Neuroendokriner Tumor
Synonym: Karzinoid (veraltet)
Englisch: neuroendocrine tumor, NET
Definition
Neuroendokrine Tumore, kurz NETs, sind gut differenzierte neuroendokrine Neoplasien mit variabler biologischer Aggressivität. Sie entstehen aus spezialisierten neuroendokrinen Zellen, die Hormone bilden und sezernieren sowie typische neuroendokrine Marker exprimieren.
Epidemiologie
Neuroendokrine Tumoren sind eine heterogene Gruppe seltener Neoplasien, deren Inzidenz in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Dies ist unter anderem auf verbesserte Bildgebung und eine gesteigerte diagnostische Sensitivität zurückzuführen. Die jährliche Inzidenz wird je nach Entität auf etwa 5–7 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner geschätzt.
Bestimmte NET-Subtypen sind mit spezifischen Grunderkrankungen assoziiert, etwa gastrale NET Typ I im Rahmen einer Autoimmungastritis.
Terminologie
Nach der aktuellen International Classification of Diseases for Oncology (5. Auflage, 2022/2023) werden neuroendokrine Neoplasien unter dem Oberbegriff Neuroendokrine Neoplasie (NEN) zusammengefasst. Diese gliedern sich in:
- Neuroendokrine Tumoren (NET) – gut differenziert
- Neuroendokrine Karzinome (NEC) – schlecht differenziert, hochgradig maligne
- MiNEN (mixed neuroendocrine non-neuroendocrine neoplasms)
Die Differenzierung zwischen NET und NEC ist prognostisch und therapeutisch entscheidend.
Der früher gebräuchliche Begriff "Karzinoid" gilt als veraltet und sollte nicht mehr verwendet werden.
Einteilung
Gut differenzierte neuroendokrine Tumoren werden anhand der Proliferationsaktivität nach WHO in folgende Grade eingeteilt:
- NET G1: Ki-67 ≤ 2 %, niedrige Mitoserate
- NET G2: Ki-67 3–20 %
- NET G3: Ki-67 > 20 % bei erhaltener Differenzierung
NET G3 sind biologisch und therapeutisch klar von neuroendokrinen Karzinomen abzugrenzen. NEC sind definitionsgemäß schlecht differenziert, weisen eine hohe Proliferationsrate auf und werden unabhängig vom Ki-67-Wert als hochgradig maligne klassifiziert.
Die Graduierung basiert primär auf dem Ki-67-Index und der Mitoserate und muss histopathologisch erfolgen.
Lokalisation
Neuroendokrine Tumoren treten bevorzugt im Gastrointestinaltrakt und im Pankreas (GEP-NET) auf. Auch die Lunge ist häufiger betroffen. Grundsätzlich können sie jedoch in nahezu allen Organen entstehen.
Histopathologie
Neuroendokrine Tumoren zeigen histologisch eine charakteristische gleichförmige Zellmorphologie mit feinkörnigem "salt-and-pepper"-Chromatin. Immunhistochemisch exprimieren sie typischerweise neuroendokrine Marker wie Chromogranin A und Synaptophysin. Der Ki-67-Index ist obligater Bestandteil der histopathologischen Beurteilung.
Klinik
Das klinische Erscheinungsbild neuroendokriner Tumoren hängt wesentlich von ihrer hormonellen Aktivität ab. Funktionelle NETs führen durch die Sekretion biologisch aktiver Hormone oder Peptide zu charakteristischen endokrinen Syndromen. Nicht funktionelle Tumoren bleiben häufig lange asymptomatisch und werden erst durch tumorbedingte Komplikationen oder Zufallsbefunde diagnostiziert.
Unspezifische Allgemeinsymptome wie Gewichtsverlust, Müdigkeit oder Nachtschweiß können unabhängig von der Hormonaktivität auftreten.
| Syndrom/Tumor | Hormon | Typische Lokalisation | Leitsymptome |
|---|---|---|---|
| Karzinoid-Syndrom | Serotonin | Dünndarm, Bronchialsystem | Flush, Diarrhoe, abdominelle Schmerzen, kardiale Beteiligung |
| Insulinom | Insulin | Pankreas | Whipple-Trias |
| Zollinger-Ellison-Syndrom | Gastrin | Duodenum, Pankreas | Rezidivierende Ulzera, Reflux, Diarrhoe |
| Verner-Morrison-Syndrom | VIP | Pankreas | Wässrige Diarrhoe, Hypokaliämie, Achlorhydrie |
| Glukagonom | Glukagon | Pankreas | Erythema necrolyticum migrans, Gewichtsverlust, Diabetes mellitus |
Diagnostik
Die Diagnostik neuroendokriner Tumoren basiert auf einer Kombination aus klinischer Evaluation, Laboranalytik, Bildgebung und histopathologischer Sicherung. Die definitive Diagnosesicherung erfolgt histopathologisch anhand einer Biopsie oder Resektatuntersuchung.
Als laborchemische Marker kommen unter anderem Chromogranin A, 5-Hydroxyindolessigsäure (5-HIES) und die neuronenspezifische Enolase in Betracht, wobei deren Aussagekraft limitiert ist und durch Begleitfaktoren beeinflusst werden kann.
Die bildgebende Diagnostik umfasst kontrastmittelgestützte CT- und MRT-Untersuchungen. Bei gut differenzierten NETs stellt die 68Ga-DOTATATE-PET/CT den funktionellen Goldstandard dar, während bei hochgradigen Tumoren die 18F-FDG-PET von Bedeutung ist.
Therapie
Die Therapie neuroendokriner Tumoren erfolgt interdisziplinär und richtet sich nach Tumorgrad, Stadium, Funktionalität und Lokalisation. Kurative Ansätze beinhalten primär die chirurgische Resektion. Medikamentöse Therapien umfassen Somatostatinanaloga, zielgerichtete Substanzen wie Everolimus oder Sunitinib sowie die Peptidrezeptor-Radionuklidtherapie (PRRT). Bei fortgeschrittener Erkrankung kommen auch systemische Chemotherapien zum Einsatz.
Prognose
Die Prognose neuroendokriner Tumoren ist stark heterogen und abhängig von Differenzierungsgrad, Tumorstadium, Proliferationsaktivität und therapeutischem Ansprechen. Gut differenzierte NETs weisen häufig einen indolenten Verlauf auf, während neuroendokrine Karzinome mit einer ungünstigen Prognose assoziiert sind.
Literatur
- Rindi et al., Overview of the 2022 WHO Classification of Neuroendocrine Neoplasms, Endocr Pathol, 2022
- Lamarca et al., European Neuroendocrine Tumor Society (ENETS) 2024 guidance paper for the management of well-differentiated small intestine neuroendocrine tumours, J Neuroendocrinol, 2024
- Pavel et al., Gastroenteropancreatic neuroendocrine neoplasms: ESMO Clinical Practice Guidelines for diagnosis, treatment and follow-up, Ann Oncol, 2020
- Hernandez-Felix et al., Emerging Diagnostics and Therapies in Neuroendocrine Neoplasms: A Critical Review, Cancers (Basel), 2025
- Fosse et al., Peptide Receptor Radionuclide Therapy or Everolimus in Metastatic Neuroendocrine Tumors: The SeqEveRIV Study, a National Study from the French Group of Endocrine Tumors and Endocan-RENATEN Network, J Nucl Med, 2024