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Diffuse axonale Verletzung

(Weitergeleitet von Scherverletzung)

Synonyme: "Scherverletzung", diffuses axonales Schädelhirntrauma, diffuse axonale Schädigung, diffuser Axonschaden, diffuses axonales Trauma
Englisch: diffuse axonal injury, DAI

1 Definition

Diffuse axonale Verletzung, kurz DAI, beschreibt ein pathophysiologisches bzw. histologisches Merkmal, das im Rahmen eines Schädelhirntraumas (SHT) auftreten kann.

2 Epidemiologie

Eine diffuse axonale Verletzung tritt bei etwa 50 % der schweren SHT auf und ist eine Hauptursache für eine Bewusstlosigkeit und ein apallisches Syndrom.

3 Ätiopathogenese

Ursächlich für eine diffuse axonale Verletzung sind Akzelerations- bzw. Dezelerationsbewegungen mit gleichzeitiger rotatorischer Komponente. Diese Scherverletzungen treten typischerweise bei Autounfällen sowie beim Shaken-Baby-Syndrom auf.

Die Scherverletzungen entstehen insbesondere an Stellen, wo Gewebe unterschiedlicher Konsistenz und Festigkeit aneinander grenzen. Am häufigsten findet sich eine DAI daher an der subkortikalen Mark-Rinden-Grenze (v.a. frontotemporal). Mit zunehmender Stärke des Traumas ist das Corpus callosum betroffen (v.a. am Splenium), zuletzt auch der obere Hirnstamm. Weitere mögliche Lokalisationen sind Stammganglien und Capsula interna.

4 Pathophysiologie

Bei der DAI kommt es zur Abtrennung von Axonen, wobei nicht die mechanischen Kräfte im Rahmen des SHT, sondern vielmehr sekundäre biochemische Prozesse ursächlich sind: Die Dehnung der Axone während der Verletzung führt zu einem proteolytischen Abbau des axonalen Zytoskeletts und zu einem Anstieg der intrazellulären Calcium-Konzentration. Die Folge ist eine Aktivierung u.a. von Phospholipasen und Calpain, was eine weitere Schädigung des Zytoskeletts sowie der Mitochondrien in Gang setzt. Insgesamt kommt es zur proximalen Axonschwellung, die mikroskopisch als Axonal Retraction Ball (ARB) sichtbar ist. Frühestens nach 6 Wochen degeneriert das distale Axonstück (Waller-Degeneration). Außerdem finden sich Ablagerungen von Tau-Protein und Amyloid-Precursor-Protein (APP).

5 Diagnose

5.1 Computertomographie

In der Computertomographie (CT) zeigen sich keine oder nur sehr diskrete Auffälligkeiten. Gegebenenfalls zeigen sich multiple kleine Einblutungen an den genannten Prädilektionsstellen.

5.2 Magnetresonanztomografie

Die Magnetresonanztomografie (MRT) hat beim Nachweis einer diffusen axonalen Verletzung eine deutlich höhere Sensitivität als die CT, wobei viele Läsionen ebenfalls nicht detektierbar sind. Typischerweise finden sich multiple, 5-15 mm große Läsionen, die sich in der T2-Wichtung hyperintens darstellen und oft eine in Längsrichtung der Nervenfasern gelegene, ovale oder elliptische Form aufweisen. Petechiale Hämorrhagien sind mit Gradientenecho-Sequenzen erkennbar. In der Frühphase nach einem Trauma können DWI-Sequenzen kleine Ödeme nachweisen. Bei Läsionen in Fornix und Corpus callosum eignet sich die FLAIR-Sequenz.

Mit der Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI) können auch kleine DAI nachgewiesen werden. Die funktionelle MRT (fMRT) ermöglicht die Visualisierung der Funktionsbeeinträchtigung der Axone, die verminderte Perfusion und gestörte metabolische Aktivität der betroffenen Gehirnareale.

5.3 Schweregrade

Die DAI wird in drei Schweregrade eingeteilt:

Diese Seite wurde zuletzt am 15. September 2020 um 17:53 Uhr bearbeitet.

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