Neuroleptospirose
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LoslegenSynonyme: leptospirale Meningitis, ZNS-Leptospirose, Leptospirose-assoziierte Meningoenzephalitis
Englisch: neuroleptospirosis, CNS leptospirosis, leptospiral meningitis, leptospirosis-associated meningoencephalitis
Definition
Als Neuroleptospirose bezeichnet man eine Beteiligung des Nervensystems im Rahmen einer Infektion mit pathogenen Spirochäten der Gattung Leptospira.
siehe Hauptartikel: Leptospirose
Hintergrund
Die Leptospirose ist eine weltweit verbreitete Zoonose, die durch Spirochäten der Gattung Leptospira verursacht wird. Die Übertragung erfolgt meist durch direkten oder indirekten Kontakt mit dem Urin infizierter Tiere, insbesondere von Nagetieren, Hunden, Rindern und Schweinen. Risikofaktoren umfassen berufliche Exposition (z.B. Landwirtschaft, Kanalarbeit), Freizeitaktivitäten in kontaminierten Gewässern und Überschwemmungen. Die Erkrankung verläuft typischerweise biphasisch mit einer initialen bakteriämischen Phase und einer nachfolgenden Immunphase.
Epidemiologie
Weltweit werden jährlich über eine Million Leptospirose-Fälle mit mindestens 59.000 Todesfällen geschätzt. Die tatsächliche Krankheitslast wird wahrscheinlich unterschätzt.[1] Neurologische Manifestationen treten bei etwa 10 % der hospitalisierten Leptospirose-Patienten auf.[2] Die Erkrankung betrifft überwiegend Männer und tritt bevorzugt in tropischen und subtropischen Regionen auf. Daten zu Neuroleptospirose-Fällen in Deutschland liegen derzeit (2026) nicht vor.
Ätiologie
Die Neuroleptospirose wird durch pathogene Leptospira-Arten verursacht, wobei Leptospira interrogans am häufigsten nachgewiesen wird. Weitere relevante Spezies sind Leptospira borgpetersenii, Leptospira kirschneri und Leptospira noguchii. Die verschiedenen Serovare zeigen unterschiedliche geografische Verteilungen und Wirtstiere. Die Bakterien dringen über kleine Hautverletzungen oder Schleimhäute in den Körper ein und disseminieren hämatogen in verschiedene Organe, darunter auch das Zentralnervensystem.
Pathophysiologie
Die ZNS-Beteiligung entsteht einerseits durch die direkte bakterielle Invasion während der bakteriämischen Phase, wenn die Spirochäten die Blut-Hirn-Schranke überwinden und eine entzündliche Reaktion im Subarachnoidalraum auslösen. Dies führt zu einer aseptischen Meningitis mit lymphozytärer Pleozytose. In schweren Fällen kann es zu Vaskulitis, Hirnödem und Enzephalitis kommen. Andererseits können immunvermittelte Mechanismen – etwa durch molekulare Mimikry zwischen bakteriellen und neuronalen Antigenen – sekundäre neurologische Komplikationen auslösen.
Klinik
Die Erkrankung präsentiert sich typischerweise als Meningitis oder Meningoenzephalitis.[2] Häufigste neurologische Symptome sind Kopfschmerzen, Verwirrtheit und Nackensteifigkeit, seltener Paresen und epileptische Anfälle. Besonders hinweisend sind begleitende Allgemeinsymptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Myalgien (vor allem Wadenschmerzen), Übelkeit, Erbrechen und Abgeschlagenheit. Klinische Befunde, die den Verdacht auf eine Leptospirose zusätzlich erhärten können, sind konjunktivale Injektionen, Polyurie/Anurie bei Nierenbeteiligung, ein Ikterus sowie eine Hepatomegalie.[3]
Diagnostik
Labordiagnostik
Zur Diagnostik sollte eine Kombination verschiedener Probenmaterialien (Blut, Liquor, Urin) eingesandt werden. In der Frühphase ermöglicht die PCR eine rasche Diagnose. Dafür wird Vollblut in der ersten Krankheitswoche, Urin etwa nach der ersten Woche untersucht.[4] Insbesondere bei Meningitiszeichen kann die PCR aus dem Liquor positiv sein. Serologisch wird ein IgM-ELISA als Screeningtest empfohlen. Positive Ergebnisse sollten durch den mikroskopischen Agglutinationstest (MAT) als Referenzstandard bestätigt werden. Die Sensitivität der Serologie steigt ab der zweiten Krankheitswoche deutlich an. Die Kultur ist wenig sensitiv und erfordert Spezialmedien.
Liquordiagnostik
Im Liquor findet sich häufig eine milde bis moderate, überwiegend lymphozytäre Pleozytose mit erhöhtem Eiweiß und meist normaler Glukose.[5]
Magnetresonanztomographie
Die zerebrale MRT ist häufig unauffällig oder zeigt unspezifische Veränderungen. Beschrieben wurden unter anderem T2-/FLAIR-Hyperintensitäten, meningeale Kontrastmittelaufnahme und bei schweren Verläufen ein vasogenes Hirnödem.[6][3][7][8]
Therapie
Es sollte eine gezielte Antibiotikatherapie über mindestens 7 Tage erfolgen, beispielsweise mit:
- Ceftriaxon 2 g i.v. 1 × täglich oder
- Penicillin G 1,5 Mio. IE i.v. 4 × täglich (alle 6 h)
- bei Penicillinallergie: Doxycyclin 100 mg i.v. 2 × täglich
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Randomisierte Studien und aktuelle systematische Reviews zur schweren Leptospirose zeigen, dass Penicillin, Doxycyclin und Cephalosporine (einschließlich Ceftriaxon) die Dauer des Fiebers im Vergleich zu keiner antibiotischen Therapie verkürzen, jedoch keinen gesicherten Einfluss auf Mortalität oder Krankenhausaufenthaltsdauer haben. Die Evidenzqualität ist überwiegend niedrig bis sehr niedrig. Spezifische Kohortenstudien oder RCTs zur antibiotischen Therapie der Neuroleptospirose liegen weiterhin nicht vor; die Empfehlungen stützen sich auf Daten zur schweren Leptospirose insgesamt.
Komplikationen
Neben den direkt erregerbedingten neurologischen Manifestationen können im Verlauf immunvermittelte Komplikationen auftreten. Diese entwickeln sich entweder parainfektiös während der Immunreaktion oder postinfektiös Tage bis Wochen nach der akuten Erkrankung. Beschrieben wurden Syndrome wie das Guillain-Barré-Syndrom (GBS), ADEM, Myelitis und Autoimmunenzephalitis.[9][10][11] Als pathogenetischer Mechanismus wird unter anderem molekulare Mimikry zwischen Leptospira-Antigenen und neuronalen Strukturen diskutiert. Die Therapie umfasst Immuntherapie (z.B. Glukokortikoide, Plasmapherese, IVIG); bei aktiver Infektion muss sie durch eine antibiotische Behandlung ergänzt werden.
Prognose
Die Prognose ist bei frühzeitiger Diagnose und Therapie häufig günstig. Enzephalitis, Bewusstseinsstörung und epileptische Anfälle können jedoch mit schwereren Verläufen einhergehen. Immunvermittelte para- oder postinfektiöse Komplikationen können die Erholung verlängern und bleibende neurologische Defizite verursachen.
Quellen
- ↑ Costa et al., Global Morbidity and Mortality of Leptospirosis: A Systematic Review, PLoS Negl Trop Dis, 2015
- ↑ 2,0 2,1 Perera et al., Neuroleptospirosis in patients presenting with primary central nervous system infection: A multicentre study, PLoS Negl Trop Dis, 2026
- ↑ 3,0 3,1 Lee et al., Leptospirosis – clinical review and updates on therapeutics, Lancet Infect Dis, 2026
- ↑ CDC Yellow Book – Leptospirosis, Centers for Disease Control and Prevention, abgerufen am 31.07.2026
- ↑ Farias et al., Leptospirosis-associated meningitis in an urban tropical endemic setting in northeastern Brazil: Three New cases and a meta-summary of 176 reported cases, PLoS Neglected Tropical Diseases, 2026
- ↑ Dixit et al., Neurological manifestations of leptospirosis: a retrospective study from India, Neurology, 2024
- ↑ Priyankara und Manoj, Posterior reversible encephalopathy in a patient with severe leptospirosis complicated with pulmonary haemorrhage, myocarditis and acute kidney injury, Case Rep Crit Care, 2019
- ↑ Bhatt et al., Uncommon manifestation of leptospirosis: a diagnostic challenge, BMJ Case Rep, 2018
- ↑ Saranya et al., Para-infectious myelitis with Conus medullaris immunotropism in the immune phase of leptospirosis infection, J Neuroimmunol, 2026
- ↑ Panda et al., Leptospira triggered anti-N-methyl-D-aspartate receptor encephalitis, J Trop Pediatr, 2020
- ↑ Mathew et al., Neuroleptospirosis – revisited: experience from a tertiary care neurological centre from South India, Indian J Med Res, 2006