Rheum palmatum
Synonyme: Medizinalrhabarber, Handlappiger Rhabarber, Tangutischer Rhabarber, Chinesischer Rhabarber
Englisch: Chinese rhubarb, rhubarb root
Definition
Medizinalrhabarber, botanisch Rheum palmatum L., ist eine Heilpflanze aus der Familie der Polygonaceae (Knöterichgewächse). Pharmazeutisch relevant sind die getrockneten, unterirdischen Teile, die als Rhabarberwurzel ("Rhei radix") bezeichnet werden. Die Droge besteht aus der rübenförmigen Wurzel, die häufig gespalten und von der Außenrinde samt Seitenwurzeln befreit wird.
Hintergrund
Die im Handel erhältliche Droge stammt aus China und Indien. Diese Droge enthält Hydroxyanthracen-Derivate (Anthranoide) und wird als pflanzliches, stimulierendes Laxans zur kurzzeitigen Behandlung gelegentlicher Obstipation eingesetzt.[1]
Botanik
Rheum palmatum ist eine robuste, krautige, ausdauernde Pflanze. Die großen Blätter entspringen mit kräftigen, fleischigen Blattstielen einem unterirdischen Rhizom (unterirdische Sprossachse). Die Blattspreite ist für die Art typisch handförmig gelappt (palmati-lobat).[2][3]
Zur Blütezeit werden sehr große Rispen (stark verzweigte Blütenstände) mit eher unscheinbaren Blüten gebildet. Daraus entstehen geflügelte Früchte.[2]
Verwechslungsgefahr
- Rheum officinale (Kantonrhabarber) ist eng verwandt. In der Feldansprache hilft die Blattdiagnose: Bei R. palmatum sind die Blätter deutlich handlappig, während sie bei R. officinale eher rundlich sind und häufig gezähnt wirken.[2]
- Rheum rhaponticum (Rhapontikrhabarber) hat einen anderen Inhaltsstoffschwerpunkt. Es dominieren Stilbene wie Rhaponticin. Anthranoide können in geringer Menge vorkommen, sind aber nicht der arzneiliche Leitcharakter wie bei Rhei radix.[4]
- Gemüserhabarber (z. B. Rheum rhabarbarum) wird primär als Lebensmittel genutzt. Die Blattstiele sind als Gemüse verbreitet, die Blätter enthalten hohe Oxalsäure-Gehalte. Er ist für eine arzneiliche Laxanswirkung nicht als gleichwertige Quelle geeignet.[2][5]
Vorkommen, Geschichte und Etymologie
Der Medizinalrhabarber ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die ursprünglich aus dem tibetischen Hochland und den angrenzenden Regionen Nord- und Zentralchinas stammt. Sie kommt auch in Nordvietnam vor. Er wächst in montanen bis hochmontanen Lagen, typischerweise an Hängen und in Tälern in einer Höhe von etwa 1.500 bis 4.400 Metern. Als Arzneidroge werden Rhizome und Wurzeln genutzt. Diese „Chinesischen Rhabarber“-Drogen werden in China und Tibet seit sehr langer Zeit medizinisch verwendet, klassischerweise vor allem als stark abführendes Mittel.
Der Name „Rhabarber” leitet sich über das mittelalterliche Latein vom altgriechischen „rha barbaron” ab, was so viel wie „fremder Rhabarber” bedeutet. Dabei geht „rha” vermutlich auf ältere Benennungen und eine persische Wurzel (rewend) zurück. Das Artepitheton palmatum verweist auf die charakteristischen, handförmig gelappten, sehr großen Blätter. Im Frühsommer treiben kräftige Blütenstandsschäfte bis zu einer Höhe von etwa 2 m, die große Rispen mit vielen kleinen, meist rosa bis cremefarbenen Blüten tragen.[6]
Inhaltsstoffe
Die Rhabarberwurzel enthält ein Anthranoid-Gemisch (3 - 12%), das überwiegend (60 - 80%) aus Anthrachinon-Glykosiden und Dianthron-Glykosiden (10 - 25%) besteht. Zu den wichtigen Aglyka zählen u. a. Rhein, Chrysophanol, Aloe-Emodin, Emodin und Physcion. Daneben kommen Gerbstoffe (vor allem Gallotannine), Flavonoide sowie weitere Begleitstoffe vor. Kleine Mengen Stilbenderivate sind möglich.[7][4]
Wirkmechanismus
Anthranoide wirken im Dickdarm antiabsorptiv und hydragog, d.h. es wird die Rückresorption von Wasser und Elektrolyten vermindert und der Darminhalt bleibt weicher. Zusätzlich kann die Darmbewegung stimuliert werden. Das erklärt die abführende Wirkung bei entsprechender Dosierung.[5]
Eine Besonderheit des Rhabarbers ist seine Dosierung. In sehr kleinen Dosen dominieren Gerbstoffeffekte (adstringierend) und Zubereitungen können eher stopfend wirken. In höheren Dosen überwiegt der Anthranoid-Effekt und die Anwendung ist laxierend.[5][7]
Pharmakokinetik
Der Wirkungseintritt ist verzögert. Das passt zur Wirkweise der Anthranoid-Drogen, bei denen die abführende Wirkung typischerweise erst nach mehreren Stunden sichtbar wird. Praktisch relevant ist daher die Einnahme am Abend, wenn am nächsten Morgen eine Wirkung erwünscht ist.[5]
Indikationen
Innerlich ist die Rhabarberwurzel (Rhei radix) zur kurzfristigen Behandlung gelegentlich auftretender Verstopfungen anerkannt. Das HMPC stuft diese Anwendung als „medizinisch anerkannt“ ("well-established use") ein und begrenzt sie ausdrücklich auf die Kurzzeitanwendung. Auch die ESCOP nennt die kurzfristige Anwendung bei gelegentlicher Verstopfung als therapeutische Indikation.
In Deutschland wurde Rhei radix zudem im Rahmen der Kommission-E-Monographien im Bundesanzeiger geführt, was die traditionelle und regulatorische Einordnung als Laxans bei Obstipation widerspiegelt. Für alkoholische Auszüge der Rhabarberwurzel existieren zudem zugelassene Mundlösungen zur äußerlichen Anwendung. Diese werden mittels Pinsel lokal aufgetragen und kommen zur zeitweiligen Behandlung schmerzhafter, entzündlicher Zustände der Mundschleimhaut (insbesondere Aphthen) sowie zur unterstützenden, symptomatischen Behandlung von Gingivitis zum Einsatz.[1]
Darreichungsformen
Arzneiliche Drogenzubereitungen in Fertigarzneimitteln sind geschnittene oder grob pulverisierte Rhabarberwurzel als Tee sowie auf Anthranoide (Rhein) standardisierte Rhabarberwurzel-Trockenextrakte, die in flüssigen Arzneiformen zur äußeren Anwendung gelöst sind (Pinselung des Zahnfleischs).
Die Qualität der folgenden Drogen bzw. Drogenzubereitungen ist im Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur.) festgelegt:
- Rhabarberwurzel (Rhei radix),
- eingestellter (standardisierter) Rhabarbertrockenextrakt (Rhei extractum siccum normatum).[1]
Dosierung
Adoleszente, Erwachsene und ältere Menschen: Einzeldosis als Zubereitung, die 20–30 mg Hydroxyanthracen-Derivaten (als Rhein berechnet) entspricht. Die Einnahme erfolgt einmal täglich zur Nacht. Die individuell richtige Dosis ist die kleinste, die einen weich geformten Stuhl ermöglicht.[1]
Teezubereitung: Menge der geschnittenen Droge, die maximal 30 mg Hydroxyanthracen-Derivate in 150 ml kochendem Wasser liefert (als Infus).[1]
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Anwendungsdauer: kurzzeitig, in der Regel nicht länger als 1–2 Wochen. Wenn die Beschwerden anhalten oder wiederholt auftreten, sollte ärztlich oder pharmazeutisch abgeklärt werden, warum die Verstopfung besteht.[1][5]
Nebenwirkungen
Mögliche unerwünschte Wirkungen sind Überempfindlichkeitsreaktionen (z. B. Juckreiz, Urtikaria, Exanthem) sowie Magen-Darm-Beschwerden mit Bauchschmerzen, Krämpfen und dünnen Stühlen, besonders bei Überdosierung. Missbrauch oder Langzeitanwendung kann zu Wasser- und Elektrolytverlusten führen.[1]
Die EMA nennt für die Schwangerschaft eine Kontraindikation. Hintergrund ist die Diskussion um genotoxische Risiken einzelner Anthranoide in experimentellen Daten. Für den Lebensmittelbereich bewertet auch die EFSA Hydroxyanthracen-Derivate kritisch. Diese Bewertung ersetzt nicht die arzneimittelrechtliche Nutzen-Risiko-Abwägung für die kurzzeitige Anwendung, erklärt aber, warum eine strikte Kurzzeitanwendung wichtig ist.[1][8]
Wechselwirkungen
Ein Kernrisiko bei Missbrauch oder Langzeitanwendung ist Hypokaliämie durch Elektrolytverluste. Hypokaliämie kann die Wirkung von Herzglykosiden verstärken und mit Antiarrhythmika interferieren. Eine gleichzeitige Anwendung mit Diuretika, Adrenokortikosteroiden oder Süßholzwurzel kann den Kaliumverlust zusätzlich verstärken. Patienten mit diesen Begleitmedikationen sollten vor der Einnahme beraten werden.[1]
Kontraindikationen
- Überempfindlichkeit gegen Bestandteile
- Ileus sowie intestinale Obstruktionen, Stenosen und Atonie
- Appendizitis
- entzündliche Darmerkrankungen (z. B. Morbus Crohn, Colitis ulcerosa)
- abdominale Schmerzen unklarer Genese
- schwere Dehydration mit Wasser- und Elektrolytverlust
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Kinder unter 12 Jahren[1]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 1,8 1,9 European Medicines Agency. (2020). European Union herbal monograph on Rheum palmatum L. and Rheum officinale Baillon, radix (EMA/HMPC/113700/2019, Final – Revision 1)
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Van Wyk, B.-E., & Wink, M. (2017). Medicinal Plants of the World (2nd ed.). Briza Publications.
- ↑ Van Wyk, B.-E., & Wink, M. (2015). Phytomedicines, Herbal Drugs, and Poisons. University of Chicago Press / Royal Botanic Gardens, Kew.
- ↑ 4,0 4,1 Melzig, M. F., & Hiller, K. (2023). Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen (3. Aufl.). Springer Spektrum. https://doi.org/10.1007/978-3-662-64800-1
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 Schilcher, H., Kammerer, S., Wegener, T., Fischer, M., & Frank, B. (2016). Leitfaden Phytotherapie (5. Aufl.). Urban & Fischer/Elsevier. ISBN 978-3-437-55344-8
- ↑ Kooperation Phytopharmaka: Arzneipflanzenlexikon https://arzneipflanzenlexikon.info/rhabarber.php
- ↑ 7,0 7,1 Teuscher, E., Lindequist, U., & Melzig, M. F. (2020). Biogene Arzneimittel: Lehrbuch der Pharmazeutischen Biologie (8. Aufl.). Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. ISBN 978-3-8047-3607-8
- ↑ EFSA Panel on Food Additives and Nutrient Sources added to Food (ANS). (2018). Safety of hydroxyanthracene derivatives for use in food. EFSA Journal, 16(1), e05090. https://doi.org/10.2903/j.efsa.2018.5090