Wilms-Tumor-Protein
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LoslegenSynonyme: Wilms-Tumor-1-Protein, Wilms-Tumor-Suppressorprotein, WT1-Protein
Englisch: Wilms tumor protein, Wilms tumor 1 protein, WT-1
Definition
Das Wilms-Tumor-Protein, kurz WT1, ist ein Transkriptionsfaktor mit vier C-terminalen Zinkfingern, der vom Wilms-Tumorsuppressorgen kodiert wird. Er spielt eine zentrale Rolle bei der Embryonalentwicklung der Nieren und Gonaden.[1]
Genetik
Das Wilms-Tumorsuppressorgen befindet sich auf Chromosom 11 am Genlokus 11p13. Durch alternatives Spleißen, alternative Translationsstartpunkte und RNA-Editing entstehen über 30 verschiedene Isoformen.
Klinisch besonders relevant ist ein alternatives Spleißereignis zwischen dem dritten und vierten Zinkfinger, das die drei Aminosäuren Lysin-Threonin-Serin (KTS) einfügt oder auslässt: Die −KTS-Isoform bindet effizient an DNA und wirkt überwiegend als klassischer Transkriptionsfaktor, während die +KTS-Isoform DNA schwächer bindet und stattdessen mit Spleißfaktoren und RNA interagiert.[2]
Struktur
WT1 besitzt eine prolin- und glutaminreiche N-terminale Domäne, die an Protein-Protein-Interaktionen und der transkriptionellen Aktivierung bzw. Repression beteiligt ist, sowie eine C-terminale Domäne mit vier Zinkfingern, über welche die Bindung an DNA erfolgt.[3]
Funktion
WT1 wurde ursprünglich als Tumorsuppressorprotein beschrieben, aus dem sich auch sein Name ableitet. Nach heutigem Kenntnisstand besitzt WT1 jedoch eine kontextabhängige Doppelrolle: Während inaktivierende Mutationen im WT1-Gen beim Wilms-Tumor einem Tumorsuppressor-Verlust entsprechen, verhält sich das Protein – häufig in überexprimierter Wildtyp-Form – in zahlreichen hämatologischen Neoplasien und soliden Tumoren (u.a. AML, Mammakarzinom, Mesotheliom, Nierenzellkarzinom) onkogen.[4]
Klinik
Fehlbildungssyndrome
Keimbahnmutationen im WT1-Gen liegen mehreren Entwicklungsstörungen mit vorwiegend renaler und gonadaler Beteiligung zugrunde:
- WAGR-Syndrom (Wilms-Tumor, Aniridie, urogenitale Fehlbildungen, geistige Retardierung)
- Denys-Drash-Syndrom
- Frasier-Syndrom
- Meacham-Syndrom
Weiterhin werden WT1-Varianten mit Hypospadien, Uterusagenesien/-aplasien sowie einer steroidresistenten Glomerulopathie in Verbindung gebracht.[1]
Tumorerkrankungen
Der namensgebende Wilms-Tumor (Nephroblastom) ist der häufigste kindliche Nierentumor und tritt vor allem bei Kindern auf. In einem Teil der Fälle liegen inaktivierende WT1-Mutationen vor.[1] Bei der akuten myeloischen Leukämie (AML) finden sich rekurrente WT1-Mutationen (v.a. Exon 7 und 9) bei etwa 5–10 % der Patienten – sie sind mit ungünstiger Prognose und Chemotherapieresistenz assoziiert. Die WT1-Überexpression dient zudem als Verlaufsmarker (minimale Resterkrankung) sowie als immuntherapeutische Zielstruktur. Es werden peptidbasierte WT1-Vakzine und WT1-spezifische T-Zell-Rezeptor-Therapien bei AML und MDS klinisch erprobt.[4][5]
WT1-Mutationen treten in der AML wechselseitig ausschließend mit Mutationen in IDH1, IDH2 und der TET2 auf. Grund dafür ist, dass alle auf denselben Signalweg wirken: WT1 rekrutiert TET2 an seine Zielgene und ermöglicht dort die DNA-Hydroxymethylierung (5-hmC).[6] Diese Reaktion wird ebenfalls durch Mutation von IDH1/2 blockiert. Eine zweite Mutation aus dieser Gruppe stellt für Leukämiezelle somit keinen zusätzlichen Vorteil dar.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Ferrari et al., WT1: A single gene associated with multiple and severe phenotypes, Hum Genet Genomics Adv, 2023
- ↑ Morrison et al., Wilms tumour suppressor protein WT1 (+KTS isoform) binds alpha-actinin 1 mRNA via its zinc-finger domain, Biochem J, 2007
- ↑ Stoll et al., Structure of the Wilms tumor suppressor protein zinc finger domain bound to DNA, J Mol Biol, 2007
- ↑ 4,0 4,1 Yang et al., A tumor suppressor and oncogene: the WT1 story, Leukemia, 2007
- ↑ Nishida et al., Safety and persistence of WT1-specific T-cell receptor gene-transduced lymphocytes in patients with AML and MDS, Blood, 2017
- ↑ Wang et al., WT1 recruits TET2 to regulate its target gene expression and suppress leukemia cell proliferation, Mol Cell, 2015