmerzen
- Schnupfen
- Husten
- Heiserkeit
- Kopfschmerzen
- Gliederschmerzen
- Fieber
- Müdigkeit und Abgeschlagenheit
Ein plötzlicher Erkrankungsbeginn mit ausgeprägtem Krankheitsgefühl, hohem Fieber sowie Kopf- und Gliederschmerzen kann unter anderem auf eine Influenza hinweisen.
Differentialdiagnosen
Nicht jede Beschwerdesymptomatik nach einem Wiesnbesuch beruht auf einer Infektion. Abzugrenzen sind insbesondere:
- Veisalgia (Katersymptomatik) mit Kopfschmerzen, Übelkeit und Abgeschlagenheit
- Alkoholintoxikation und ihre Folgezustände
- Dehydratation und Hitzekollaps
- mechanisch bedingte Heiserkeit durch lautes Sprechen und Singen ohne infektiöse Ursache
- Gastroenteritis anderer Genese, etwa durch Noroviren oder Lebensmittelvergiftung
Eine isolierte Heiserkeit nach mehrstündigem lautem Sprechen im Festzelt ist in der Regel Ausdruck einer funktionellen Stimmbelastung und nicht einer Laryngitis.
Diagnostik
Eine spezifische Erregerdiagnostik ist bei unkomplizierten Atemwegsinfekten häufig nicht erforderlich. Diagnostik und Therapie orientieren sich an den Leitlinienempfehlungen zum akuten Husten.[4]
Bei entsprechender klinischer Fragestellung stehen zur Verfügung:
- Antigenschnelltests auf SARS-CoV-2 und Influenzaviren
- Multiplex-PCR aus Nasopharyngealabstrich zum simultanen Nachweis mehrerer respiratorischer Erreger
- Blutbild und C-reaktives Protein bei Verdacht auf bakterielle Superinfektion oder Pneumonie
Die Indikation richtet sich nach Symptomatik, Risikoprofil und möglichen therapeutischen Konsequenzen. Ein Erregernachweis ist vor allem dann sinnvoll, wenn sich daraus eine antivirale Therapie ableitet, da diese zeitkritisch ist.
Therapie
Die Behandlung richtet sich nach der zugrunde liegenden Erkrankung und erfolgt bei unkomplizierten viralen Atemwegsinfekten überwiegend symptomatisch. Mögliche Allgemeinmaßnahmen sind:
- körperliche Schonung
- ausreichende Flüssigkeitszufuhr
- ausreichender Schlaf
Eine spezifische antivirale Therapie kommt vor allem bei Risikopatienten in Betracht. Bei gesicherter Influenza können Neuraminidasehemmer wie Oseltamivir oder Baloxavirmarboxil eingesetzt werden, wobei der Therapiebeginn innerhalb von 48 Stunden nach Symptombeginn erfolgen sollte. Bei COVID-19 kann bei erhöhtem Risiko für einen schweren Verlauf eine antivirale Therapie, etwa mit Nirmatrelvir/Ritonavir, indiziert sein.Antibiotika sind bei unkomplizierten viralen Atemwegsinfekten nicht indiziert und führen lediglich zu unnötigen Nebenwirkungen und zur Förderung von Resistenzen.[4]
Komplikationen
Aus einem zunächst unkomplizierten Atemwegsinfekt können sich entwickeln:
- akute Rhinosinusitis
- Otitis media
- akute Bronchitis und postinfektiöser Husten
- Pneumonie, insbesondere bei bakterieller Superinfektion
Akute Atemwegsinfektionen gehen darüber hinaus mit einem vorübergehend erhöhten Risiko für Myokardinfarkt und Schlaganfall einher. Ursächlich sind die systemische Aktivierung des Immunsystems und die Freisetzung proinflammatorischer Mediatoren mit konsekutiver Vasokonstriktion.[3]
Prognose
Unkomplizierte virale Atemwegsinfekte heilen bei Immunkompetenten in der Regel innerhalb von etwa einer Woche folgenlos aus. Ein postinfektiöser Husten kann mehrere Wochen persistieren.[4] Bei Immunsuppression, Komorbiditäten und in höherem Lebensalter ist das Risiko für komplizierte Verläufe erhöht.
Prävention
Maßnahmen zur Reduktion respiratorischer Infektionen umfassen allgemeine Hygienemaßnahmen, den Verzicht auf gemeinsam genutzte Trinkgefäße sowie die Vermeidung enger Kontakte zu erkrankten Personen, soweit dies möglich ist.
Impfungen schützen gezielt gegen einzelne Erreger, nicht jedoch gegen die sogenannte Wiesn-Grippe als Ganzes. Relevant sind insbesondere die Grippeimpfung, die COVID-19-Impfung und – für die entsprechenden Indikationsgruppen – die RSV-Impfung. Ein vollständiger Impfschutz baut sich erst etwa ein bis zwei Wochen nach der Impfung auf, sodass eine rechtzeitige Immunisierung vor Festbeginn sinnvoll ist. Gegen Rhinoviren, Adenoviren, Enteroviren und saisonale Coronaviren steht keine Impfung zur Verfügung.[3]
In München tragen das LMU Klinikum, das TUM Klinikum und das städtische Gesundheitsreferat seit 2026 die Kampagne „München impft", die das Bewusstsein für Atemwegsinfektionen und Impfmöglichkeiten stärken soll. Erstmals werden Impfungen gegen Influenza und COVID-19 auch direkt in der Sanitätswache auf dem Festgelände angeboten.[5]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Herold D, Klotz PA, Schäfer JT. Munich goes viral: Measuring the impact of the Oktoberfest on COVID-19 infection rates using difference-in-differences. Health Policy. 2025;157:105332.
- ↑ Ranse J et al. Novel Respiratory Viruses in the Context of Mass-Gathering Events: A Systematic Review to Inform Event Planning from a Health Perspective. Prehosp Disaster Med. 2021;36(5):599-610.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Deutsche Presse-Agentur. Wiesn-Grippe: Impfschutz gegen Covid-19 und Influenza. Thieme Praxis. 2026.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Krüger K, Gehrke-Beck S, Holzinger F, Heintze C. S3-Leitlinie Akuter und chronischer Husten. AWMF-Registernummer 053-013. 2021. Verfügbar unter: S3-Leitlinie Akuter und chronischer Husten.
- ↑ Deutsche Presse-Agentur. Oktoberfest 2026: Erstmals Grippe- und Corona-Impfung direkt auf der Wiesn. 2026.