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Bakterielle Vaginose

(Weitergeleitet von Gardnerella-Vaginitis)

Synonyme: Anaerobiervaginose, Gardnerella-Vaginitis, unspezifische Kolpitis, Aminkolpitis
Englisch: bacterial vaginosis

1 Definition

Als bakterielle Vaginose, kurz BV, früher Aminkolpitis genannt, beschreibt eine atypische Besiedlung der Vaginalflora mit Vermehrung anaerober Bakterien bei gleichzeitiger Reduktion der Laktobazillen.

  • ICD-10-Code: N76.0 (akut) und N76.1 (subakut und chronisch)

2 Epidemiologie

Mit einem Anteil von etwa 5 bis 15 % im unselektierten Patientengut ist die bakterielle Vaginose eine der häufigsten Vaginalerkrankungen. Während der Schwangerschaft können 10-20 % der Frauen betroffen sein.

3 Ätiopathogenese

Die vaginale Normalflora wird v.a. von Döderlein-Stäbchen (Symbionten) dominiert, die für ein saures Milieu (pH < 4,5) sorgen. Auch andere Bakterien kommen physiologischerweise in geringer Zahl vor, z.B. B-Streptokokken, Escherichia coli, Gardnerella vaginalis, Atopobium vaginae oder Eubacterium-Spezies.

Bei der bakteriellen Vaginose kommt zu einem Ungleichgewicht von Döderlein-Stäbchen und der übrigen Flora, die dann einen hartnäckigen Biofilm an der Vaginalwand bilden kann. Ein wichtiger Leitkeim ist dabei Gardnerella vaginalis, ein grampositives, unbewegliches, kurzes Stäbchenbakterium. Durch synergistische Förderung des Stoffwechsels gramnegativer, obligater Anaerobier, kommt es zum pathologischen Fluor vaginalis.

Die genaue Ursache ist derzeit (2020) unklar. Die Erkrankung wird durch Geschlechtsverkehr begünstigt und von manchen Autoren zur Gruppe der Sexually Transmitted Diseases (STD) gezählt. Auch übertriebene Vaginalhygiene (Vaginaldusche), Antibiotika, Fremdkörper,Schwangerschaft, Geburt und operative Eingriffe (z.B. Episiotomie, Laparotomie) können das Anaerobierwachstum begünstigen. Die Vorstufe der BV ist die vaginale Dysbiose.

4 Symptomatik

Häufig bleibt eine bakterielle Vaginose asymptomatisch. Ca. 50% der Patientinnen sind beschwerdefrei. Es kommt jedoch durch die pH-Änderung und die Vermehrung der Anaerobier zu vermehrtem Fluor mit nach Fisch riechendem Amingeruch. Ferner kann ein unangenehmes Nässegefühl entstehen.

Der grau-weißliche, dünnflüssige Fluor und der damit verbundene Geruch stehen in der Regel als einzige Symptome im Vordergrund. Im Gegensatz zu anderen Kolpitiden, klagen die Patientinnen selten über Juckreiz oder Rötungen. Die Leistenlymphknoten sind nur sehr selten geschwollen.

5 Komplikationen

Die bakterielle Vaginose ist die häufigste Ursache für eine Vaginitis. Von ihr spricht man jedoch erst, wenn die anaeroben Bakterien in sehr hoher Zahl vorliegen.

Frauen mit bakterieller Vaginose haben ein erhöhtes Risiko für den Erwerb einer STD, insbesondere für:

Des Weiteren sind die mit der BV-assoziierten Bakterien vermutlich an der Ätiopathogenese der Pelvic Inflammatory Disease (PID) beteiligt. Bei Schwangeren scheint die bakterielle Vaginose mit erhöhtem Risiko von Frühgeburten, vorzeitigem Blasensprung, postpartaler Endometritis und Spontanabort einherzugehen.

6 Diagnostik

Zur Diagnostik einer bakteriellen Vaginose wird vom Gynäkologen eine vaginale Infektionsdiagnostik durchgeführt. Diese umfasst:

Zur besseren Beurteilung des Geruchs des Fluors kann der Amintest durchgeführt werden. Durch Aufträufeln von 1-2 Tropfen 10%iger Kalilauge intensiviert sich der Fischgeruch des Vaginalsekretes.

6.1 pH-Messung

Der pH-Wert kann ganz unkompliziert mit Hilfe einer Pinzette und einem pH-Indikatorstreifen aus dem mittleren Scheidendrittel bestimmt werden.

6.2 Zytologische Untersuchung

Im Phasenkontrastmikroskop lässt sich der zytologische Nachweis führen. Sowohl im Nativpräparat, als auch in der Methylenblaufärbung finden sich vaginale Epithelzellen, die bei der bakteriellen Vaginose meist mit Bakterien besetzt sind ("Bakterienrasen"). Sie werden Clue Cells genannt. Die Menge der Anaerobier wird beurteilt. Weiterhin wird mikroskopisch nach anderen Keimen wie Trichomonaden, Candida oder Mykoplasmen gesucht. Häufig liegt eine Mischinfektion vor.

Diagnostisch hilfreich ist die Anwendung der Hay-Ison-Kriterien:

  • Grad 0: keine BV, nur Epithelzellen, keine Laktobazillen, vermutlich kürzlich zurückliegende Antibiotikatherapie
  • Grad 1: Normalbefund, überwiegend Laktobazillen
  • Grad 2: gemischte Flora mit einigen Laktobazillen, aber auch Gardnerella oder Mobiluncus
  • Grad 3: überwiegend Gardnerella und/oder Mobiluncus. Außerdem Clue Cells.
  • Grad 4: keine BV, grampositive Kokken, keine Laktobazillen, spricht für aerobe Vaginitis.

6.3 Mikrobiologische Untersuchung

Der kulturelle Nachweis ist in besonderen Fällen mit hartnäckigen Rezidiven indiziert. Gardnerella vaginalis ist dabei ein möglicher Marker der Erkrankung, der aber nicht zuverlässig ist, da das Bakterium auch in der gesunden Scheide nachgewiesen werden kann.

6.4 Amsel-Kriterien

Anhand der Amsel-Kriterien wird ermittelt, ob eine bakterielle Vaginose vorliegt. Diese sind erfüllt, wenn drei der folgenden vier Punkte zutreffen:

  • Fluor vaginalis
  • pH > 4,5
  • Amingeruch
  • Clue Cells in der mikroskopischen Untersuchung (> 20 % aller Epithelzellen)

7 Therapie

Therapieindikationen einer bakteriellen Vaginose sind:

  • symptomatische Patientinnen
  • positive Zytologie mit/ohne Symptome bei Schwangeren, insbesondere bei vorheriger Frühgeburt oder Abort im zweiten Trimester mit ungeklärter Ursache.
  • BV bei Frauen, die sich einer gynäkologischen Operationen oder einer invasiven Diagnostik unterziehen.
  • optional bei positiver Zytologie bei asymptomatischen Patientinnen

Goldstandard der medikamentösen Therapie der bakteriellen Vaginose ist die Gabe des Antibiotikums Metronidazol, da es sehr gut gegen Anaerobier wirkt. Empfohlen wird die zweimal tägliche Gabe von 400 bis 500 mg für 5-7 Tage. Alternativ kann ein Metronidazol-haltiges Gel (0,75 %) einmal täglich für 5 Tage intravaginal appliziert werden. Eine Clindamycin-haltige Creme (2 %) kann ebenfalls einmal täglich für 7 Tage angewendet werden.

Der bakterielle Biofilm kann mit den derzeit empfohlenen Therapien nicht beseitigt werden. Dies erklärt die Heilungsquote von 60-70 % nach 3 Monaten und die hohe Rezidivquote. Bei Persistenz oder Rezidiven wird intravaginales Metronidazol empfohlen. Alternativtherapien sind:

In der Schwangerschaft kann trotz theoretischer Bedenken laut der aktuellen Leitlinie und nach Beratung der Patientin Metronidazol systemisch verabreicht werden. Alternativ kommt eine lokale Behandlung mit Metronidazol oder Clindamycin sowie die Gabe von Dequaliniumchlorid in Betracht. Ob eine systemische antibiotische Behandlung in der Schwangerschaft zur Reduzierung der Frühgeburtenrate beiträgt, ist umstritten.

Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.

8 Literatur

Diese Seite wurde zuletzt am 31. August 2020 um 18:29 Uhr bearbeitet.

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