Früher vorzeitiger Blasensprung
Englisch: preterm premature rupture of membranes, PPROM
Definition
Der frühe vorzeitige Blasensprung beschreibt das Aufplatzen bzw. Einreißen der Fruchtblase der schwangeren Frau vor der 37+0 Schwangerschaftswoche.
Epidemiologie
Stand 2026 sind ca. 3 % aller Schwangeren betroffen. Davon befinden sich 0,5 % vor der 27. SSW, 1 % zwischen der 27. und 34. SSW und 1 % zwischen der 34. und 37. SSW.
Pathophysiologie
Die genaue Ursache für das Auftreten eines frühen vorzeitigen Blasensprungs ist bis heute (2026) ungeklärt. Vermutet wird, dass Stressoren, wie aufsteigende Infektionen, Entzündungen oder rezidivierende Blutungen, inhibitorische Systeme enthemmen, welche die Homöostase der Eihäute aufrechterhalten.
Die Hälfte aller Schwangeren mit einem frühen vorzeitigen Blasensprung entbinden innerhalb einer Woche (Latenzzeit).
Risikofaktoren
Neben den o.g. Stressoren ist ein vorangegangener frühzeitiger Blasensprung in der vergangenen Schwangerschaft ein Risikofaktor. Die weiteren Risikofaktoren sind die gleichen wie bei einer spontanen Frühgeburt:
- Z.n. spontaner oder medizinisch indizierter Frühgeburt
- Z.n. Konisation
- kurzes Schwangerschaftsintervall (< 12 Monate nach vorheriger Geburt)
- Alter der Schwangeren < 18 Jahre
- ungünstige sozioökonomische Verhältnisse
- bakterielle Vaginose
- asymptomatische Bakteriurie
- vaginale Blutung in der Schwangerschaft
- Mehrlingsschwangerschaft
- Rauchen
- Parodontitis
- Anämie
- subklinische Hypothyreose
- Verkürzte Zervixlänge (< 25 mm vor der 34 + 0 SSW)
Diagnostik
In den meisten Fällen lässt sich der frühe vorzeitige Blasensprung bei der Untersuchung mittels Spekulum diagnostizieren. Im Ultraschall findet sich zudem eine reduzierte Fruchtwassermenge. Auf eine digitale Untersuchung sollte verzichtet werden.
Wenn die Diagnosestellung mittels Spekulumuntersuchung nicht möglich ist, kann auf den Nachweis von PAMG-1, IGFBP-1 oder eine Kombination auf AFP und IGFBP-1 zurückgegriffen werden. Die Sensitivität und Spezifität dieser Tests liegen bei über 90 %.
Komplikationen
Durch die Eröffnung der Fruchtblase besteht die Gefahr einer klinischen Infektion für Mutter (z.B. Triple I) und Kind. Des Weiteren kann es zu einer Plazentalösung oder einem Nabelschnurvorfall kommen.
Therapie
Management vor der 22. SSW
Vor der 22. SSW ist der Fetus noch nicht lebensfähig. Die Eltern sollen in diesem Fall, neben den allgemeinen Komplikationen eines frühen vorzeitigen Blasensprungs, über die Gefahren der mütterlichen Sepsis, der fetalen pulmonalen Hypoplasie und der fetalen Skelettdeformitäten aufgeklärt werden. Zur Prävention kann eine Antibiotikatherapie empfohlen werden.
Auf antenatale Steroide, eine Tokolyse oder eine Magnesiumgabe zur Neuroprotektion soll in diesem Falle verzichtet werden.
Management zwischen 22+0 und 33+6 SSW
In diesem Bereich befindet sich der Fetus an der Grenze der Lebensfähigkeit. Nach Absprache mit den Eltern kann sich für ein abwartendes Vorgehen oder Maximaltherapie entschieden werden. Die Gabe von antenatalen Steroiden zur Lungenreifung soll mit 2x12 mg Betamethason intramuskulär im Abstand von 24 Stunden erfolgen. Zudem wird eine Antibiotikagabe empfohlen, hier gibt es laut Leitlinie kein festes Therapieregime.
Eine primäre Tokolyse bei einem frühen vorzeitigen Blasensprung geht nicht mit einer signifikanten Verbesserung der perinatalen Morbidität und Mortalität einher, allerdings ist die Studienlage hier (2026) relativ gering. Zweck der Tokolyse ist es primär ein 48-stündiges Zeitfenster zu schaffen, in dem eine Steroidgabe und der Transfer in ein Perinatalzentrum mit Neointensivstation erfolgen kann.
Wichtig ist die regelmäßige Überwachung der Vitalparameter der Mutter hinsichtlich eines Triple I (maternales Fieber und fetale Tachykardie, maternale Leukozytose, purulenter Fluor aus dem Muttermund). Zudem soll eine tägliche Blutbild- und CRP-Kontrolle erfolgen. Bei dem Verdacht oder Vorliegen eines Triple I, soll eine sofortige Antibiotikagabe erfolgen und unmittelbar entbunden werden.
Die Evidenz für eine Amnioninfusion ist noch nicht ausreichend (2026).
Ab der 34+0 SSW kann eine Entbindung erwogen werden.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Management zwischen 34+0 und 36+6 SSW
Im Falle eines frühen vorzeitigen Blasensprungs zwischen der 34+0 und 36+6 SSW darf eine zeitnahe Entbindung oder aber auch ein abwartendes Vorgehen empfohlen werden, um die Schwangerschaft bis 37+0 SSW zu verlängern. Die klinischen Kontrollen sind wie o.g. (tägliches Blutbild- und CRP). Auf die Gabe von Steroiden, Tokolyse oder Magnesium soll verzichtet werden.
siehe auch: Fetus, Schwangerschaft, Fruchtblase, Amnionhöhle, Blasensprung
Literatur
- S2k, Prävention und Therapie der Frühgeburt, 2022