Ischämische Cholangiopathie
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenEnglisch: ischemic cholangiopathy
Definition
Die ischämische Cholangiopathie, kurz IC, bezeichnet eine Schädigung des Gallengangsystems infolge einer verminderten arteriellen Blutversorgung. Sie ist durch Gallengangsnekrosen, Leckagen und im weiteren Verlauf häufig durch multiple biliäre Strikturen gekennzeichnet. Besondere klinische Bedeutung besitzt sie als Komplikation nach Lebertransplantation.
Hintergrund
Im engeren transplantationsmedizinischen Sprachgebrauch wird der Begriff häufig für diffuse nicht-anastomotische Gallengangsschäden bei erhaltener Durchgängigkeit der Arteria hepatica verwendet. Vor der Diagnose sollten arterielle Komplikationen, insbesondere eine Thrombose oder Stenose der Leberarterie, ausgeschlossen werden. Differentialdiagnostisch sind außerdem ein Rezidiv einer primär sklerosierenden Cholangitis und eine chronische Transplantatabstoßung zu berücksichtigen. Da die Ätiologie nicht-anastomotischer Gallengangsschäden im Einzelfall häufig nicht sicher bestimmbar ist, empfiehlt die BileducTx-Konsensusklassifikation den Oberbegriff posttransplantäre Cholangiopathie.[1]
Ätiologie
Die ischämische Cholangiopathie kann transplantationsassoziiert oder nicht-transplantationsassoziiert auftreten. Transplantationsassoziierte Formen entstehen durch arterielle Komplikationen, verlängerte Ischämiezeiten oder Mikrozirkulationsstörungen.
Als Risikofaktoren gelten insbesondere:
- verlängerte Warm- und Kaltischämiezeiten
- Verwendung von Organen nach Donation after Circulatory Death (DCD)
- Makrozirkulationsstörungen
- Mikrozirkulationsstörungen und Ischämie-Reperfusionsschäden[2]
Nicht-transplantationsassoziierte Ursachen umfassen Gefäßverschlüsse, Vaskulitiden, schwere Schockzustände sowie iatrogene Gefäßverletzungen.
In der Transplantationsmedizin werden verschiedene Begriffe verwendet:
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| IC (ischemic cholangiopathy) | ischämisch bedingte Gallengangsschäden im Allgemeinen |
| SSC-CIP (secondary sclerosing cholangitis in critically ill patients) | spezielle Form bei Intensivpatienten |
| NAS (non-anastomotic strictures) | nicht-anastomotische Strikturen |
| ITBL (ischemic-type biliary lesions) | ischämietypische Gallengangsläsionen |
Pathophysiologie
Im Gegensatz zum Leberparenchym werden die Gallengänge nahezu ausschließlich über Äste der Arteria hepatica und den peribiliären Gefäßplexus versorgt. Daher sind sie besonders empfindlich gegenüber einer Ischämie. Nach Lebertransplantation können neben einer Makrozirkulationsstörung auch Ischämie-Reperfusionsschäden und eine Schädigung der biliären Mikrozirkulation zur Entstehung beitragen.[3]
Klinik
Die Erkrankung kann sich durch eine zunehmende Cholestase, Ikterus und rezidivierende Cholangitiden manifestieren. Morphologisch können biliäre Casts, Gallengangsnekrosen sowie multiple intra- und extrahepatische nicht-anastomotische Strikturen entstehen. Schwere Verläufe führen zu rezidivierenden Infektionen und einem zunehmenden Funktionsverlust des Transplantats.
Diagnostik
Zur Diagnostik werden zunächst Laboruntersuchungen und Sonographie einschließlich Doppleruntersuchung der Leberarterie eingesetzt. Laborchemisch zeigen sich typischerweise cholestatische Veränderungen mit erhöhten Werten für alkalische Phosphatase, Gamma-GT und Bilirubin. Die Darstellung des Gallengangsystems erfolgt insbesondere mittels MRCP oder ERCP. Charakteristische Befunde umfassen biliäre Casts, Gallengangsnekrosen und multiple nicht-anastomotische Strikturen mit unregelmäßiger Verteilung.
Therapie
Bei endoskopisch erreichbarer Gallengangsanatomie wird in der Regel zunächst eine ERCP mit Dilatation und gegebenenfalls Stenteinlage durchgeführt. Eine perkutane transhepatische Drainage kommt insbesondere bei fehlender endoskopischer Zugangsmöglichkeit in Betracht. Aufgrund des häufig diffusen Befalls sind wiederholte Interventionen notwendig. Bei fortschreitender Cholangiopathie mit rezidivierender Cholangitis oder irreversiblem Transplantatversagen kann letztlich eine Retransplantation erforderlich sein.
Prävention
Zur Prävention der ischämischen Cholangiopathie nach Lebertransplantation werden zunehmend dynamische Perfusionsverfahren eingesetzt:
- hypotherme oxygenierte Perfusion (HOPE)
- duale hypotherme oxygenierte Perfusion (D-HOPE)
- normotherme Maschinenperfusion (NMP)
Diese Verfahren können insbesondere bei Risikoorganen die Ischämie-Reperfusionsschäden reduzieren und die biliäre Mikrozirkulation schützen. Die Evidenz für eine Reduktion der ischämischen Cholangiopathie ist für die (D-)HOPE bei DCD-Organen am besten belegt.[4]
Prognose
Die ischämische Cholangiopathie zeigt häufig einen progredienten Verlauf mit wiederkehrenden Cholangitiden und zunehmender Cholestase. Trotz wiederholter endoskopischer oder perkutaner Interventionen kann sich eine biliäre Zirrhose entwickeln. Die Langzeitprognose hängt vom Ausmaß der initialen Schädigung und dem Ansprechen auf die Therapie ab. Bei schweren Verläufen ist die Transplantatüberlebensrate deutlich reduziert.
Quellen
- ↑ Esser et al., Consensus classification of biliary complications after liver transplantation: guidelines from the BileducTx meeting, British Journal of Surgery, 2025
- ↑ Mourad et al., Aetiology and risk factors of ischaemic cholangiopathy after liver transplantation, World Journal of Gastroenterology, 2014
- ↑ Deltenre und Valla, Ischemic cholangiopathy, Journal of Hepatology, 2006
- ↑ van Rijn et al., Hypothermic Machine Perfusion in Liver Transplantation - A Randomized Trial, N Engl J Med, 2021