Chemosis
von altgriechisch: χυμός ("chymós") - Saft
Synonyme: Chemose, Bindehautödem, Konjunktivalödem
Englisch: chemosis, conjunctival edema
Definition
Die Chemosis ist ein Ödem der Bindehaut des Auges. Es entsteht oft als Reaktion auf Allergien oder Infektionen.
Ätiologie
Allergische Rhinokonjunktivitis und Viruskonjunktivitis sind die häufigsten Auslöser einer Chemosis. Postoperative Chemosen nach intraokularen Eingriffen oder Lidoperationen sind ebenfalls häufig und in der Regel selbstlimitierend. Gefährlichere Ursachen (z.B. Sinus-cavernosus-Thrombose, Orbitatumoren) sind hingegen selten.
Pathophysiologie
Der Ödembildung liegt in der Regel eine von zwei Mechanismen zugrunde:
| Mechanismus | Pathophysiologie | Typische Ursachen |
|---|---|---|
| Erhöhte Gefäßpermeabilität | Histamin, Prostaglandine und andere Mediatoren steigern die transendotheliale Flüssigkeitsfiltration | Allergie, bakterielle/virale Konjunktivitis, chemische Noxen, Trauma |
| Venöse/lymphatische Abflussstörung | Erhöhter hydrostatischer Druck in den Konjunktivalgefäßen | Endokrine Orbitopathie, Orbitatumor, Carotis-Sinus-cavernosus-Fistel |
Im Fall eines Lagophthalmus (unvollständiger Lidschluss) entsteht die Chemosis durch Austrocknung der Konjunktivaoberfläche mit konsekutiver Reflexhyperämie und Ödem. Eine einmal entstandene Chemosis kann durch mechanische Kompression der Bindehaut zwischen Lid und Bulbus einen Circulus vitiosus unterhalten.
Klinik
Das klinische Bild der Chemosis variiert abhängig von der Ursache. Leitsymptom ist die Vorwölbung der Konjunktiva, die weiß-glasig bis gelblich-rötlich erscheinen kann. Des Weiteren können folgende Symptome auftreten:
- Schmerzen
- Fremdkörpergefühl
- Juckreiz: Typisch für allergische Genese
Komplikationen
Mögliche Komplikationen bei prolongiertem Verlauf sind:
- Expositionskeratopathie: durch unvollständigen Lidschluss bei ausgeprägter Chemosis
- Mechanisches Bindehauttrauma: Einklemmung der Bindehaut zwischen Lid und Kontaktlinse
- Circulus vitiosus: Chemosis → Lidschlussinsuffizienz → Austrocknung → verstärkte Chemosis
Diagnose
Die Diagnose der Chemosis erfolgt in der Regel klinisch als Blickdiagnose. Zur Abklärung der zugrunde liegenden Ursache ist jedoch eine strukturierte, stufenweise Diagnostik erforderlich:
Zunächst dient die Anamnese der ätiologischen Eingrenzung. Relevante Aspekte sind insbesondere Allergien, Kontaktlinsentragen, Medikamentenanamnese, vorangegangene Operationen oder Traumata sowie bekannte Systemerkrankungen.
Apparative Diagnostik
Die Spaltlampenuntersuchung ermöglicht die detaillierte Beurteilung des Schwellungsausmaßes sowie von Begleitbefunden wie Sekretion, Follikeln, Papillen, Hornhaut- und Vorderkammerbeteiligung.
Bei Verdacht auf orbitale oder vaskuläre Ursachen ist eine orbitale Bildgebung indiziert. Die Sonographie kann Hinweise auf eine Dilatation der Vena ophthalmica superior oder Raumforderungen geben.
Labor
Bei Verdacht auf eine infektiöse Genese sollte ein Konjunktivalabstrich mit mikrobiologischer Diagnostik (Kultur, ggf. PCR z. B. auf Adenoviren oder HSV) erfolgen. Zur Abklärung allergischer Ursachen kommen Allergietests wie Pricktest oder der Nachweis spezifischer IgE-Antikörper im Serum zum Einsatz.
Ergänzend kann bei Verdacht auf endokrine Orbitopathie eine Labordiagnostik erfolgen, beispielsweise mit Bestimmung von Schilddrüsenparametern (TSH, T3, T4), Autoantikörpern (ANA, ANCA, TRAK) sowie ein Blutbild, um Systemerkrankungen zu erfassen.
| Red Flags, die eine Bildgebung mit CT oder MRT indizieren, sind: Proptosis, Ophthalmoplegie bzw. Schmerzen bei Augenbewegungen, Visusminderung, RAPD, Fieber, pulsierende Exophthalmie. |
Differenzialdiagnosen
Zu den Differenzialdiagnosen zählen neben lokalen okulären Ursachen auch Systemerkrankungen wie Volumenüberladung, Hypalbuminämie, Herz- oder Niereninsuffizienz, obere Einflussstauung sowie Angioödeme.
Therapie
Die Therapie richtet sich primär nach der Grundursache.
Allgemeine supportive Maßnahmen
- Augentropfen zur Benetzung
- Kühle Umschläge zur Ödemreduktion
- Kontaktlinsenpause bis zur vollständigen Rückbildung des Ödems
- Reiben des Auges vermeiden (Ödemunterhaltung)
- nächtlicher Uhrglasverband bei Lagophthalmus
Allergische Genese
- topische Antihistaminika
- Mastzellstabilisatoren
- topische Glukokortikoide (kurzzeitig)