Postoperatives Delir
Synonyme: Durchgangssyndrom, akutes organisches Psychosyndrom
Englisch: brief reactive psychosis, brief psychotic disorder
Definition
Das postoperative Delir, kurz POD, ist eine akut einsetzende, fluktuierende Störung von Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Kognition. Es tritt typischerweise in den ersten Stunden bis Tagen nach einem operativen Eingriff auf und manifestiert sich häufig bereits im Aufwachraum.
siehe auch: Delir
Nomenklatur
Früher wurde das postoperative Delir auch als "Durchgangssyndrom" bezeichnet. Der Begriff gilt nach neuerem Verständnis als veraltet, da er suggeriert, dass der Zustand der Patienten nur kurze Zeit anhält und reversibel ist. Es leiden jedoch bis zu 25 % der Patienten auch nach dem Delir noch an kognitiven Störungen.
Abzugrenzen ist das sogenannte Emergence-Delir, das unmittelbar beim Erwachen aus der Anästhesie auftritt, meist Kinder betrifft und kurzzeitig verläuft, sowie das postoperative kognitive Defizit (anhaltende kognitive Einschränkung über einen längeren Zeitraum).
Ätiopathogenese
Die Entstehung des POD ist multifaktoriell und bisher (2026) nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden insbesondere ein Ungleichgewicht von Neurotransmittern, vor allem ein relativer Acetylcholinmangel und eine dopaminerge Überaktivität sowie neuroinflammatorische Prozesse.
Zu den wichtigsten prädisponierenden Faktoren zählen ein höheres Lebensalter, vorbestehende kognitive Einschränkungen, Komorbiditäten und Polypharmazie. Auslösende Faktoren sind insbesondere perioperative Belastungen wie chirurgischer Stress, Schmerzen, Infektionen, metabolische Störungen und Medikamente. Auch Art und Umfang des operativen Eingriffs beeinflussen das Delirrisiko. Größere und länger dauernde Operationen sowie Eingriffe mit hohem Blutverlust oder Transfusionsbedarf (z.B. herzchirurgische Operationen, Hüftgelenksersatz bei älteren Patienten) sind mit einem erhöhten Risiko assoziiert.
Der Einfluss der Anästhesieform ist hingegen nicht eindeutig und wird kontrovers diskutiert. Ein konsistenter Vorteil einer Regional- gegenüber einer Allgemeinanästhesie konnte bisher (2026) nicht gezeigt werden. Entscheidend scheint vielmehr die Qualität des perioperativen Managements und der Narkoseführung zu sein. Eine zu tiefe Anästhesie mit EEG-Burst-Suppression kann das Delirrisiko erhöhen, weshalb insbesondere bei älteren Patienten ein Narkosetiefenmonitoring sinnvoll ist. Auch eine hämodynamische Instabilität kann zur Entstehung des POD beitragen.
Symptomatik
Betroffene Patienten sind unkooperativ, agitiert und verwirrt. Es besteht in der Regel eine vegetative Begleitsymptomatik wechselnden Ausmaßes (z.B. vermehrtes Schwitzen, Tachykardie, Hypertonie). Es kann zu Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit, Desorientierung und aggressivem Verhalten kommen.
Die Symptomatik beginnt abrupt und zeigt wechselnde Intensität. Verwirrtheitsphasen wechseln sich mit "besseren" Phasen ab. Liegende Katheter und Drainagen können durch den Patienten gewaltsam entfernt werden.
Diagnostik
Die Diagnose des postoperativen Delirs ist primär klinisch. Entscheidend ist ein strukturiertes, wiederholtes Delirscreening mit validierten Instrumenten. Empfohlen wird ein Screening bereits im Aufwachraum und anschließend regelmäßig bis mindestens zum 5. postoperativen Tag.
Geeignete Instrumente sind z.B.
- Nursing Delirium Screening Scale (Nu-DESC)
- Intensive Care Delirium Screening Checklist (ICDSC)
- Delirium Detection Score (DDS)
- 4AT-Test
Der 4AT-Test ist speziell für den perioperativen Einsatz validiert und ermöglicht eine schnelle Einschätzung ohne umfangreiches Training.
Parallel erfolgt die Abklärung potenziell reversibler Ursachen wie Hypoxie, metabolische Störungen (inkl. Blutgasanalyse), Infektionen, Schmerzen, ein zentrales anticholinerges Syndrom oder Medikamenteneffekte. Auch Komplikationen nach chirurgischen Eingriffen (z.B. Enzephalopathie bei Sepsis) können verantwortlich sein.
Therapie
Die Prävention ist die wichtigste Maßnahme. Sie umfasst die Identifikation von Risikopatienten, die Minimierung delirogener Medikamente (insbesondere Benzodiazepine), eine suffiziente Analgesie sowie stabile Kreislauf- und Stoffwechselbedingungen. Nichtpharmakologische Maßnahmen wie Reorientierung, Schlafhygiene, frühe Mobilisation sowie der Einsatz von Seh- und Hörhilfen sind essenziell. Perioperative Nüchternzeiten sollten so kurz wie möglich sein.
Die Behandlung richtet sich primär auf die Korrektur auslösender Ursachen, z.B. Hypoxie, Schmerz, Infektion oder metabolische Störungen. Begleitend sind strukturierte nichtpharmakologische Maßnahmen wie ruhige Umgebung, Reorientierung und Reduktion unnötiger Katheter wichtig.
Eine medikamentöse Therapie ist nur bei ausgeprägter Symptomatik mit Eigen- oder Fremdgefährdung indiziert. Zum Einsatz kommen insbesondere Antipsychotika (z.B. Haloperidol, Quetiapin). Benzodiazepine sollten aufgrund ihres delirogenen Potenzials vermieden werden und sind primär bei Entzugssyndromen indiziert. Dexmedetomidin kann in ausgewählten Situationen günstig wirken, ist jedoch differenziert einzusetzen. Clonidin oder Betablocker können bei ausgeprägter vegetativer Symptomatik unterstützend verwendet werden, gelten jedoch nicht als Standardtherapie.
Literatur
- Rudy M, Saller T: Postoperatives Delir im Aufwachraum. Wiener klinisches Magazin, 2024
- Fritsch G.: Postoperatives Delir: intraoperative Anwendung von Phenylephrin und Ephedrin. Anästhesie Nachrichten, 2024
- Grabert J, Coburn M: Ist das Delir unabhängig vom Anästhesieverfahren? Was uns REGAIN und RAGA lehren. Die Anaesthesiologie, 2022
- Knotzer J: Intraoperativer Blutdruck und postoperatives Delir. Anästhesie Nachrichten, 2026