Bovines Herpesvirus 1
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LoslegenSynonyme: BoHV-1, Bovines Alphaherpesvirus 1, BoAHV-1, IBR-Virus
Englisch: bovine herpesvirus 1, bovine alphaherpesvirus 1
Definition
Das bovine Herpesvirus 1, kurz BHV-1, ist ein behülltes DNA-Virus aus der Familie der Herpesviridae. Es ist der Erreger der infektiösen bovinen Rhinotracheitis (IBR) sowie der infektiösen pustulösen Vulvovaginitis (IPV) des Rindes.
Taxonomie
- Realm: Duplodnaviria
- Reich: Heunggongivirae
- Phylum: Peploviricota
- Klasse: Hervivirecetes
- Ordnung: Herpesvirales
- Familie: Orthoherpesviridae
- Unterfamilie: Alphaherpesvirinae
- Gattung: Varicellovirus
- Art: Varicellovirus bovinealpha1
- Unterart: Bovines Alphaherpesvirus 1
- Art: Varicellovirus bovinealpha1
- Gattung: Varicellovirus
- Unterfamilie: Alphaherpesvirinae
- Familie: Orthoherpesviridae
- Ordnung: Herpesvirales
- Klasse: Hervivirecetes
- Phylum: Peploviricota
- Reich: Heunggongivirae
Anhand antigenetischer und genetischer Eigenschaften werden mehrere Subtypen unterschieden:
- Subtyp 1.1 – vorwiegend respiratorische Verlaufsform (IBR), hohe Virulenz
- Subtyp 1.2a – respiratorische und genitale Manifestationen, auch Aborte
- Subtyp 1.2b – mildere genitale und respiratorische Verläufe
Der früher als Subtyp 1.3 geführte neurotrope Stamm wurde aufgrund deutlicher genetischer Unterschiede als eigenständige Spezies, das bovine Herpesvirus 5 (BHV-5), reklassifiziert. BHV-5 ist primär mit Meningoenzephalitis bei Kälbern assoziiert.[1]
Morphologie
BHV-1 besitzt den für Herpesviren typischen Aufbau mit einem Durchmesser von etwa 120 bis 200 nm. Das Virion besteht von innen nach außen aus:
- einem ikosaedrischen Kapsid, das die virale DNA umschließt
- dem Tegument, einer Proteinschicht zwischen Kapsid und Hülle
- der Virushülle, in die zahlreiche virale Glykoproteine eingelagert sind
Die Glykoproteine gB, gC, gD und gH/gL vermitteln Anheftung und Eindringen in die Wirtszelle. Das Glykoprotein gE ist für die Zell-zu-Zell-Ausbreitung und die Neuroinvasion bedeutsam und dient als Zielstruktur für Markerimpfstoffe.[2]
Genetik
Das Genom besteht aus einer linearen Doppelstrang-DNA von etwa 135 kbp, die für rund 70 Proteine kodiert. Es ist in eine lange (UL) und eine kurze (US) Region gegliedert, wobei die kurze Region von invertierten Wiederholungssequenzen flankiert wird. Innerhalb dieser Repeats liegt unter anderem das latency-related (LR) Gen, das während der Latenzphase exprimiert wird.[3]
Verbreitung
BHV-1 ist weltweit endemisch verbreitet. In Europa haben mehrere Länder durch konsequente Sanierungs- und Überwachungsprogramme den Status der BHV-1-Freiheit erreicht.[4]
Deutschland gilt seit dem 12. Juni 2017 als amtlich anerkannt frei von IBR/IPV. Neben Deutschland gelten unter anderem Österreich, die Schweiz, Tschechien, Dänemark, Finnland und Schweden als seuchenfrei.[5]
Zur Aufrechterhaltung der Freiheit schreibt die nationale BHV1-Verordnung auch in freien Regionen regelmäßige serologische Bestandsuntersuchungen vor. Bei über 24 Monate alten Rindern erfolgt eine blutserologische Kontrolle im Abstand von maximal zwölf Monaten.
Übertragung
Die Übertragung erfolgt überwiegend durch direkten oder indirekten Kontakt zwischen Tieren. Relevante Übertragungswege sind:
- aerogene Übertragung über Aerosole sowie Nasensekret und Konjunktivalsekret
- genitale Übertragung beim Deckakt über infektiöse Spermaflüssigkeit
- indirekte Übertragung über kontaminierte Personen, Fahrzeuge, Geräte und Stalleinrichtungen
Latent infizierte Tiere, die das Virus nach Reaktivierung ohne erkennbare Symptome ausscheiden, spielen für die Einschleppung in einen Bestand eine wichtige Rolle.
Replikation
Nach Eintritt über die Schleimhäute des oberen Respirationstrakts oder des Genitaltrakts vermehrt sich BHV-1 lytisch im Epithel und führt zu fokalen Nekrosen und Erosionen. Die Infektion ist mit einer ausgeprägten Immunsuppression verbunden, die durch Beeinträchtigung von Alveolarmakrophagen und Lymphozyten das Eindringen bakterieller Sekundärerreger begünstigt. BHV-1 gilt daher als wichtiger Wegbereiter der enzootischen Bronchopneumonie.[2]
Die Replikation folgt dem Schema der Alphaherpesviren. Nach Anheftung an zelluläre Rezeptoren (u.a. Nectin-1) und Fusion der Virushülle mit der Zellmembran wird das Kapsid in das Zytoplasma freigesetzt und zum Zellkern transportiert. Im Kern erfolgt die Transkription in einer streng regulierten Kaskade aus immediate early, early und late Genen. Neue Kapside werden im Kern zusammengebaut, erhalten beim Transport durch das endoplasmatische Retikulum und den Golgi-Apparat ihre Hülle und werden durch Exozytose freigesetzt.[3]
Latenz und Reaktivierung
Ein zentrales biologisches Merkmal von BHV-1 ist die Fähigkeit zur lebenslangen Latenz. Nach klinischer oder subklinischer Erstinfektion wandert das Virus über sensible Nervenendigungen retrograd zu den Neuronen sensorischer Ganglien – vorwiegend dem Trigeminusganglion bei respiratorischer und dem Sakralganglion bei genitaler Infektion – und persistiert dort latent.[3]
Unter Stressbedingungen wie Transport, Geburt, Rangkämpfen, interkurrenten Erkrankungen oder der Gabe von Glukokortikoiden kann das Virus reaktiviert werden. Es kommt dann zur erneuten Virusausscheidung, häufig ohne klinische Symptome. Dieser Mechanismus der stillen Reaktivierung erklärt die Aufrechterhaltung der Infektion innerhalb eines Bestandes und ist die wesentliche epidemiologische Herausforderung bei der Bekämpfung.[1]
Übertragung
Die Übertragung erfolgt überwiegend durch direkten oder indirekten Kontakt zwischen Tieren. Relevante Übertragungswege sind:
- aerogene Übertragung über Aerosole sowie Nasensekret und Konjunktivalsekret
- genitale Übertragung beim Deckakt über infektiöse Spermaflüssigkeit
- indirekte Übertragung über kontaminierte Personen, Fahrzeuge, Geräte und Stalleinrichtungen
Latent infizierte Tiere, die das Virus nach Reaktivierung ohne erkennbare Symptome ausscheiden, spielen für die Einschleppung in einen Bestand eine wichtige Rolle.[1]
Klinik
Das klinische Bild ist abhängig von Virussubtyp, Eintrittspforte und Immunstatus des Tieres.
Respiratorische Form (IBR)
Die infektiöse bovine Rhinotracheitis ist die häufigste Manifestation. Charakteristisch sind Fieber, Apathie, Inappetenz, serös bis mukopurulenter Nasenausfluss, Konjunktivitis sowie Husten und Atemnot. Auf der Nasenschleimhaut zeigen sich typische weißliche nekrotische Beläge. Bei Milchvieh kommt es zu einem deutlichen Rückgang der Milchleistung.[1]
Genitale Formen (IPV und IBP)
Bei der infektiösen pustulösen Vulvovaginitis (IPV) der weiblichen Tiere und der infektiösen Balanoposthitis (IBP) der männlichen Tiere treten Pusteln und Erosionen an der Schleimhaut der äußeren Geschlechtsorgane auf.[1]
Systemische Form bei Neugeborenen
Bei neugeborenen Kälbern ohne ausreichenden maternalen Immunschutz kann eine generalisierte, häufig letal verlaufende Infektion mit Beteiligung mehrerer Organsysteme auftreten.[3]
Meldepflicht
Die BHV-1-Infektion ist in Deutschland eine anzeigepflichtige Tierseuche. Trotz des Freiheitsstatus treten weiterhin vereinzelte Ausbrüche auf, die mitunter Gesamtbestandsräumungen erforderlich machen. Konsequente Biosicherheitsmaßnahmen bleiben daher essenziell.[5]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Rimayanti R, Khairullah AR, Lestari TD, et al. Infectious bovine rhinotracheitis: Unveiling the hidden threat to livestock productivity and global trade. Open Vet J. 2024;14(10):2525-2538.
- ↑ 2,0 2,1 Krishnagopal A, van Drunen Littel-van den Hurk S. The biology and development of vaccines for bovine alphaherpesvirus 1. Vet J. 2024;306:106152.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 Muylkens B, Thiry J, Kirten P, Schynts F, Thiry E. Bovine herpesvirus 1 infection and infectious bovine rhinotracheitis. Vet Res. 2007;38(2):181-209.
- ↑ Raaperi K, Orro T, Viltrop A. Epidemiology and control of bovine herpesvirus 1 infection in Europe. Vet J. 2014;201(3):249-256.
- ↑ 5,0 5,1 Durchführungsverordnung (EU) 2021/620 der Kommission, Anhang V (Liste der seuchenfreien Mitgliedstaaten und Zonen für IBR/IPV); Verordnung zum Schutz der Rinder vor einer Infektion mit dem Bovinen Herpesvirus Typ 1 (BHV1-Verordnung).