TIBOLA-Syndrom
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: Dermacentor-borne necrosis erythema lymphadenopathy (DEBONEL), scalp eschar and neck lymphadenopathy after tick bite (SENLAT)
Englisch: tick-borne lymphadenopathy, TIBOLA
Definition
Das TIBOLA-Syndrom ist eine durch Zecken übertragene Rickettsiose. Sie wird unter anderem durch Rickettsia slovaca und Rickettsia raoultii hervorgerufen.[1] TIBOLA ist ein Akronym für "tick-borne lymphadenopathy".
Hintergrund
Erste Beschreibungen erfolgten 1997 in Frankreich und Ungarn.[2][3] Das gleiche Krankheitsbild kann selten auch durch Bartonella henselae oder Francisella tularensis ausgelöst werden und ist daher nicht auf Rickettsien beschränkt.[4][5][2][3] Die Bezeichnung SENLAT wurde eingeführt, um das Syndrom unabhängig vom Erreger zu beschreiben.
Epidemiologie
Das TIBOLA-Syndrom kommt in Europa vor und gilt nach dem Mittelmeerfleckfieber als zweithäufigste Rickettsiose Europas.[3] Fälle wurden aus zahlreichen europäischen Ländern berichtet, darunter Frankreich, Spanien, Italien, Portugal, Deutschland, Ungarn und Bulgarien.[6] Die ersten autochthonen Fälle in Deutschland traten 2009 auf.[2] Die Erkrankung tritt gehäuft im Frühjahr und Herbst auf.[6][7] Frauen und Kinder sind häufiger betroffen.[2][7] In Nordostfrankreich wurde 2021 ein Trend zu mehr Fällen mit einem Gipfel im April und Mai beobachtet. Dies könnte auch auf eine bessere Wahrnehmung der Erkrankung zurückgehen.[3] Auch ein autochthoner Fall bei einem Kind in Deutschland wurde beschrieben.[8]
Pathogenese
Die Bakterien Rickettsia slovaca und Rickettsia raoultii werden durch Zecken der Gattung Dermacentor auf den Menschen übertragen, und zwar durch die Schafzecke und die Auwaldzecke.[1] Rickettsia slovaca wird in Studien häufiger mit der Schafzecke, Rickettsia raoultii häufiger mit der Auwaldzecke in Verbindung gebracht. Die Zuordnung ist regional unterschiedlich.[2][3] In einer Untersuchung in Ostfrankreich war die Auwaldzecke der einzige bekannte Vektor dieser Erreger.[9] Die Erreger werden in den Zecken transovariell und transstadial weitergegeben.[2] Die Zecken stechen bevorzugt in die behaarte Kopfhaut.[2] Die Infektion bleibt meist auf die Einstichstelle und die regionalen Lymphknoten beschränkt; eine Bakteriämie ist nur inkonsistent nachweisbar, was die niedrige Sensitivität der Serologie erklären kann.[3]
Klinik
Die Inkubationszeit beträgt in der Literatur 1 bis 55 Tage, typischerweise 5 bis 10 Tage.[7] In einer französischen Serie lag die mediane Inkubationszeit bei 4 Tagen.[3] Das klinische Bild umfasst folgende Symptome:
- Eschar an der Einstichstelle, überwiegend an der behaarten Kopfhaut[3]
- regionale, schmerzhafte Lymphadenopathie, meist im Nacken- und Halsbereich[3]
- Fieber, das in Fallserien bei etwa 25 bis 80 % der Patienten beschrieben wurde[3]
- Kopfschmerzen und Asthenie[3][6]
- Arthromyalgien und Nackenschmerzen[3]
- in Einzelfällen Transaminasenanstieg[2]
Ein Exanthem tritt meist nicht auf. Die Infektion mit Rickettsia slovaca wurde deshalb ursprünglich als "spotless rickettsiosis" beschrieben.[10] In der Literatur wird es bei etwa 2 bis 5 % der Patienten beschrieben, in einer neueren französischen Serie wurde bei 17 % ein generalisiertes Exanthem berichtet. Dabei handelte es sich überwiegend um wahrscheinliche Fälle ohne Erregernachweis.[3] Selten kann ein Gesichtsödem oder ein Gesichtsexanthem vorliegen.[10][6][11] Der Eschar kann unter dem Haar verborgen sein oder fehlen, wodurch sich die Diagnose evtl. verzögert.[11][7]
Diagnostik
Die Diagnosestellung erfolgt klinisch anhand der typischen Konstellation aus Anamnese eines Zeckenstichs, Eschar und regionaler Lymphadenopathie.[3][7] Zur Erregerbestätigung ist die PCR aus Eschar-Abstrich, Eschar-Biopsat oder Krustenmaterial Methode der Wahl und erlaubt eine Speziesdiagnose.[12][7] Blutproben sind weniger sensitiv.[12] Auch die PCR aus Lymphknotenbiopsaten kann die diagnostische Genauigkeit verbessern.[11] Wurde die Zecke aufbewahrt, kann sie ebenfalls mittels PCR untersucht werden.[7] Die Sensitivität ist begrenzt, ein negatives Ergebnis schließt die Erkrankung nicht aus.[3]
Eine Serologie kann ergänzend eingesetzt werden, ist in der Frühphase jedoch häufig noch negativ. Bestätigend ist erst eine Serokonversion bzw. ein mindestens vierfacher Titeranstieg zwischen einer Akutprobe und einer 2 bis 4 Wochen später entnommenen Probe.[12] Wegen Kreuzreaktivitäten innerhalb der Zeckenfiebergruppe kann die Serologie die Erregerspezies nicht unterscheiden.[2][12] Blutbild und Leberwerte sind meist unauffällig, das CRP ist bei einem Teil der Patienten erhöht.[3] Einzelfälle mit erhöhten Transaminasen kommen vor.[2]
Differentialdiagnosen
Bei Eschar und regionaler Lymphadenopathie nach Zeckenstich kommen differentialdiagnostisch in Betracht:[2][3]
- Tularämie
- Infektion durch Bartonella henselae
- bakterielle Superinfektion durch Staphylokokken oder Streptokokken
- Borreliose; TIBOLA wird häufig mit ihr verwechselt[3]
- kutaner Milzbrand
- Mittelmeerfleckfieber, bei dem akutes Fieber und ein makulopapulöses Exanthem typisch sind, das auch Handflächen und Fußsohlen betreffen kann; ein Eschar ("tache noire") findet sich bei etwa 60 % der Patienten[6][7]
Therapie
Mittel der Wahl ist Doxycyclin – bei Erwachsenen 100 mg zweimal täglich über 7 bis 10 Tage. Die CDC nennt für Rickettsiosen eine Mindesttherapiedauer von 5 bis 7 Tagen.[2][12] Alternativ können bei Kontraindikationen gegen Tetrazykline Makrolide gegeben werden.[2][6] Die CDC bezeichnet die Datenlage zu Alternativen als begrenzt,[12] beim Mittelmeerfleckfieber zeigten randomisierte Studien dagegen für einzelne Makrolide eine Nichtunterlegenheit gegenüber Doxycyclin.[6] Bei Kindern und Schwangeren sind die Empfehlungen uneinheitlich.[6][12]
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Bei klinischem Verdacht wird ein sofortiger Therapiebeginn empfohlen, ohne den Labornachweis abzuwarten.[12][7] Betalaktam-Antibiotika sind bei Rickettsiosen unwirksam.[3][7] Proben für die PCR werden möglichst vor Therapiebeginn entnommen, da Doxycyclin die Sensitivität der PCR senkt.[6]
Prognose
Die Prognose ist insgesamt gut.[3] Die Erkrankung heilt in der Regel vollständig aus. In der französischen Serie betrug die mediane Symptomdauer 17 Tage, ein Patient wurde stationär behandelt.[3] Als Folgen sind eine Alopezie im Bereich des Eschars, die über Monate anhalten oder narbig sein kann, sowie eine über Monate anhaltende Asthenie beschrieben.[3][7][6] Der Verlauf ist in der Regel mild. Schwere Verläufe, etwa mit einer Myoperikarditis, sind Einzelfälle[11] und wurden vor allem bei unbehandelten Patienten beschrieben.[7]
Prävention
Eine Impfung gegen Rickettsiosen existiert nicht. Die CDC rät davon ab, symptomfreien Personen nach einer möglichen Exposition vorsorglich Antibiotika zu geben.[12] Vorbeugend wird empfohlen, nach Aufenthalten in Zeckengebieten den Körper und den behaarten Kopf gründlich abzusuchen und Repellentien sowie geeignete Schutzkleidung zu verwenden.[12] Eine entfernte Zecke kann für eine mögliche spätere Diagnostik aufbewahrt werden.[7]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Arbeitsgruppe für Rickettsiologie, abgerufen am 02.10.2026
- ↑ 2,00 2,01 2,02 2,03 2,04 2,05 2,06 2,07 2,08 2,09 2,10 2,11 2,12 Rieg et al., Tick-borne lymphadenopathy (TIBOLA) acquired in Southwestern Germany, BMC Infectious Diseases, 2011
- ↑ 3,00 3,01 3,02 3,03 3,04 3,05 3,06 3,07 3,08 3,09 3,10 3,11 3,12 3,13 3,14 3,15 3,16 3,17 3,18 3,19 3,20 3,21 Kotzyba et al., Tick-borne lymphadenopathy in northeastern France: a human and vector clinical-epidemiological study, Parasites & Vectors, 2025
- ↑ Angelakis et al., Scalp eschar and neck lymphadenopathy caused by Bartonella henselae after Tick Bite, Clinical Infectious Diseases, 2010
- ↑ Edouard et al., Eschar and neck lymphadenopathy caused by Francisella tularensis after a tick bite: a case report, Journal of Medical Case Reports, 2011
- ↑ 6,00 6,01 6,02 6,03 6,04 6,05 6,06 6,07 6,08 6,09 De Vito et al., Epidemiology, Clinical Aspects, Laboratory Diagnosis and Treatment of Rickettsial Diseases in the Mediterranean Area During COVID-19 Pandemic: A Review of the Literature, Mediterranean Journal of Hematology and Infectious Diseases, 2020
- ↑ 7,00 7,01 7,02 7,03 7,04 7,05 7,06 7,07 7,08 7,09 7,10 7,11 7,12 Barlozzari et al., Scalp eschar and neck lymphadenopathy by Rickettsia slovaca after Dermacentor marginatus tick bite case report: multidisciplinary approach to a tick-borne disease, BMC Infectious Diseases, 2021
- ↑ Isaak A, Tappe D, Veit A, et al. Autochthonous tick-borne lymphadenopathy (TIBOLA) in a 3-year-old child caused by Rickettsia slovaca in southwestern Germany. Infection. 2026.
- ↑ Barthel et al., Dermacentor ticks and their human pathogens in various ecosystems of eastern France, Ticks and Tick-borne Diseases, 2025
- ↑ 10,0 10,1 Del Giudice et al., Rickettsia slovaca "spotted fever", JAAD Case Reports, 2023
- ↑ 11,0 11,1 11,2 11,3 Bartilotti Matos et al., Forehead Erythematous Rash: A Rare Manifestation of Tick-Borne Lymphadenopathy (TIBOLA), Cureus, 2025
- ↑ 12,00 12,01 12,02 12,03 12,04 12,05 12,06 12,07 12,08 12,09 McCormick DW, Nicholson WL. Rickettsial Diseases. In: CDC Yellow Book 2026. Abgerufen am 02.10.2026.