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Trichinellose (Schwein)

Synonym: Trichinella-Infektion des Schweines

1 Definition

Die Trichinellose des Schweines ist eine parasitär bedingte Erkrankung beim Schwein, die durch Nematoden der Gattung Trichinella verursacht wird.

2 Hintergrund

Parasiten der Gattung Trichinella (Ordnung: Trichinellida) befallen im gleichen Wirt anfangs den Darm und anschließend die Skelettmuskulatur. Sie sind die Erreger der Trichinellose des Schweines und der Trichinose des Menschen. Es handelt sich also um Erreger einer Zoonose.

Hausschweine spielen als Infektionsquelle für den Menschen epidemiologisch betrachtet eine wichtige Rolle. Zu beachten ist jedoch auch, dass noch andere Tierarten für eine Erregerübertragung in Betracht kommen. Aus diesem Grund ist in vielen Ländern die Untersuchung potenzieller Träger im Zuge der Fleischuntersuchung vorgeschrieben.

3 Erreger

Bislang sind 11 Typstämme der Gattung Trichinella beschrieben. In der Literatur werden diese mit T1 bis T10 gekennzeichnet - die elfte Art parasitiert bei Krokodilen und wird nicht nummeriert. Alle 10 Stämme haben Säugetiere als Hauptwirte. Grundsätzlich sind alle für den Menschen infektiös, wobei nicht alle gleich pathogen sind. Folgende Tabelle listet die bekanntesten Typstämme auf:

Art: Länge (mm): Resistenz:* Verbreitung:
Trichinella spiralis (T1) M: 1,0 - 1,8
W: 1,3 - 3,7
gering weltweit (v.a. nördliche Hemisphäre)
Trichinella nativa (T2) M: 1,0 - 1,8
W: 1,3 - 3,7
hoch Europa, Nordamerika, Asien
Trichinella britovii (T3) M: 1,0 - 1,8
W: 2,2 - 3,4
mittel gemäßigte Klimazone
Trichinella pseudospiralis (T4) M: 0,6 - 0,9
W: 1,3 - 2,1
keine weltweit
Trichinella murelli (T5) M: 0,9 - 1,1
W: 1,6 - 1,8
mittel USA (gemäßigte Zonen)
Trichinella nelsoni (T7) M: 1,0 - 1,8
W: 1,3 - 3,7
keine tropisches Afrika
Trichinella papuae (T10) M: 0,8 - 1,1
W: 1,3 - 2,2
gering Papua-Neuguinea
* = Kälteresistenz von Muskellarven (-30 °C/12 Stunden)
M = Männchen, W = Weibchen

Das Hinterende der Männchen enthält ein Paar blättchenförmige Kopulationsanhänge, Spicula fehlen jedoch. Das Hinterende von Weibchen ist abgerundet und die Vulvaöffnung liegt im vorderen Körperviertel. Die adulten Stadien sowie Larven besitzen einen langen Ösophagus mit kurzem, optisch leer erscheinendem Vorderabschnitt. Der hintere Abschnitt ist von 45 bis 55 spezialisierten Zellen, den Stichozyten, umgeben. Diese sezernieren Sekrete in das Lumen des Ösophagus und bilden in ihrer Gesamtheit das Stichosom.

Trichinella spiralis ist mit Abstand die bedeutendste Art. Mittels molekulargenetischer Untersuchungen sowie biologischer Merkmale (Verbreitung, Reproduktionskapazität, Wirtsspektrum, Kapselbildung, u.v.m.) können noch weitere Arten (siehe Tabelle) unterschieden werden.

4 Vorkommen

Trichinella kommt vorwiegend in wild lebenden carnivoren und omnivoren Säugetieren vor, kann aber auch den Menschen befallen. In Deutschland und in der Schweiz kommt Trichinella spiralis äußerst selten bei Wildkarnivoren vor. Humane Erkrankungen der letzten Jahre waren ausnahmslos auf importiertes Fleisch zurückzuführen.

5 Entwicklung

Die Entwicklung von Trichinella spiralis beginnt nach peroraler Aufnahme von Muskulatur eines infizierten Tieres mit eingekapselten infektiösen Erstlarven (L1). Durch Kontakt mit den Verdauungsenzymen werden die Larven im Magen freigesetzt. Nach etwa 10 Minuten dringen sie in die Epithelzellen an der Basis von Zotten des Duodenums - selten auch anderer Dünndarmabschnitte - ein. Die Lokalisation der Ansiedlung wird dabei von verschiedenen Faktoren beeinflusst: Wirtsart, Alter, Geschlecht, Motilität und Flora des Darmes.

Jede einzelne Larve benötigt für ihre Entwicklung ca. 120 Epithelzellen, die durch die Besiedlung nicht zugrunde gehen. Durch Fusion formen und strecken sie sich zu einem Synzytium. Binnen weniger Stunden erfolgen vier Häutungen sowie weitere Differenzierungen, sodass nach 24 bis 36 Stunden p.i. adulte Männchen und Weibchen entstehen. Die Parasiten nehmen im Zuge ihrer Entwicklung an Größe zu, weshalb auch die besiedelten Epithelzellen zunehmen. Kurz nach Erreichen der Geschlechtsreife findet bereits 34 bis 40 Stunden nach der Infektion die Kopulation statt. Bei der Partnerfindung scheinen Pheromone eine wichtige Rolle zu spielen.

Nach der Kopulation sterben die Männchen. Die viviparen Weibchen beginnen ab dem 5. oder 6. Tag p.i. erste Larven (L1) zu gebären. Die Weibchen leben im Darm etwa 4 bis 6 Wochen, können jedoch schon früher ausgeschieden werden. Bei immunkompetenten Wirten (z.B. Ratten) setzt bereits zwischen dem 9. und 14. Tag p.i. eine immunologisch induzierte Elimination ein, die zur Ausstoßung eines Teiles oder der gesamten Wurmbürde führt.

Im Verlauf der Lebenszeit produziert jedes Weibchen etwa 200 bis 1.600 Larven. Diese wandern in die Dünndarmzotten ein, um von hier aus in die Lymphbahnen, die Mesenteriallymphknoten und den Ductus thoracicus zu gelangen. Ein kleiner Teil gelangt auch über den Pfortaderkreislauf in die rechte Herzkammer, die Lunge und über den großen Kreislauf in die Skelettmuskulatur. Dort sind die Larven frühestens am 5. bis 7. Tag p.i. anzutreffen. Während der Wanderphasen können die Larven auch in verschiedenen anderen Organsystemen (u.a. Myokard, Gehirn, Leber, Auge), in Körperhöhlenflüssigkeiten (Blut, Liquor, Lymphe) und in der Muttermilch nachgewiesen werden.

Die Larven können sich in allen Regionen der Skelettmuskulatur ansiedeln. Untersuchungen zufolge werden jedoch Muskelpartien mit hoher Aktivität im Tag-Nacht-Rythmus kranial des Rippenbogens bevorzugt. Nachdem die Larven in die Skelettmuskulatur eingedrungen sind, beginnt ein Wachstums- und Differenzierungsprozess (ohne Häutung). Während dieser Phase finden verschiedene Prozesse in den Larven und in den um sie umgebenden Zellen. Nach etwa 2 Wochen p.i. werden dicht an der Larvenoberfläche zwei membranartige Schichten abgelagert, welche die Larve zeitlebens umgeben. Im selben Zeitabschnitt beginnt die Muskelzelle den Parasiten durch Abscheidung fibrillären Materials einzukapseln.

Die vollständig ausgebildete Kapsel (nach etwa 4 bis 6 Wochen p.i.) ist längsoval und etwa zitronenförmig. Ihre Größe schwank - je nach Wirt - zwischen 0,18 und 0,95 mm Länge. Die Larve rollt sich bis zur 3. Woche p.i. spiralig ein. Innerhalb der Kapsel bleiben Trichinella-Larven jahrelang lebensfähig (beim Menschen bis zu 31 Jahre, beim Schwein bis zu 11 Jahre).

Ein neuer Wirt infiziert sich durch die perorale Aufnahme infektiöser Muskellarven mit rohem Fleisch infizierter Wirte. Bei Tieren wurden auch Infektionen durch Aufnahme von Exkrementen mit Darmtrichinellen beobachtet. Aus epidemiologischer Sicht ist es wichtig zu wissen, dass nach dem Tod eines Wirtes die Muskeltrichinellen längere Zeit zu überleben vermögen.

6 Epidemiologie

Trichinella-Arten haben ein breites Wirtsspektrum, das von Menschen über Primaten, Fleischfresser, Omnivore, Meeressäuger und viele andere Säugetiere reicht. Von den bekapselten Arten kommen in Mitteleuropa Trichinella spiralis und Trichinella britovi vor. Beide Arten sind für Schweine (und Nager, Pferde und Füchse) hochinfektiös. Epidemiologisch muss zwischen domestischen, silvatischen und intermediären Übertragungszyklen unterschieden werden.

Von Trichinella spiralis ist ein domestischer Zyklus bekannt. In Europa spielen dabei v.a. Schweine und Ratten eine Rolle, doch können auch Pferde beteiligt sein. Durch die Fütterung von rohen oder ungenügend erhitzten Fleischprodukten von trichinellösen Schweinen werden die Trichinellen auf Schweine übertragen. Ebenso kann eine Übertragung durch Kannibalismus oder durch den Verzehr von toten oder sogar lebender trichinellöser Ratten erfolgen.

Zu den Infektionsquellen des Menschen zählen vorwiegend rohe, ungenügend erhitzte oder nicht ausreichend tiefgefrorene Fleischstücke oder Fleischprodukte von Tieren - hauptsächlich von Haus- und Wildschweinen.

7 Pathogenese

Eine natürliche Infektion des Schweines mit Trichinella spiralis verläuft meist asymptomatisch oder unerkannt. Ein experimentell-induzierter starker Darmbefall verursachte katarrhalische Entzündungen mit Durchfall (typhoide Form). Der Parasitenbefall der quergestreiften Muskulatur bedingt - je nach Befallsstärke - eine Myositis mit entsprechender Schmerzäußerung (rheumatoide Form) sowie eine oberflächliche und beschleunigte Atmung, Schluckbeschwerden und einen steifen Gang. Alle Symptome klingen nach einigen Wochen wieder ab.

Während der nur etwa 3 bis 6 Wochen dauernden intestinalen Phase entstehen katarrhalische - in schweren Fällen auch hämorrhagische - Entzündungen mit entsprechendem histologischen Bild. Bis sich die Muskellarven vollständig abkapseln, kann ein Verlust der Querstreifung der Muskelfasern beobachtet werden. Im späteren Verlauf kommt es zu entzündlichen Infiltrationen im Interstitium. Nachdem sich die Larven abgekapselt haben, bilden sich diese Veränderungen fast vollständig wieder zurück.

8 Klinik

Ein Trichinella-Befall äußert sich beim Menschen während der intestinalen Phase (ab 1. bis 7. Tag p.i.) mit gastrointestinalen Störungen. Während der Muskelphase (ab dem 7. Tag) kommen Muskelschmerzen und -steifheit, Fieber, Lid- und Gesichtsödeme sowie ein Exanthem hinzu. Eine Infektion kann auch latent verlaufen.

9 Diagnose

Beim Schwein wird die Trichinellose überwiegend post mortem diagnostiziert. Nach §1 Abs. 3 des Fleischhygienegesetzes (FIHG, Deutschland) sowie nach § 55 Abs. 1 Z 1 Lebensmittelsicherheits- und Verbraucherschutzgesetz (LMSVG, Österreich) sind Schweine, deren Fleisch zum menschlichen Genuss verwendet werden sollen, nach erfolgter Schlachtung amtlich (durch einen amtlichen Tierarzt) auf Trichinellen zu untersuchen. Vom Schlachttier muss dazu eine Muskelprobe von mindestens 1 g aus einem Zwerchfellpfeiler genommen werden und mit der Verdauungsmethode untersucht werden.

Am lebenden Tier kann die Trichinellose mittels immundiagnostischer Methoden (Antikörpernachweis, ELISA) diagnostiziert werden.

10 Therapie

Eine Therapie kommt bei befallenen Tieren nicht in Betracht.

11 Prophylaxe

Die wichtigsten Prophylaxemaßnahmen sind die Untersuchung potenzieller Träger von Trichinellen, die Beachtung bestimmter Hygieneregeln in Endemiegebieten und die adäquate Zubereitung des Fleisches. Dabei muss beachtet werden, dass eingekapselte Muskeltrichinellen äußerst widerstandsfähig sind. Bei Kühlung (+2 bis 4 °C) überleben sie 300 Tage. Temperaturen über 77 °C töten die Larven hingegen rasch ab.

12 Literatur

  • Boch, Josef, Supperer, Rudolf. Veterinärmedizinische Parasitologie. 6. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Parey Verlag, 2005

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