Povidon-Iod
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LoslegenHandelsnamen: Betaisodona®, Betadona®, Betadine®, Repithel®, Traumasept® u.v.a.
Synonyme: Polyvinylpyrrolidon-Iod (PVP-Iod), Poly(1-(2-oxo-1-pyrrolidinyl) ethylen)iod-Komplex
Englisch: povidone-iodine
Definition
Povidon-Iod ist ein antiseptisch wirksamer Komplex aus Iod und Polyvinylpyrrolidon (PVP, Povidon). Es wird sehr häufig bei der Versorgung von Wunden in Chirurgie und Allgemeinmedizin angewendet.
Chemie
Der Substanzkomplex mit der chemischen Bezeichnung Poly(1-(2-oxo-1-pyrrolidinyl) ethylen)iod-Komplex kann vereinfacht durch folgende Summenformel beschrieben werden:
- (C6H9NO)2n+m•(HI3)n
Im Grundzustand liegt Povidon-Iod bei Zimmertemperatur als rot-brauner, charakteristisch riechender, pulverartiger Feststoff vor. Im Povidon-Iod-Komplex kommt Iod unter anderem als Triiodid vor und ist nichtkovalent mit den Carbonylgruppen des Povidons assoziiert. In wässriger Lösung wird fortlaufend freies, antimikrobiell wirksames Iod freigesetzt.
Wirkmechanismus
Das aus dem Komplex freigesetzte elementare Iod oxidiert Aminosäuren, Nukleotide und Fettsäuren mikrobieller Zellwände und -membranen irreversibel, was zum raschen Erregertod führt.[1] Povidon-Iod besitzt ein breites antimikrobielles Wirkspektrum und kann anders als viele andere Antiseptika auch in Biofilme eindringen. Eine Resistenzentwicklung ist bislang (2026) nicht beschrieben.[2] Bakteriensporen und einige Viren werden jedoch erst nach längerer Einwirkzeit ausreichend inaktiviert. Organisches Material wie Blut oder Eiter kann die Wirksamkeit vermindern.
Pharmakokinetik
Bei intakter Haut wird nur wenig Iod resorbiert. Bei großflächiger Anwendung, auf Schleimhäuten oder auf geschädigter Haut (z.B. Verbrennungen, chronische Wunden) kann jedoch relevant Iod perkutan bzw. transmukosal resorbiert werden und systemisch wirksam werden.
Medizinische Verwendung
Indikationen
Als topisch wirkende, desinfizierende Substanz wird Povidon-Iod sehr häufig als 10%ige wässrige Lösung angewendet. Seinen charakteristischen Geruch behält der Wirkstoff auch in dieser Konzentration, ebenso seine rötliche Farbe. Gegenüber alkoholischer Iodtinktur ist Povidon-Iod in der Regel besser lokal verträglich und kann auch auf Schleimhäuten angewendet werden. Povidon-Iod wird zur Desinfektion intakter Haut und zur Schleimhautantiseptik sowie zeitlich begrenzt zur antiseptischen Behandlung von Wunden, Verbrennungen und infizierten bzw. superinfizierten Dermatosen angewendet. Zu den Anwendungsbeispielen zählen Dekubitalulzera und Ulcera crurum. Die aktuelle AWMF-S3-Leitlinie zur Lokaltherapie chronischer Wunden führt Antiseptika wie Povidon-Iod als Option bei kritisch kolonisierten bzw. infizierten Wunden.[3] Bestimmte Povidon-Iod-Präparate sind zudem zur chirurgischen Händedesinfektion zugelassen.
Povidon-Iod wird darüber hinaus in einigen Ländern außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete zur chemischen Pleurodese eingesetzt. In Deutschland handelt es sich dabei um einen Off-Label-Use.
Darreichungsformen
Neben der wässrigen Lösung sind je nach Präparat u.a. Salben, Gele, ein Mund-Antiseptikum sowie Vaginal-Suppositorien im Handel.
Nebenwirkungen
- allergische Reaktion
- Juckreiz
- Bläschenbildung auf der Haut
- anaphylaktischer Schock
- Hyperthyreose
- Hypothyreose (insbesondere bei Säuglingen durch iodinduzierte Hemmung der Schilddrüsenfunktion)
- Entgleisung des Elektrolythaushaltes und Störung der Nierenfunktion (diese Nebenwirkung wurde sehr selten bei der Behandlung von Brandwunden mit Povidon-Iod beobachtet)
Wechselwirkungen
Povidon-Iod kann aufgrund seiner oxidierenden Eigenschaft bestimmte Stuhl- oder Urintests auf okkultes Blut (z. B. Guajak- oder Toluidin-basierte Verfahren) verfälschen und sollte vor solchen Untersuchungen abgesetzt werden. Zudem kann die Iod-Aufnahme der Schilddrüse herabgesetzt sein, was Schilddrüsenszintigraphie, PBI-Bestimmung und eine geplante Radiojodtherapie beeinträchtigt. Bis zu einem neuen Szintigramm sollte eine Karenzzeit von 4 Wochen nach Absetzen der Behandlung eingehalten werden.
Bei gleichzeitiger Lithium-Therapie sollte eine längerfristige oder großflächige Anwendung vermieden werden, da vermehrt resorbiertes Iod im Ausnahmefall eine vorübergehende Hypothyreose induzieren und den entsprechenden Effekt von Lithium verstärken kann.
Bei gleichzeitiger Anwendung mit Octenidin-basierten Antiseptika, silberhaltigen Wundauflagen bzw. Desinfektionsmitteln (Bildung von Silberiodid), Wasserstoffperoxid, Taurolidin oder enzymatischen Wundbehandlungsmitteln kommt es zur gegenseitigen Wirkungsabschwächung. Diese Kombinationen sollten vermieden werden.
Quecksilberhaltige Präparate reagieren mit Povidon-Iod zu hautschädigendem Quecksilberiodid – eine gleichzeitige oder unmittelbar aufeinanderfolgende Anwendung ist daher kontraindiziert. Bei präoperativer Hautdesinfektion muss zudem eine Flüssigkeitsansammlung unter dem Patienten vermieden werden, da längerer Kontakt mit nicht abgetrockneter Lösung chemische Hautverbrennungen verursachen kann. Bei Anwendung im Rachenbereich (z.B. als Mund-Antiseptikum) ist eine Aspiration zu vermeiden, da es sonst zu respiratorischen Beschwerden bis hin zur Pneumonitis kommen kann – dies gilt insbesondere für intubierte Patienten.[4]
Kontraindikationen
Povidon-Iod darf unter anderem bei Hyperthyreose oder anderen manifesten Schilddrüsenerkrankungen, Dermatitis herpetiformis Duhring, gleichzeitiger Anwendung quecksilberhaltiger Präparate sowie vor, während und nach einer Radiojodtherapie nicht angewendet werden.
Weitere Gegenanzeigen sind eine Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff und ein Alter unter einem Jahr, da Säuglinge aufgrund der unreifen Schilddrüsenregulation besonders empfindlich auf eine iodinduzierte Hypothyreose reagieren. Während Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei großflächiger oder länger dauernder Anwendung ist eine besonders strenge Indikationsstellung erforderlich; bei entsprechend prädisponierten Patienten sollte auch nach Therapieende noch bis zu drei Monate auf Frühsymptome einer Schilddrüsenüberfunktion geachtet werden.
Quellen
- ↑ Lepelletier et al., Povidone Iodine: Properties, Mechanisms of Action, and Role in Infection Control and Staphylococcus aureus Decolonization, Antimicrob Agents Chemother, 2020
- ↑ Bigliardi et al., Povidone iodine in wound healing: A review of current concepts and practices, Int J Surg, 2017
- ↑ AWMF-Leitlinie 091-001, abgerufen am 08.09.2026
- ↑ Fachinformation Betaisodona® Lösung, Abschnitte 4.4 und 4.5, abgerufen am 08.09.2026