Ocrelizumab
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LoslegenHandelsname(n): Ocrevus®
Definition
Ocrelizumab ist ein antiinflammatorisch wirkender monoklonaler Antikörper, der gezielt an das Oberflächenantigen CD20 der B-Zellen bindet. Er wird zur Behandlung der multiplen Sklerose (MS) eingesetzt.
Biochemie
Ocrelizumab ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper. Es handelt sich um ein Immunglobulin G1 mit einer konstanten humanen Region sowie variablen human-murinen Regionen, die gegen CD20 gerichtet sind. Das Molekulargewicht des Wirkstoffs beträgt 148,1 kDa.
Wirkmechanismus
Ocrelizumab bindet selektiv an das CD20-Antigen, das man auf der Zelloberfläche von B-Zellen findet. Diese Bindung führt zu einer Elimination der betroffenen B-Zell-Population durch eine zellvermittelte (ADCC) und komplementvermittelte zytotoxische Immunreaktion (ADCMC). Dadurch wirkt Ocrelizumab immunsuppressiv. Das CD20-Epitop, an das Ocrelizumab bindet, überlappt sich teilweise mit dem CD20-Epitop, an das Rituximab andockt.
Indikationen
In der EU ist Ocrelizumab zugelassen für:
- Erwachsene mit aktiver schubförmiger MS (RMS), wobei die Aktivität klinisch oder durch Bildgebung nachgewiesen wird.
- Erwachsene mit früher primär progredienter MS (PPMS), charakterisiert durch Krankheitsdauer und Behinderungsgrad, mit bildgebenden Zeichen einer Entzündungsaktivität.[1]
In den USA ist intravenöses Ocrelizumab seit Mai 2026 zusätzlich für schubförmig-remittierende MS bei Kindern und Jugendlichen ab 10 Jahren mit mindestens 25 kg Körpergewicht zugelassen.[2]
Darreichungsform
Ocrelizumab ist in folgenden Darreichungsformen verfügbar:
- Durchstechflaschen mit 300 mg in 10 ml (30 mg/ml) als Konzentrat zur Herstellung einer intravenösen Infusionslösung.[1]
- Durchstechflaschen mit 920 mg in 23 ml (40 mg/ml) als subkutane Injektionslösung.[3]
Prämedikation
Um die Wahrscheinlichkeit infusionsbedingter Reaktionen zu reduzieren, sollte folgende Prämedikation vor der Gabe von Ocrelizumab vorgenommen werden:
- Gabe von 100 mg Methylprednisolon (oder vergleichbares Glukokortikoid) i.v. ungefähr 30 Minuten vor der Infusion
- Gabe eines Antihistaminikums ungefähr 30–60 Minuten vor der Infusion.[1]
Zusätzlich sollte die Gabe eines Antipyretikums (z.B. Paracetamol) vor der Infusion erwogen werden. Vor jeder subkutanen Injektion sind 20 mg Dexamethason oral oder ein Äquivalent sowie ein orales Antihistaminikum erforderlich.[3]
Dosierung
Intravenös: Die Initialdosis beträgt 600 mg Ocrelizumab, aufgeteilt auf 2 Infusionen à 300 mg im Abstand von 14 Tagen. Danach erfolgt alle 6 Monate eine Gabe von 600 mg Ocrelizumab in einer Infusion.[1] Die vom Hersteller angegebenen Infusionszeiten sind einzuhalten. Keine Bolusinjektion!
Subkutan werden 920 mg alle 6 Monate über etwa 10 Minuten in das Unterhautfettgewebe der Bauchdecke injiziert; eine Aufteilung der Initialdosis entfällt. Ein Bereich von 5 cm um den Bauchnabel sollte ausgespart werden. Die Verwendung eines subkutanen Infusionssets (z.B. Flügelkanüle/Butterfly) wird empfohlen.
Die subkutane Form darf nicht intravenös angewendet werden.[3]
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nebenwirkungen
Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen:
- Infusionsbedingte Reaktionen (Pruritus, Flush, Erythem, Urtikaria, Blutdruckabfall, Fieber, Kopfschmerzen, Fatigue, Dyspnoe, Nausea, Tachykardie, Larynxödem, Pharynxödem)
- Infektionen
- Konjunktivitis
- Gastroenteritis
- Neutropenie[4]
- Verminderter Blutspiegel von IgG und IgM
Ein erhöhtes Risiko für das Auftreten maligner Tumoren kann nicht ausgeschlossen werden.
Die US-Fachinformation warnt vor immunvermittelter Kolitis und klinisch relevanter Leberschädigung. Neu auftretende oder anhaltende gastrointestinale Beschwerden sollen zeitnah abgeklärt werden. Empfohlen werden Leberwerte vor Therapiebeginn und weitere Kontrollen bei klinischer Indikation; bei Leberschädigung ohne alternative Ursache soll Ocrelizumab abgesetzt werden.[2]
Kontraindikation
Zu den Kontraindikationen zählen:
- Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder sonstigen Bestandteilen
- aktive Infektionskrankheit, einschließlich aktiver Hepatitis B
- schwer immunsupprimierter Zustand
- bekannte aktive Malignome
Eine positive HBV-Serologie allein erfordert eine hepatologische Abklärung und Maßnahmen zur Verhinderung einer Reaktivierung, ist aber nicht pauschal mit einer aktiven Hepatitis B gleichzusetzen.[5]
Schwangerschaft und Stillzeit
In tierexperimentellen Studien wurden keine teratogenen Effekte, jedoch reproduktionstoxische Wirkungen in prä- und postnatalen Entwicklungsstudien festgestellt. Bei neugeborenen Cynomolgus-Affen wurden eine B-Zell-Depletion und 5 Todesfälle mit bestätigten oder vermuteten Infektionen beobachtet. Diese Befunde dürfen nicht als dokumentierte Todesfälle bei menschlichen Neugeborenen dargestellt werden.[5]
Es wurden zwei Phase-4-Studien zur Anwendung von Ocrelizumab in Schwangerschaft und Stillzeit durchgeführt. Dabei war nur eine geringe Plazentapassage von Ocrelizumab feststellbar. Die B-Zell-Konzentration der Neugeborenen wurde durch die Behandlung der Schwangeren nicht beeinflusst.[6] Der Übertritt von Ocrelizumab in die Muttermilch war sehr gering. Auswirkungen auf die B-Zell-Konzentration der gestillten Säuglinge wurden nicht festgestellt.[7]
Auch 2026 soll Ocrelizumab während der Schwangerschaft nur eingesetzt werden, wenn der Nutzen für die Mutter das potenzielle Risiko für den Fötus überwiegt. Während der Stillzeit kann Ocrelizumab angewendet werden; laut Fachinformation ist ein Therapiebeginn wenige Tage nach der Geburt möglich.[5] Die deutsche S2k-Leitlinie empfiehlt bei entsprechender Krankheitsaktivität einen Therapiebeginn während der Stillperiode idealerweise erst 1–2 Wochen postpartal nach der Kolostrumphase.[8]
Nutzenbewertung
Auf der Basis der vorliegenden klinischen Daten wurde dem Wirkstoff vom IQWiG in der Gegenüberstellung zu einer zweckmäßigen Vergleichstherapie (z.B. Interferon-beta) ein beträchtlicher Zusatznutzen bei folgenden Patientengruppen attestiert:[9]
- Erwachsene unter 40 Jahren mit RMS, die bislang noch keine krankheitsmodifizierende Therapie erhalten haben oder mit krankheitsmodifizierender Therapie vorbehandelte Patienten, deren Erkrankung nicht hochaktiv ist
- Erwachsene mit hochaktiver RMS trotz Behandlung mit einer krankheitsmodifizierenden Therapie
Kosten
Die Jahrestherapiekosten für eine Behandlung mit Ocrelizumab liegen bei rund 31.000 €.[9]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Fachinformation Ocrevus i.v. 300 mg, Stand Juli 2026, abgerufen am 16.09.2026
- ↑ 2,0 2,1 Genentech: Ocrevus – US Prescribing Information, Stand Mai 2026, abgerufen am 16.09.2026
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Fachinformation Ocrevus s.c. 920 mg, Stand Juli 2026, abgerufen am 16.09.2026
- ↑ Hess F et al. Ocrelizumab-assoziierte schwere Neutropenie: eine unterschätzte Komplikation der Therapie mit CD20-Antikörpern bei Multipler Sklerose? Nervenarzt 2023
- ↑ 5,0 5,1 5,2 EMA: Ocrevus – Produktinformation, abgerufen am 16.09.2026
- ↑ Hellwig K et al. B cell levels and placental transfer in infants potentially exposed to ocrelizumab during pregnancy: Analysis of the Phase IV MINORE study. ECTRIMS 2024, abgerufen am 29.01.2025
- ↑ Bove R et al. B-cell levels and breastmilk transfer in infants of lactating women with multiple sclerosis treated with ocrelizumab: Primary results of the prospective, multicentre, open-label, phase IV study SOPRANINO, ECTRIMS 2024, abgerufen am 29.01.2025
- ↑ AWMF: Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD) und MOG-IgG-assoziierten Erkrankung (MOGAD), S2k-Leitlinie, Registernummer 030-050, Version 9.0, Stand 22.02.2026, abgerufen am 16.09.2026
- ↑ 9,0 9,1 IQWiG-Berichte – Nr. 619: Ocrelizumab (multiple Sklerose) - Nutzenbewertung gemäß § 35a SGB V, abgerufen am 1.8.2018