Chronischer Unterbauchschmerz der Frau
Englisch: chronic pelvic pain in women
Definition
Als chronischer Unterbauchschmerz wird ein Symptomkomplex bezeichnet, bei dem Schmerzen im Unterbauch über einen längeren Zeitraum hinweg auftreten. Der Begriff wird vor allem in der Gynäkologie verwendet.
Terminologie
Der Begriff „chronischer Unterbauchschmerz“ kollidiert im deutschsprachigen Raum häufig mit den Begriffen "chronischer Beckenschmerz" ("chronic pelvic pain", CPP) bzw. "chronisches Beckenschmerzsyndrom" (chronic pelvic pain syndrome, CPPS). Letztere schließen auch perineale, sakrale und beckenbodenassoziierte Schmerzlokalisationen ein, sind also topografisch deutlich weiter gefasst. International hat sich der Begriff „chronic pelvic pain“ durchgesetzt.
Hintergrund
Eine einheitliche Definition existiert bisher (2026) nicht. In der Literatur variieren die verwendeten Kriterien hinsichtlich Schmerzdauer, Zyklusabhängigkeit, Lokalisation und Einschluss oder Ausschluss struktureller Pathologien.
In der Gynäkologie wird der Begriff überwiegend als übergeordnete klinische Arbeitsdiagnose, teilweise auch als Verlegenheitsdiagnose verwendet. Er beschreibt einen länger (meist > 6 Monate) anhaltenden Schmerz im Unterbauch bzw. Beckenbereich der Frau, unabhängig davon, ob eine strukturelle Ursache wie Endometriose oder Adenomyose nachweisbar ist. Entsprechend versteht die aktuelle Leitlinie den chronischen Unterbauchschmerz als biopsychosozial geprägten Symptomkomplex mit möglicher Überlappung somatischer und psychischer Krankheitsfaktoren.
Epidemiologie
Bisher (2026) liegen aufgrund der uneinheitlichen Definition keine belastbaren epidemiologischen Daten vor. Die berichtete Prävalenz variiert erheblich in Abhängigkeit von der zugrunde gelegten Definition. Etwa 15 % der Frauen in den USA sind betroffen, weltweit werden Prävalenzen bis zu 27 % beschrieben. Etwa 10 % der gynäkologischen Konsultationen gehen auf chronischen Unterbauchschmerz zurück.
Ätiologie
Die Ursachen sind vielfältig und umfassen z.B.:
Gynäkologie
- Endometriose/Adenomyosis
- Vulvo-/ Vestibulodynie
- Adhäsionen
- Pelvic inflammatory disease
- maligne Erkrankungen
- Leiomyome
- Ovarian-Remnant-Syndrom
- Fehlbildungen (z.B. akzessorische Ovarien, Uterus duplex, Malformationen des Müller-Gangs, Atresien)
- venöse Stauung im kleinen Becken (Beckenvenenstauungssyndrom, Pelvic Venous Disorder)
- Aktinomykose
Urologie
- Blasenfunktionsstörungen
- Chemozystitis, Radiozystitis
- chronische Harnwegsentzündungen
- interstitielle Zystitis
- maligne Erkrankungen
- Urethralsyndrom
- Urolithiasis
Gastroenterologie
- chronisch entzündliche Darmerkrankungen
- Divertikulose oder chronische Divertikulitis
- nichtinfektiöse Gastroenteritis und Kolitis
- Angiodysplasien
- Reizdarmsyndrom
- Obstruktionen und Stenosen
- Fistelbildungen
Muskuloskelettales System
- Fibromyalgiesyndrom
- myofasziale Schmerzen
- chronische Rückenschmerzen
- Neuralgien und neuropathisches Schmerzsyndrom, z.B.
- Nervenkompressionssyndrome
- Beckenbodendysfunktion
- Hernien
Psychiatrie
Psychische Komorbiditäten wie affektive Störungen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörung oder somatoforme Schmerzstörungen können Prädisposition, Wahrnehmung und Chronifizierung beeinflussen. Im Sinne eines biopsychosozialen Modells ist eine isolierte Zuordnung zu ausschließlich psychischen oder ausschließlich somatischen Ursachen häufig nicht möglich.
Symptome
Leitsymptom ist ein menstruationsunabhängiger Schmerz im Becken, der über mehrere Monate besteht. Je nach Ursache können weitere Beschwerden bestehen, z.B.:
- Dysmenorrhö
- Dyspareunie
- Dysurie
- Diarrhö/Obstipation
- Fatigue
- Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule
- Schmerzen bei der Defäkation
- Flankenschmerzen
Diagnose
Die Diagnose ergibt sich hauptsächlich durch die Anamnese und körperliche Untersuchung. Abhängig von der vermuteten Ursache kommen weitere, z.B. bildgebende Verfahren, zum Einsatz. Dazu zählen die Sonographie und die MRT des Beckens. In Zweifelsfällen kann eine diagnostische Laparoskopie notwendig sein.
Therapie
Die Therapie ist abhängig von der zugrundeliegenden Ursache. Neben Analgetika kommen z.B. hormonelle Therapien, spezifische schmerzmodulierende Medikamente, Physiotherapie sowie psychotherapeutische Verfahren in Betracht. Ziel ist neben der Schmerzreduktion insbesondere die Verbesserung der Lebensqualität und Funktionsfähigkeit.
Quellen
- Siedentopf et al: S2k-Leitlinie Chronischer Unterbauchschmerz der Frau, zuletzt abgerufen am 10.03.2026
- Lamvu et al.: Chronic Pelvic Pain in Women: A Review, JAMA, 2021