Pelvic Venous Disorder
Synonyme: pelvine Venenerkrankung, pelvine venöse Erkrankung, Beckenvenenerkrankung
Definition
Pelvic Venous Disorder, kurz PeVD, ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen der Beckenvenen, die durch Insuffizienz, Reflux und/oder Kompression gekennzeichnet sind. Er umfasst Ovarialveneninsuffizienz, Iliakalvenenkompression und renale Venensyndrome. Diese Erkrankungen äußern sich häufig durch unspezifische Beckenschmerzen als Leitsymptom.
Terminologie
Durch den Begriff "Pelvic Venous Disorder" sollen ältere Erkrankungsbezeichnungen wie Beckenvenenstauungssyndrom, Nussknacker-Syndrom und May-Thurner-Syndrom abgelöst werden. Sie sind in der klinischen Alltagssprache derzeit (2026) allerdings noch verbreitet.
Anatomie
Zu den Beckenvenen werden u.a. folgende Venen bzw. Venenplexus gezählt:
Epidemiologie
Die Erkrankung betrifft überwiegend Frauen. Es handelt sich um eine häufige Erkrankung, die jedoch aufgrund der komplexen Symptomatik unterdiagnostiziert sein dürfte. Konkrete Zahlen für die Inzidenz gibt es nicht. Man macht die PeVD für einen relevanten Anteil der prämenopausalen chronischen Beckenschmerzen verantwortlich.
Ätiologie
Die Ursache der PeVD hängt von der genauen Form ab. Am häufigsten liegt ein Blutreflux in einer Beckenvene durch eine insuffiziente Venenklappe vor. Diese Form entspricht dem Beckenvenenstauungssyndrom. Andere Ursachen können Obstruktionen und Kompressionen intra- oder extrapelviner Venen sein.
Pathophysiologie
Die Pathophysiologie beruht meist auf einer venösen Insuffizienz der Ovarial- oder Beckenvenen mit retrogradem Blutfluss und Ausbildung pelviner Varizen. Schwangerschaften und hormonelle Faktoren begünstigen eine Dilatation der Venen und eine Klappeninsuffizienz.
Einteilung
Die Erkrankung wird nach der SVP-Klassifikation eingeteilt. Eine beispielhafte Kodierung ist
- S1 V1 PLOV, R, NT
Dabei steht S1 für Beckenschmerz und V1 für pelvine Varizen. LOV steht für die linke Ovarialvene, welche einen Reflux (R) mit nicht thrombotischem (NT) Ursprung hat.
Symptome
Die Symptomatik überschneidet sich mit vielen gynäkologischen, gastrointestinalen und urologischen Erkrankungen. Die Beschwerden können interindividuell stark variieren. Gleiche Ursachen können unterschiedliche Symptome auslösen, umgekehrt ähnliche Beschwerden unterschiedliche Ursachen haben.
- Leitsymptom: Chronischer Beckenschmerz (CPP), häufiger im linken Becken. Der Schmerz ist abends stärker und nimmt nach längerem Stehen weiter zu.
- Dyspareunie
- Hämaturie und Proteinurie
- Schmerzen im Bereich der Vulva bzw. der Hoden
- Flankenschmerzen, Beinschmerzen
- Sichtbare Varizen auf Vulva/Skrotum oder an den Beinen
Diagnose
Die Diagnose stützt sich auf die Anamnese, die typische Symptomatik und die Bildgebung.
Als Primärmaßnahme wird eine Duplexsonographie durchgeführt. Sie kann perineal, transabdominal, transvaginal (bei Frauen) oder transrektal (mTRUS) erfolgen. Typische Diagnosekriterien sind eine Dilatation der Venen (> 5–6 mm), der Nachweis eines venösen Refluxes, eine niedrige venöse Flussgeschwindigkeit und die Darstellung multipler pelviner Varizen.
Goldstandard zur Diagnosebestätigung ist die Katheterphlebographie, insbesondere wenn eine interventionelle Therapie geplant ist. Als weitere Verfahren kommen eine CT-Venographie und eine MR-Venographie in Betracht.
Differenzialdiagnostisch muss beachtet werden, dass variköse Veränderungen im Becken auch ohne Beschwerden auftreten können.
Differentialdiagnosen
Therapie
Die Therapie hängt von der genauen Ursache und der Schwere der Symptomatik ab. Medikamentös kommen bei leichteren Beschwerden NSAR und Gestagene zum Einsatz. Bei ausgeprägterer Symptomatik wird auf interventionelle Verfahren zurückgegriffen. Hier kommt eine endovaskuläre Embolisation bzw. Verödung der betroffenen Venen in Betracht. Weitere mögliche Therapiemaßnahmen sind:
- Ballondilatation und Gefäßstents bei Obstruktion
- chirurgische Transposition einer Vene
Literatur
- Diagnosis and Management of Pelvic Venous Disorders in Women, Springer Nature (2024)
- The Symptoms-Varices-Pathophysiology classification of pelvic venous disorders: A report of the American Vein & Lymphatic Society International Working Group on Pelvic Venous Disorders (2021)
- Pelvic Venous Disorders: An Update in Terminology, Diagnosis, and Treatment, Thieme (2023)