Sevofluran
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenHandelsname: Sevorane®
Synonyme: 1,1,1,3,3,3-Hexafluor-2-(fluormethoxy)propan, Ultan
Englisch: sevoflurane
Definition
Sevofluran ist ein volatiles Anästhetikum (Inhalationsanästhetikum) aus der Gruppe der Flurane. Aufgrund seiner schnellen An- und Abflutung, seiner guten Schleimhautverträglichkeit und seiner vergleichsweise ausgeprägten hämodynamischen Stabilität ist Sevofluran weltweit eines der am häufigsten eingesetzten Inhalationsanästhetika. Es wird in der Kinderanästhesie ebenso wie in der Erwachsenenanästhesie verwendet.
Chemie
Sevofluran ist der Trivialname der organischen Verbindung 1,1,1,3,3,3-Hexafluor-2-(fluormethoxy)propan. Der Trivialname leitet sich vom lateinischen septem (sieben) für die sieben Fluoratome im Molekül sowie vom Namenssuffix -fluran für fluorhaltige Inhalationsanästhetika dieser Substanzklasse ab. Die Summenformel ist C4H3F7O. Die Substanz ist in Wasser sehr schlecht löslich, bei Zimmertemperatur flüchtig und siedet bei 58,5 °C. Gemische aus Sevofluran und Luft sind nicht brennbar.
Wirkmechanismus
Der Wirkmechanismus von Sevofluran ist bisher (2026) nicht vollständig geklärt.[1] Der heutige Konsens ist, dass die Wirkung wahrscheinlich nicht auf einen einzelnen Rezeptor zurückzuführen ist. Im ZNS steigert der Wirkstoff die hemmende Wirkung des Neurotransmitters GABA durch Modulation von GABAA-Rezeptoren. Darüber hinaus hemmt Sevofluran NMDA-Rezeptoren, wodurch die Schmerzweiterleitung reduziert wird. Weitere putative Interaktionen bestehen mit:
Pharmakokinetik
Der Blut-Gas-Verteilungskoeffizient beträgt etwa 0,65. Der niedrige Wert bedeutet eine schlechte Blutlöslichkeit und damit einen schnellen Partialdruckausgleich zwischen Alveolen und Blut – die Folge ist eine gute Steuerbarkeit der Narkosetiefe sowie eine schnelle Einschlaf- und Aufwachphase. Aufwachzeiten sind mit denen nach Propofol vergleichbar.[1]
Die minimale alveoläre Konzentration (MAC) beträgt bei 40-jährigen Erwachsenen 1,8 Vol.-% (in reinem Sauerstoff) bzw. 1,3 Vol.-% bei gleichzeitiger Lachgasgabe. Damit weist Sevofluran eine geringere Potenz als Isofluran (MAC 1,17 Vol.-%) auf. Die MAC ist stark altersabhängig. Bei Kindern zwischen 1 und 12 Jahren beträgt sie 2,55 Vol.-%, bei älteren Patienten und Schwangeren ist sie erniedrigt.
Sevofluran verursacht im Vergleich zu vielen anderen Inhalationsanästhetika nur moderate Veränderungen von Blutdruck, Herzfrequenz und Herzzeitvolumen und gilt daher als hämodynamisch vergleichsweise stabil. Das ist für den Einsatz bei Patienten mit kardiovaskulärem Risiko vorteilhaft. Darüber hinaus wurden kardio- und neuroprotektive Eigenschaften durch den Mechanismus der medikamentösen Präkonditionierung beschrieben.
Sevofluran zeichnet sich – im Vergleich zu Äther – durch einen angenehmeren Geruch, Schleimhautschonung und bronchodilatierende Eigenschaften aus, was seinen Einsatz insbesondere bei Patienten mit Asthma bronchiale begünstigt.[2] Zudem kann es zur Maskeneinleitung genutzt werden. Seine hypnotische Wirkung wird als sehr gut und effektiv eingestuft, während die muskelrelaxierende und analgetische Wirkung eher schwach ausgeprägt ist.
Die Metabolisierungsrate beträgt 3 bis 5 %; dabei kommt es zur Freisetzung von anorganischem Fluorid und Hexafluoroisopropanol. Eine durch diese Abbauprodukte verursachte Nierenschädigung konnte beim Menschen nicht gezeigt werden. Eine Besonderheit ist die Reaktion von Sevofluran mit dem Atemkalk halbgeschlossener Narkosesysteme, die durch hohe Gaskonzentrationen, sehr trockenen Atemkalk und einen niedrigen Frischgasfluss begünstigt wird. Die dabei entstehenden Abbauprodukte (Compound A–E) wirkten im Tierversuch in sehr hoher Konzentration nephrotoxisch. Beim Menschen konnte dieser Effekt bisher nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.
Indikationen
Sevofluran ist zur Einleitung und Aufrechterhaltung einer Inhalationsnarkose bei Erwachsenen und Kindern zugelassen, sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich.[3]
Darreichungsformen
Sevofluran ist als Flüssigkeit zur Inhalation erhältlich. Die Verabreichung erfolgt ausschließlich über speziell für Sevofluran kalibrierte Verdampfer (Vapor). Die Verwendung nicht-kalibrierter Geräte ist kontraindiziert.
Dosierung
Die Dosierung wird individuell nach Alter, Körpergewicht und klinischem Zustand titriert.[3] Zur Narkoseeinleitung mittels reiner Maskeninhalation sind in der Regel inspiratorische Konzentrationen von bis zu 8 Vol.-% erforderlich (bei Erwachsenen typischerweise bis 5 Vol.-%, bei Kindern bis 7 Vol.-%). Zur Aufrechterhaltung der Narkose sind Konzentrationen von 0,5 bis 3 Vol.-% in reinem Sauerstoff oder einem Sauerstoff-Lachgas-Gemisch üblich. Bei älteren Patienten sowie bei gleichzeitiger Lachgasgabe sind in der Regel niedrigere Konzentrationen ausreichend.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nebenwirkungen
- Maligne Hyperthermie – seltene, aber lebensbedrohliche Komplikation; Sevofluran gilt als bekannter Triggerwirkstoff[1]
- Vasodilatation und arterielle Hypotonie
- Steigerung der Herzfrequenz
- Bradykardie (insbesondere bei älteren Patienten)
- Dosisabhängige Atemdepression
- Steigerung eines bereits erhöhten intrakraniellen Drucks
- Koronare Durchblutungsstörungen
- Verringerung des Herzminutenvolumens
- Verringerung der Nierendurchblutung und der glomerulären Filtrationsrate
- PONV (postoperative Übelkeit und Erbrechen)
- Aufwachdelir (Agitationszustände in der frühen postoperativen Phase, insbesondere bei Kindern)
- Krampfanfälle (selten, vorwiegend bei Kindern ab 2 Monaten und jungen Erwachsenen)
- Hyperkaliämie mit Herzrhythmusstörungen (insbesondere bei Kindern mit neuromuskulären Erkrankungen, z.B. Duchenne-Muskeldystrophie)
- QT-Zeit-Verlängerung (selten)
Kontraindikationen
- Bekannte oder vermutete genetische Disposition für maligne Hyperthermie (aus der Vorgeschichte bekannt oder genetisch vermutet)
- Bekannte Überempfindlichkeit gegen Sevofluran oder andere halogenierte Inhalationsanästhetika
- Erhöhter intrakranieller Druck ( relative Kontraindikation)
- Ausgeprägte Leberzellschädigung (z.B. im Rahmen einer Leberzirrhose; relative Kontraindikation)
- Allgemeine Kontraindikationen zur Allgemeinanästhesie
Umwelt
Als halogenierter Ether ist Sevofluran ein Treibhausgas. Da es ausschließlich mit Fluor halogeniert ist (kein Chlor), trägt es jedoch kaum zur Schädigung der Ozonschicht bei. Im Vergleich zu Desfluran sind die Klimaeigenschaften von Sevofluran deutlich günstiger: Pro MAC-adjustierter Narkosestunde verursacht Desfluran einen etwa 34-fach höheren Treibhauseffekt als Sevofluran. Eine vollständige Substitution von Desfluran durch Sevofluran würde die arzneimittelbedingten Treibhausgasemissionen in der Anästhesie um ca. 53 % reduzieren.[4] Zur weiteren Reduktion der Klimawirkung wird empfohlen, Sevofluran vorzugsweise als Niedrigflussnarkose durchzuführen. Volatile Anästhetika tragen darüber hinaus zur Umweltkontamination mit persistenten per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) bei.[4]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Kopańczyk R et al. Volatile Anesthetics: A Comprehensive Review of Pharmacology, Delivery Systems, and Safety Considerations for ICU Practitioners. Crit Care Med. 2026;54(4):926-938.
- ↑ Springer Medizin. Anästhesie bei Patienten mit Asthma bronchiale. In: Die Anästhesiologie. Verfügbar unter: Springer Medizin. Abgerufen am 21.06.2026.
- ↑ 3,0 3,1 Gelbe Liste Online. Sevofluran. Abgerufen am 15.07.2025.
- ↑ 4,0 4,1 Kalmar AF et al. Anästhesie und Klimaschutz: Rolle volatiler Anästhetika. Anaesthesiologie. 2026;75(2):83-88.
Literatur
- Striebel HW. Die Anästhesie. 4. Aufl. Thieme; 2019.