Beckentrauma
Synonym: Beckenverletzung
Definition
Ein Beckentrauma ist eine Verletzung des knöchernen Beckens. Dabei kann es sich um eine Kontusion oder Fraktur (Beckenfraktur) handeln.
Hintergrund
Schwere Beckenverletzungen können einen hohen Blutverlust verursachen. Sie sind damit eine akute Bedrohung für den Patienten und gehen mit einer hohen Letalität einher. Präklinisch sollte bei relevanten Verletzungen (z.B. Hochrasanztraumata, bei älteren Patienten auch Sturzverletzungen) frühzeitig an die Stabilisierung mit Hilfe einer Beckenschlinge gedacht werden. Die Notwendigkeit einer Stabilisierung kann man anhand des S-KIPS-Schema beurteilen.
Diagnostik
Präklinisch steht die Erkennung von Schock und potenzieller Blutungsquelle im Vordergrund. Das Becken soll klinisch untersucht werden, wobei auf Spontanschmerz, Druckschmerz bei vorsichtiger Palpation sowie sichtbare äußere Verletzungen als indirekte Hinweise auf eine Beckenringverletzung zu achten ist. Wiederholte Becken-Kompressions- bzw. Stabilitätstests sind zu vermeiden, um Dislokationen und Blutungen nicht zu verstärken. Ein Verdacht auf Beckenringverletzung ergibt sich insbesondere aus
- Kinematik (Hochenergie, Überrolltrauma, Motorrad-/PKW-Unfall, Sturz aus großer Höhe)
- Schmerz und Bewegungsunfähigkeit
- Beinlängendifferenz
- Rotationsfehlstellung
- Hämatomen und Schwellung im Becken-/Perinealbereich
- urogenitalen Verletzungen (z.B. Blut am Meatus)
Innerklinisch erfolgt die Diagnostik nach ATLS- bzw. Schockraumalgorithmus. Bei hämodynamischer Instabilität wird initial eine Beckenübersichtsaufnahme (a.p.) zur schnellen Einordnung empfohlen. Bei hämodynamischer Stabilität bzw. stabilisierbarer Situation ist die kontrastmittelgestützte CT (häufig im Rahmen der Ganzkörper-CT) der Standard zur Diagnosesicherung und zur Detektion aktiver Blutungen sowie assoziierter Verletzungen.
Die eFAST dient der schnellen Suche nach freier Flüssigkeit, ersetzt aber die Beckenbildgebung nicht. Laborchemisch sind Hämoglobin, Laktat, Base Excess und Gerinnungsparameter (inkl. Fibrinogen, ggf. viskoelastische Verfahren) relevant. Bei Verdacht auf eine urethrale Verletzung soll vor transurethraler Katheteranlage eine urologische Abklärung erfolgen.
Therapie
Präklinisch stehen Blutungskontrolle und Schocktherapie gemäß cABCDE-Schema im Vordergrund. Bei klinischen Anhaltspunkten für eine Beckenringverletzung bzw. Verdacht auf instabile Beckenringverletzung und gleichzeitiger hämodynamischer Instabilität ist eine Beckenschlinge empfohlen.[1] Ziel ist die Volumenreduktion des Beckens zur Förderung der Selbsttamponade venöser und ossärer Blutungen. Gleichzeitig sind Wärmeerhalt, zügiger Transport in ein geeignetes Traumazentrum und eine zurückhaltende Volumentherapie (ggf. permissive Hypotension) essenziell. Bei Blutung oder hohem Blutungsrisiko kann Tranexamsäure verabreicht werden.
Innerklinisch erfolgt die Behandlung als Damage-Control-Resuscitation. Eine korrekt sitzende Beckenschlinge bleibt als temporäre Stabilisierung bis zur definitiven bzw. operativen Stabilisierung bestehen oder wird durch eine externe Stabilisierung ersetzt. Bei hämodynamisch instabilen Patienten mit vermuteter Beckenblutung kommen – abhängig von Klinikressourcen und Begleitblutungen – Verfahren wie Fixateur externe, präperitoneales Beckenpacking oder Angioembolisation zum Einsatz. Eine REBOA kann als überbrückende Maßnahme in ausgewählten Settings erwogen werden.
Offene Beckenfrakturen sind hochkritisch und erfordern neben Blutungskontrolle auch frühe Antibiotikagabe, chirurgisches Debridement bzw. Weichteilmanagement und interdisziplinäre Koordination. Die definitive Versorgung und Stabilisierung erfolgen nach Stabilisierung des Kreislaufs und Priorisierung konkurrierender Blutungsquellen.
Literatur
- Gassauer et al. (2015): Notärztliche Versorgung von Traumapatienten. In: Orthopädie und Unfallchirurgie up2date 10 (05), S. 391–403. DOI: 10.1055/s-0041-104490.
- Raimund Lechner, Lorenz Lampl, Dominik Treffer: Notfallbehandlung von Beckenverletzungen Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York
Quelle
- ↑ Bieler et al.: S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung, 2023, zuletzt abgerufen am 18.02.2026