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Mytilismus

Synonyme: Mytilotoxismus, Muschelvergiftung
Englisch: shellfish poisoning

1 Definition

Als Mytilismus bezeichnet man eine Vergiftung nach dem Verzehr von Muscheln.

2 Ätiologie

Muschelvergiftungen entstehen durch die Aufnahme von Giften, die überwiegend von einzelligen Algen und Dinoflagellaten erzeugt werden und sich in der Nahrungskette anreichern. Erhitzung bzw. Kochen führt nicht zur Inaktivierung der Toxine.

Meist sind Mies- oder Pfahlmuscheln (Mytulis edulis), seltener Austern (Ostrea edulis) betroffen.

3 Klassifikation

3.1 Diarrhöische Form

Die diarrhöische Form wird auch als Diarrhetic Shellfish Poisoning (DSP) bezeichnet. Auslöser sind Okadasäure, Dinophysistoxine und Pectenotoxine. Muscheln erwerben diese Toxine durch die Aufnahme von Dinoflagellaten, insbesondere der Genera Dinophysis und Prorocentrum. Die DSP kommt insbesondere in Europa, Japan und Chile vor. Eine ähnliche Symptomatik entsteht auch durch Azaspirosäure (Azaspiacid Shellfish Poisoning, AZP).

Die Toxine hemmen Serin/Threonin-Kinasen. Dies führt zur Akkumulation von Proteinen und zur Sekretion von Flüssigkeit durch die Darmzellen mit entsprechender Diarrhö. Sie tritt häufig innerhalb von 0,5 bis 12 Stunden auf. Weitere Symptome sind Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Schüttelfrost.

Die Toxine lassen sich mit einem Maus-Bioassay, einem Immunoassay und einer Hochleistungsflüssigchromatographie mit Fluoreszenz-Detektor (HPLC-FLD) in Nahrungsmitteln nachweisen. Die meisten Patienten erholen sich innerhalb weniger Tage. Sympomatisch kann insbesondere eine intravenöse Volumengabe erfolgen.

3.2 Amnestische Form

Die auch als Amnesic Shellfish Poisoning (ASP) bezeichnete Form entsteht meist durch das Neurotoxin Domoinsäure, hergestellt von einzelligen Rot- und Kieselalgen (v.a. Gattung Pseudo-nitzschia). Es aktiviert AMPA-Rezeptoren im Gehirn und führt zu Schäden im Hippocampus und in den Amygdala.

Innerhalb von 24 Stunden nach Ingestion kommt es zu Erregung, Verwirrtheit, Amnesie und Kopfschmerzen. Weitere Symptome sind u.a. Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Schluckauf, Herzrhythmusstörungen, Hypotonie, Krampfanfälle, Lähmungen der Augenmuskeln, Hemiparese, Sprechstörungen, Grimassieren, Lungenödem und Koma.

Noch Monate nach Intoxikation können Gedächtnisstörungen und motorische Ausfälle persistieren. Todesfälle treten insbesondere bei alten Menschen oder im Rahmen eines Nierenversagens auf.

Muscheln können auf Domoinsäure mittels Bioassay an Mäusen oder flüssigkeitschromatographisch (HPLC) untersucht werden. Die Therapie erfolgt symptomorientiert. Entscheidend ist eine antikonvulsive Therapie mit Diazepam oder anderen Antiepileptika.

3.3 Neurotoxische Form

Die neurotoxische Form wird auch als Neurotoxic Shellfish Poisoning (NSP) bezeichnet und entsteht durch Brevetoxine, die vom Dinoflagetallen Ptychodiscus brevis produziert werden. Sie binden an spannungsabhängigen Natriumkanälen und lösen eine anhaltende Depolarisation von Nerven- und Muskelzellen aus. Das Resultat sind schmerzhafte Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, Parästhesien und Angstzustände.

3.4 Paralytische Form

Die paralytische Form (Paralytic Shellfish Poisoning, PSP) wird verursacht durch Saxitoxin (Mytilotoxin), das von verschiedenen Dinoflagetallen der Gattung Alexandrium produziert wird. Es akkumuliert in verschiedenen Muschelarten (z.B. Venus-, Miesmuscheln, Austern) aber auch in Seesternen und Sandkrabben. Gehäuft tritt diese Form im Sommer in warmen, nahrungsreichen, küstennahen Gewässern auf. Das Toxin blockiert spannungsabhängige Natriumkanäle. Es ist wasserlöslich, hitze- und säurestabil. Kontaminierte Meeresfrüchte sehen normal aus und riechen und schmecken normal.

Innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden nach Aufnahme treten intraorale und periorale Parästhesien auf, hauptsächlich an den Lippen, der Zunge und am Zahnfleisch. Diese schreiten rasch auf den Nacken und den distalen Extremitäten fort. Später entsteht ein brennendes oder ein Taubheitsgefühl und Lähmungen. Andere beschriebene Symptome sind:

  • Abdominalschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö
  • Kopfschmerzen
  • Brustschmerz und Tachykardien
  • Schwächegefühl, Benommenheit, Verwirrtheit
  • Koordinationsstörungen, Sprachstörungen
  • Nystagmus, Hyperreflexie
  • Speichelfluss, Schluckbeschwerden
  • Sehverlust

2 bis 12 Stunden nach Ingestion können schlaffe Lähmungen mit Ateminsuffizienz auftreten. Bis zu 12 % der Patienten versterben.

Diagnostisch ist ein Toxinnachweis im Maus-Bioassay möglich. Empirisch kann wenige Stunden nach Ingestion kann eine Magenspülung sinnvoll sein (2 Liter in 200-ml-Portionen einer 2 %igen Natriumbikarbonatlösung). Auch die Gabe von Aktivkohle (50 bis 100 g) und Sorbit (20 bis 50 g) erwies sich teilweise als sinnvoll. Die Patienten müssen für mindestens 48 Stunden atemüberwacht werden, damit durch frühzeitige Erkennung einer Ateminsuffizienz eine endotracheale Intubation und kontrollierte Beatmung einen hypoxischen Hirn- oder Myokardschaden verhindern kann.

4 Differenzialdiagnosen

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