Pollenextrakt
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenHandelsnamen: u.a. Pollstimol®, Cernilton®, Sérélys® MENO, Femalen®
Synonyme: Blütenpollenextrakt, Gräserpollenextrakt
Englisch: pollen extract
Definition
Pollenextrakte sind Pflanzenextrakte, die aus dem Zellinhalt oder Trockenextrakt von Blütenpollen verschiedener Gräserarten gewonnen werden und als Phytotherapeutika eingesetzt werden.
Hintergrund
Je nach Gewinnungsverfahren und Indikation unterscheidet man zwei unterschiedlich charakterisierte Extrakttypen: lipidlösliche und wasserlösliche Fraktionen aus Gräserpollen (z.B. Secale cereale) zur Behandlung von Prostataerkrankungen sowie gereinigte zytoplasmatische Extrakte aus Pollen zur Linderung klimakterischer Beschwerden. Die Evidenzlage ist für beide Anwendungsgebiete begrenzt.
Wirkstoffe
Pollenextrakte enthalten ein komplexes Gemisch natürlicher Substanzen, deren genaue pharmakologisch aktive Einzelkomponente bisher (2026) noch nicht abschließend identifiziert ist. Experimentell beschrieben wurden:
- Phytosterole (v.a. beta-Sitosterol): mögliche Hemmung der 5-alpha-Reduktase
- Freie Fettsäuren und Phospholipide
- Flavonoide (u.a. Rutin, Chlorogensäure): in experimentellen Modellen hemmende Wirkung auf NF-κB
- Aminosäuren und Enzyme
- Vitamine (B1, B2, E)
- Hydroxamsäuren
Die lipidlösliche und die wasserlösliche Fraktion entfalten in tierexperimentellen Modellen unterschiedliche Effekte auf Entzündungshemmung, Hemmung zellulärer Proliferation und Relaxation der glatten Muskulatur.[1] Die eigentliche Wirkrationale im Hinblick auf die Indikationen ist unklar.
Indikationen
Prostataerkrankungen
Einige standardisierte Gräserpollenextrakte sind als Arzneimittel für folgende Indikationen zugelassen (Handelsname Pollstimol®):[2]
- Miktionsbeschwerden bei gutartiger Prostatavergrößerung (BPH Stadium I–II nach Alken bzw. II–III nach Vahlensieck (historische Stadieneinteilungen))
- Chronische abakterielle Prostatitis (NIH-Kategorie III)
Klimakterische Beschwerden
Gereinigte zytoplasmatische Pollenextrakte werden als Nahrungsergänzungsmittel zur Linderung klimakterischer Beschwerden eingesetzt, insbesondere bei:[3]
- Hitzewallungen und Nachtschweiß (vasomotorischen Symptomen)
- Schlafstörungen
- Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit
- Vorübergehender Müdigkeit
Bislang (2026) gibt es keine überzeugenden Hinweise auf eine klinisch relevante östrogene bzw. phytoöstrogene Wirkung.
Wirkungen
Prostata
Die Inhaltsstoffe wirken antiphlogistisch und spasmolytisch. Nachgewiesen wurde eine Hemmung der Synthese von Leukotrienen und Prostaglandinen sowie eine Reduktion von Interleukin-1β, Interleukin-6 und Tumornekrosefaktor-α im Prostatagewebe.[4]
In-vitro-Studien zeigten darüber hinaus eine Hemmung des Wachstums von Prostatakarzinom-Zelllinien sowie von Epithel- und Stromazellen aus BPH-Gewebe. Eine klinische Relevanz ist bislang nicht belegt.[5]
Klimakterium
Der Wirkungsmechanismus zytoplasmatischer Pollenextrakte bei klimakterischen Beschwerden ist nicht vollständig aufgeklärt. Neben einer zentralen serotonergen Modulation ohne direkte östrogene Rezeptorbindung werden inzwischen auch dopaminerge und GABAerge Effekte diskutiert.[6]
Evidenz
Die Evidenzlage zur Wirksamkeit von Pollenextrakten ist insgesamt sehr schwach, sodass allenfalls ein supportiver Einsatz erfolgen sollte.
Prostata
Ein Umbrella-Review (Antonelli et al., 2019) wertete fünf systematische Reviews zur oralen Pollenapplikation aus und kam zu dem Schluss, dass Gräserpollenextrakte bei symptomatischer BPH und chronischer Prostatitis als komplementäre Option in Betracht gezogen werden können.[7] Die aktuell gültige S2e-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU, 2023) wertet Phytotherapeutika als Option bei leichten bis moderaten Symptomen, ohne spezifische Empfehlung für Pollenextrakte auszusprechen.[8]
Ein früherer Cochrane-Review (Wilt et al., 2011) wurde ohne inhaltliche Neubewertung aus der Cochrane-Datenbank zurückgezogen, da keine ausreichende Datenbasis für ein Update vorlag.
Klimakterium
Eine Metaanalyse (Acquarulo et al., 2024) wertete 5 Studien mit insgesamt 420 Frauen aus. In nicht-kontrollierten Studien zeigten sich signifikante Verbesserungen bei Hitzewallungen, Schlafstörungen und Depressivität. In der gepoolten Auswertung ausschließlich kontrollierter Studien waren die Effekte hingegen nicht mehr statistisch signifikant, sodass ein Placebo-Effekt nicht ausgeschlossen werden kann.[3] Ein multizentrischer RCT (Bounous et al., 2024, n=39) zeigte bei Brustkrebspatientinnen nach 3 Monaten eine signifikante Reduktion der Hitzewallungs-Häufigkeit und -Intensität gegenüber Placebo.[9] Aufgrund der geringen Fallzahl ist die Aussagekraft dieser Studie jedoch gering.
Nebenwirkungen
Pollenextrakte gelten insgesamt als gut verträglich. Bekannte unerwünschte Wirkungen sind:
Bei konventionellen Pollenextrakten (z.B. Pollstimol®) ist bei bekannter Pollenallergie (Rhinitis allergica) Vorsicht geboten. Gereinigte zytoplasmatische Extrakte (z.B. CyTonin®-Technologie) weisen durch Entfernung der Pollenwand ein reduziertes allergenes Potenzial auf.
Unter Pollenextrakt-Therapie kann ein Anstieg des Serum-PSA-Werts maskiert werden. Bei PSA-Kontrollen im Rahmen einer Tumordiagnostik ist dies zu berücksichtigen.[2]
Wechselwirkungen
Systematische Interaktionsstudien zu Pollenextrakten liegen nicht vor. Aufgrund des Flavonoid-Gehalts (u.a. Rutin) sind mögliche Interaktionen mit Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmern theoretisch denkbar, klinisch jedoch nicht belegt.
Kontraindikationen
- Bekannte Überempfindlichkeit gegen Gräserpollen oder Bestandteile des jeweiligen Präparats
- Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren (mangelnde Datenlage)
- Schwangerschaft und Stillzeit (fehlende Sicherheitsdaten)
- Für Pollstimol® zusätzlich: hereditäre Galaktose-Intoleranz, vollständiger Lactasemangel oder Glukose-Galaktose-Malabsorption[2]
Quellen
- ↑ Wagenlehner et al., Pollen extract for chronic prostatitis-chronic pelvic pain syndrome, Urol Clin North Am, 2011
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Pollstimol® Hartkapseln – Beipackzettel, abgerufen am 18.05.2026
- ↑ 3,0 3,1 Acquarulo et al., The efficacy of purified pollen extract for reducing vasomotor symptoms in women: a systematic review and meta-analysis, Menopause, 2024
- ↑ Elist, Effects of pollen extract preparation Prostat/Poltit on lower urinary tract symptoms in patients with chronic nonbacterial prostatitis/chronic pelvic pain syndrome, Urology, 2006
- ↑ MacDonald et al., A systematic review of Cernilton for the treatment of benign prostatic hyperplasia, BJU Int, 2000
- ↑ Appel et al., The in vitro effects of purified and specific cytoplasmic pollen extract on dopaminergic and GABAergic systems, Gynecol Endocrinol, 2025
- ↑ Antonelli et al., Therapeutic efficacy of orally administered pollen for nonallergic diseases: An umbrella review, Phytother Res, 2019
- ↑ S2e-Leitlinie Diagnostik und Therapie des benignen Prostatasyndroms, abgerufen am 18.05.2026
- ↑ Bounous et al., A prospective, multicenter, randomized, double-blind placebo-controlled trial on purified and specific cytoplasmic pollen extract for hot flashes in breast cancer survivors, Gynecol Endocrinol, 2024