Traumazentrum
Synonym: Trauma-Center
Definition
Ein Traumazentrum ist ein Krankenhaus mit definierten strukturellen, personellen und organisatorischen Voraussetzungen zur zeitkritischen Versorgung schwer- und mehrfachverletzter Patienten. Ziel ist eine standardisierte, interdisziplinäre Behandlung nach festgelegten Qualitätskriterien zur Reduktion traumaassoziierter Mortalität und Morbidität.
Hintergrund
Schwere Traumata zählen zu den häufigsten Todesursachen im jungen und mittleren Lebensalter. Der Behandlungserfolg ist maßgeblich abhängig von der frühzeitigen Identifikation lebensbedrohlicher Verletzungen, einer strukturierten Schockraumversorgung und der raschen definitiven Therapie. Da diese Anforderungen nicht durch jede Klinik vollständig abgebildet werden können, hat sich das Konzept abgestufter, regional vernetzter Traumazentren etabliert.
Die Behandlung schwerverletzter Patienten in zertifizierten Traumazentren ist mit einer verbesserten Überlebenswahrscheinlichkeit assoziiert. Registerdaten zeigen, dass standardisierte Schockraumprozesse, frühe Ganzkörper-CT-Diagnostik und die Versorgung durch erfahrene interdisziplinäre Teams prognostisch relevant sind. Zusätzlich spielt die Versorgungsstufe eine zentrale Rolle bei der prähospitalen Patientenzuweisung. Digitale Systeme wie IVENA berücksichtigen neben der Traumazentrumsstufe auch die aktuelle Ressourcenlage der Zielklinik, um unnötige Sekundärverlegungen zu vermeiden.
In Deutschland bildet das TraumaNetzwerk der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) die organisatorische Grundlage der Schwerverletztenversorgung. Es basiert auf evidenzbasierten Leitlinien, standardisierten Versorgungsprozessen und einer kontinuierlichen Qualitätssicherung.
Einteilung
Traumazentren werden nach ihrem Versorgungsniveau klassifiziert. Die Einteilung orientiert sich an der verfügbaren Infrastruktur, der personellen Ausstattung sowie der rund um die Uhr vorgehaltenen fachlichen Expertise. Die Zertifizierung zum Traumazentrum erfolgt durch die DGU.
Lokales Traumazentrum
Lokale Traumazentren übernehmen die initiale Versorgung von Patienten mit geringem bis moderatem Verletzungsschweregrad. Sie führen die primäre Schockraumversorgung durch und treffen frühzeitig die Entscheidung über eine Sekundärverlegung bei komplexen Verletzungsmustern. Zentrale Anforderungen sind u.a.:[1]
- uneingeschränkte Aufnahmebereitschaft für Schwerverletzte mit strukturierter Schockraumalarmierung
- interdisziplinäres Basisteam im Schockraum, bestehend aus Unfallchirurgie/Chirurgie, Anästhesiologie (jeweils mit Facharztstandard), medizinisch-technischem Radiologieassistenten (MTRA) und qualifizierten Pflegekräften für Anästhesie und Notfallpflege
- erweitertes Schockraumteam (Anwesenheit innerhalb von 30 Minuten) mit jeweils einem Fach-/Oberarzt für Unfallchirurgie, Viszeralchirurgie, Anästhesiologie und Radiologie
- Computertomographie in unmittelbarer Nähe des Schockraums (max. 50 m Entfernung)
- Möglichkeit zur initialen operativen Versorgung lebensbedrohlicher Verletzungen sowie zur intensivmedizinischen Stabilisierung
- Blutdepot
- Teilnahme am Traumaregister der DGU und Nachweis einer Mindestfallzahl
Regionales Traumazentrum
Regionale Traumazentren verfügen über erweiterte diagnostische und therapeutische Möglichkeiten und stellen die 24/7-Verfügbarkeit zentraler Fachdisziplinen sicher. Sie sind in der Lage, komplexe Verletzungen operativ zu versorgen, und übernehmen koordinierende Aufgaben innerhalb des regionalen Traumanetzwerks. Zentrale Anforderungen entsprechen denen eines lokalen Traumazentrums und zusätzlich u.a.:[1]
- interdisziplinäres Basisteam im Schockraum, bestehend aus einem Facharzt und einem Assistenzarzt für Unfallchirurgie/Chirurgie, einem Facharzt für Anästhesiologie, einem medizinisch-technischen Radiologieassistenten (MTRA), qualifizierten Pflegekräften für Anästhesie und mindestens zwei Fachkräften für Notfallpflege
- erweitertes Schockraumteam (Anwesenheit innerhalb von 30 Minuten) mit mindestens zwei OP-Pflegekräften und jeweils einem Fach-/Oberarzt für:
- Unfallchirurgie
- Viszeralchirurgie
- Anästhesiologie
- Radiologie
- Neurochirurgie
- Gefäßchirurgie
- gültige ATLS-Zertifikate für alle im Schockraum eingesetzten Fachärzte bzw. Oberärzte für Unfallchirurgie
- regelmäßige M&M-Konferenz
- Teilnahme am Traumaregister der DGU und Nachweis einer erhöhten Mindestfallzahl
Überregionales Traumazentrum
Überregionale Traumazentren decken das vollständige Spektrum der Schwerverletztenversorgung ab. Sie fungieren als Referenzzentren für besondere Verletzungskonstellationen und komplexe Polytraumata. Über die Anforderungen für regionale Traumazentren hinaus müssen zahlreiche Kriterien erfüllt werden, z.B.:[1]
- personelle und räumliche Ressourcen, die eine parallele Versorgung von zwei Schockräumen gewährleisten
- erweitertes Schockraumteam (Anwesenheit innerhalb von 30 Minuten) mit mindestens zwei OP-Pflegekräften und jeweils einem Fach-/Oberarzt für:
- Unfallchirurgie
- Viszeralchirurgie
- Anästhesiologie
- Radiologie mit Erfahrung in interventioneller Radiologie
- Neurochirurgie
- Gefäßchirurgie
- Handchirurgie
- Herz- und/oder Thoraxchirurgie
- Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
- Augenheilkunde
- Urologie
- Gynäkologie
- Plastische Chirurgie
- Kinderchirurgie und/oder Pädiatrie
Allgemeine Anforderungen
Zentrale Voraussetzung ist ein standardisierter Schockraum mit klar definierten Zuständigkeiten und Abläufen. Erforderlich sind kurze Wege zur Computertomographie, eine jederzeitige Operationsbereitschaft sowie die unmittelbare Verfügbarkeit von Blutprodukten und Gerinnungstherapeutika. Strukturierte Alarmierungs- und Eskalationskonzepte ermöglichen eine zeitkritische Ressourcenmobilisation.
Regelmäßige Simulationstrainings, strukturierte Fortbildungen und standardisierte Übergabeprozesse sind integraler Bestandteil des Traumazentrumsbetriebs.
Die verpflichtende Einbindung in ein regionales Traumanetzwerk umfasst einheitliche Zuweisungskriterien, definierte Verlegungswege und eine enge Abstimmung mit dem Rettungsdienst.
Die Qualitätssicherung ist Voraussetzung für Zertifizierung und Re-Zertifizierung als Traumazentrum. Kernelement ist die verpflichtende Teilnahme am TraumaRegister DGU, das Outcome-Analysen, Benchmarking und die Identifikation von Optimierungspotenzialen ermöglicht. Ergänzend erfolgen regelmäßige externe Audits sowie interne Maßnahmen wie Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen, Ereignisanalysen und Simulationstrainings.
Literatur
- AUC: TraumaZentrum DGU, abgerufen am 14.01.2026
- DGU: Projekt TraumaNetzwerk DGU, abgerufen am 14.01.2026
- Landesärztekammer Rheinland-Pfalz: Kriterien für ein zertifizierte Traumazentren, abgerufen am 14.01.2026
- CERT IQ: Zertifizierungsablauf TraumaZentrum DGU, abgerufen am 14.01.2026
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 DGU / AUC: Ausführungsbestimmungen zum Weißbuch Schwerverletztenversorgung, 2023, zuletzt abgerufen am 14.01.2026