Nusinersen
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenHandelsname: Spinraza®
Synonyme: ISIS 396443, IONIS-SMNRx
Englisch: nusinersen
Definition
Nusinersen ist ein Arzneistoff aus der Klasse der Antisense-Oligonukleotide, der zur Behandlung der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie (5q-SMA) eingesetzt wird. Er wird intrathekal verabreicht und war 2017 die erste in der EU zugelassene krankheitsmodifizierende Therapie der SMA.
Chemie
Nusinersen ist ein synthetisches, 18 Nukleotide langes Antisense-Oligonukleotid. Es ist chemisch modifiziert: Ein Phosphorothioat-Rückgrat und 2'-O-(2-Methoxyethyl)-Zuckerreste schützen es vor dem Abbau durch Nukleasen und erhöhen die Bindungsaffinität zur Ziel-RNA. Der Wirkstoff liegt als Nusinersen-Natrium in künstlichem Liquor gelöst vor. Der ATC-Code lautet M09AX07.
Wirkmechanismus
Die 5q-SMA beruht auf einem biallelischen Funktionsverlust des SMN1-Gens auf dem langen Arm von Chromosom 5, meist durch eine homozygote Deletion. SMN1 kodiert das SMN-Protein, das für das Überleben der α-Motoneurone im Rückenmark essenziell ist.
Das benachbarte, nahezu identische SMN2-Gen kann den Verlust nur teilweise ausgleichen. Durch einen Basenaustausch in Exon 7 wird dieses Exon beim Spleißen der SMN2-prä-mRNA überwiegend übersprungen. Es entsteht dann vor allem ein verkürztes, instabiles Protein. Nur ein kleiner Anteil des Transkripts führt zu funktionellem SMN-Protein voller Länge. Die Zahl der SMN2-Kopien korreliert daher mit dem Schweregrad der Erkrankung.
Nusinersen bindet an eine intronische Spleiß-Silencer-Sequenz (ISS-N1) in Intron 7 der SMN2-prä-mRNA. Dadurch verdrängt es Spleißfaktoren, die den Einschluss von Exon 7 normalerweise unterdrücken. In der Folge wird Exon 7 vermehrt in die reife mRNA aufgenommen, und es entsteht mehr funktionelles SMN-Protein voller Länge. Das alternative Spleißen von SMN2 wird also moduliert, das Gen selbst bleibt unverändert.
Pharmakokinetik
Durch die intrathekale Injektion steht Nusinersen vollständig für die Verteilung vom Liquor in die Zielgewebe des ZNS zur Verfügung. Autopsiedaten zeigen eine breite Verteilung im ZNS mit therapeutischen Konzentrationen im Rückenmark. Geringe Mengen finden sich auch in peripheren Geweben wie Skelettmuskulatur, Leber und Nieren. Die Plasmakonzentrationen sind im Vergleich zum Liquor niedrig.
Nusinersen wird langsam durch 3'- und 5'-Exonukleasen hydrolysiert und ist weder Substrat noch Inhibitor oder Induktor von CYP450-Enzymen. Die terminale Eliminationshalbwertszeit im Liquor beträgt etwa 20 Monate, die Liquorkonzentrationen reichern sich unter Dauertherapie über Jahre an. Nusinersen und seine Metaboliten werden voraussichtlich überwiegend über den Urin ausgeschieden.
Indikationen
Nusinersen ist zur Behandlung der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie zugelassen, unabhängig von SMA-Typ und Alter. Die Therapie soll so früh wie möglich nach der Diagnose beginnen. Seit 2021 ist die 5q-SMA Bestandteil des Neugeborenen-Screenings in Deutschland, sodass auch eine präsymptomatische Behandlung möglich ist.
Cave: Bei Neugeborenen mit ausgeprägter muskulärer Hypotonie und Ateminsuffizienz bei Geburt wurde Nusinersen nicht untersucht. Aufgrund des schweren SMN-Mangels ist bei ihnen kein klinisch bedeutsamer Nutzen zu erwarten.
Dosierung
Nusinersen wird als intrathekale Bolusinjektion über 1–3 Minuten mittels Lumbalpunktion verabreicht. Vor der Injektion wird eine entsprechende Menge Liquor entnommen. Seit Januar 2026 stehen in der EU zwei Dosierungsschemata zur Verfügung:
| Schema | Aufsättigung | Erhaltung |
|---|---|---|
| Niedrigdosiert (12 mg) | 12 mg an Tag 0, 14, 28 und 63 | 12 mg alle 4 Monate |
| Hochdosiert (50/28 mg) | 50 mg an Tag 0 und 14 | 28 mg alle 4 Monate |
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Patienten unter dem 12-mg-Schema können umgestellt werden. Sie erhalten dann frühestens 4 Monate nach der letzten 12-mg-Dosis einmalig 50 mg, danach 28 mg alle 4 Monate. Bei verspäteten oder ausgelassenen Dosen gelten schemaspezifische Nachholregeln gemäß Fachinformation.
Bei sehr jungen Patienten und bei Skoliose kann die Lumbalpunktion erschwert sein. Eine Unterstützung durch Ultraschall oder andere bildgebende Verfahren kann sinnvoll sein. Je nach klinischem Zustand ist eine Sedierung erforderlich.
Nebenwirkungen
Die häufigsten Nebenwirkungen stehen im Zusammenhang mit der Lumbalpunktion und treten meist innerhalb von 72 Stunden auf. Sie gelten als Manifestationen eines Post-Lumbalpunktion-Syndroms. Sehr häufig (≥ 1/10) sind:
Mit unbekannter Häufigkeit traten außerdem Meningitis, aseptische Meningitis, Arachnoiditis und Überempfindlichkeitsreaktionen wie Angioödem, Urtikaria und Exanthem auf. Nach der Markteinführung wurden Fälle eines kommunizierenden Hydrozephalus ohne Zusammenhang mit Meningitis oder Blutung berichtet. Einige Patienten benötigten einen ventrikulo-peritonealen Shunt.
In der Pharmakovigilanz-Datenbank FAERS der FDA sind nicht in der Fachinformation gelistete Ereignisse erfasst, darunter Herzstillstand, Autismus-Spektrum-Störungen und Epilepsie. Bei jüngeren Patienten wurden gehäuft Atemwegsinfekte und erhöhter Liquordruck gemeldet, bei älteren Patienten gehäuft postpunktionelle Kopfschmerzen und Proteinurie. Ein kausaler Zusammenhang lässt sich aus solchen Spontanmeldungen nicht ableiten.[1]
Wechselwirkungen
Studien zu Wechselwirkungen wurden nicht durchgeführt. In-vitro-Daten zeigen keine Induktion oder Hemmung von CYP450-Enzymen. Nusinersen ist zudem kein Substrat oder Inhibitor relevanter Transporter wie P-gp, BCRP, OATs oder OCTs. Klinisch relevante Interaktionen sind daher nicht zu erwarten.
Kontraindikationen
Nusinersen darf bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile nicht angewendet werden. Die Injektion darf nicht in Hautareale mit Zeichen einer Infektion oder Entzündung erfolgen.
In der Schwangerschaft soll Nusinersen aus Vorsichtsgründen nicht angewendet werden. Für die Stillzeit ist abzuwägen, ob das Stillen oder die Therapie unterbrochen wird.
Zulassung
Nusinersen wurde 2016 in den USA und am 30. Mai 2017 in der EU als Orphan Drug zugelassen. Im Januar 2026 erweiterte die Europäische Kommission die Zulassung um das Hochdosis-Schema mit 50 mg und 28 mg. Das Arzneimittel unterliegt der eingeschränkten ärztlichen Verschreibung. Die Behandlung soll durch in der SMA-Therapie erfahrene Ärzte eingeleitet werden.
Nutzenbewertung
Nach Überschreiten der Umsatzschwelle von 50 Mio. € hat der G-BA den Zusatznutzen von Nusinersen gegenüber Best Supportive Care neu bewertet:[2]
| Patientengruppe | Zusatznutzen |
|---|---|
| 5q-SMA Typ 1 | Hinweis auf einen erheblichen Zusatznutzen |
| 5q-SMA Typ 2 | Anhaltspunkt für einen beträchtlichen Zusatznutzen |
| 5q-SMA Typ 3/4 | nicht belegt |
| präsymptomatisch, 2 SMN2-Kopien | Anhaltspunkt für einen erheblichen Zusatznutzen |
| präsymptomatisch, 3 SMN2-Kopien | Anhaltspunkt für einen nicht quantifizierbaren Zusatznutzen |
| präsymptomatisch, > 3 SMN2-Kopien | nicht belegt |
Für Typ 3/4 und für präsymptomatische Patienten mit mehr als 3 SMN2-Kopien stellt Nusinersen laut G-BA dennoch eine relevante Therapieoption dar.
Kosten
Eine 12-mg-Durchstechflasche kostet nach Abzug der gesetzlichen Rabatte 87.191,54 €. Bei 6,5 Anwendungen im ersten Jahr und 3 Anwendungen in den Folgejahren ergeben sich Jahrestherapiekosten von rund 567.000 € bzw. 262.000 €. Hinzu kommen die Kosten für die intrathekale Applikation.
Quellen
- ↑ Zhang X et al. Adverse events of nusinersen: a real-world drug safety surveillance study based on the FDA adverse event reporting system (FAERS) database. Expert Opin Drug Saf. 2024.
- ↑ Gemeinsamer Bundesausschuss. Beschluss über eine Änderung der Arzneimittel-Richtlinie, Anlage XII: Nusinersen (Überschreitung 50 Mio € Grenze: Spinale Muskelatrophie). Beschluss vom 20. Mai 2021. BAnz AT 24.06.2021 B6.