Betamethason
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LoslegenHandelsnamen: Celestamine® N, Celestan®, Betagalen®, Diprosis®
Synonyme: 9α-Fluor-16β-methylprednisolon, 9-Fluor-11β,17,21-trihydroxy-16β-methylpregna-1,4-dien-3,20-dion
Englisch: betamethasone
Definition
Betamethason ist ein fluoriertes, synthetisches Glukokortikoid mit langer Wirkdauer. Es wirkt antiinflammatorisch, immunsuppressiv und antiproliferativ und wird systemisch sowie lokal angewendet. Seine antiinflammatorische Wirkung ist etwa 25-mal stärker als die von Kortisol, eine mineralokortikoide Wirkung fehlt nahezu vollständig.
Chemie
Betamethason ist ein Prednisolon-Derivat mit einem Fluoratom in 9α-Position und einer Methylgruppe in 16β-Position. Es ist das 16β-Epimer von Dexamethason, das eine 16α-Methylgruppe trägt. Die beiden Substanzen unterscheiden sich damit lediglich durch die räumliche Stellung der Methylgruppe am C-Atom 16 des Steroidgerüsts. Die Summenformel lautet C22H29FO5, die molare Masse beträgt 392,5 g/mol.
Betamethason wird als freie Base oder in Form von Estern bzw. Estersalzen eingesetzt. Die Veresterung bestimmt Löslichkeit, Penetration und Wirkdauer:
| Derivat | Eigenschaften | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| Betamethasondihydrogenphosphat-Dinatrium | wasserlöslich, schneller Wirkungseintritt | Injektionslösung (i.v., i.m., lokal) |
| Betamethasonacetat | schwer wasserlöslich, Depotwirkung | Kristallsuspension (i.m., intraartikulär), meist kombiniert mit dem Phosphat |
| Betamethasonvalerat | lipophil | topische Zubereitungen |
| Betamethasondipropionat | lipophil, stark wirksam | topische Zubereitungen, Fixkombinationen (z. B. mit Calcipotriol) |
| Betamethasonbenzoat | lipophil | topische Zubereitungen |
Wirkmechanismus
Betamethason bindet an den zytoplasmatischen Glukokortikoidrezeptor. Der aktivierte Rezeptorkomplex wird in den Zellkern transloziert und aktiviert dort die Transkription glukokortikoidsensitiver Gene. Die pharmakologischen Effekte beruhen unter anderem auf einer verminderten Bildung, Freisetzung und Aktivität von Entzündungsmediatoren sowie auf einer Hemmung der Funktion und Migration von Entzündungszellen. Zusätzlich wird die Wirkung sensibilisierter T-Lymphozyten und Makrophagen auf ihre Zielzellen gehemmt.
Bei längerer systemischer Gabe supprimiert Betamethason die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse. Die Cushing-Schwellendosis liegt bei systemischer Gabe bei 1,5 mg pro Tag.
In der Pränatalmedizin fördert Betamethason die fetale Lungenreife, indem es die Surfactant-Synthese in den Alveolen beschleunigt.
Pharmakokinetik
Nach oraler Gabe wird Betamethason schnell und nahezu vollständig resorbiert. Maximale Plasmakonzentrationen werden nach 1–2 Stunden erreicht, das Wirkmaximum tritt jedoch verzögert nach 6–12 Stunden ein. Die Plasmahalbwertszeit beträgt etwa 7 Stunden, die biologische Halbwertszeit dagegen 36–54 Stunden. Betamethason zählt damit zu den lang wirkenden Glukokortikoiden.
Die Plasmaproteinbindung liegt bei 58–70 %, das Verteilungsvolumen bei etwa 1,4 l/kg. Betamethason wird als Glucuronsäurekonjugat überwiegend biliär eliminiert. Nur etwa 5 % werden über den Urin ausgeschieden.
Indikationen
Systemische Anwendung
Die zugelassenen Indikationen unterscheiden sich je nach Präparat:
| Zubereitung | Indikationen |
|---|---|
| Lösung zum Einnehmen | Akutbehandlung nach Bienen- bzw. Wespenstich bei Insektengiftallergie; orale Anfangsbehandlung von Autoimmunerkrankungen wie systemischem Lupus erythematodes; aktive Phasen von Systemvaskulitiden wie Panarteriitis nodosa; schwere rheumatoide Arthritis; Juvenile idiopathische Arthritis mit schwerer systemischer Verlaufsform oder therapierefraktärer Iridozyklitis; Rheumatisches Fieber mit Karditis |
| Injektionslösung | u.a. Hirnödem, Anaphylaktischer Schock (nach primärer Epinephrin-Gabe), posttraumatischer Schock, schwerer akuter Asthmaanfall, interstitielle Aspirationspneumonie, schwere akute Dermatosen wie Pemphigus vulgaris, intraartikuläre Therapie kleiner Gelenke, subkonjunktivale Anwendung, Lungenreifeinduktion (24.–34. SSW) |
| Kristallsuspension | intraartikuläre Injektion und Infiltrationstherapie (z.B. aktivierte Arthrose, Chondrokalzinose, Bursitis, Tendovaginitis), akuter Asthmaanfall (i.m.), Lungenreifeinduktion (24.–32. SSW) |
Cave: Bei drohender Frühgeburt ist die antenatale Gabe von Betamethason zur Lungenreifeinduktion Standard. Sie senkt die neonatale Morbidität und Mortalität signifikant.[1]
Topische Anwendung
Topisch wird Betamethason bei entzündlichen, auf Glukokortikoide ansprechenden Dermatosen eingesetzt, etwa bei Ekzemen, Psoriasis oder Lichen ruber planus. Nach der Klassifikation nach Niedner gilt Betamethasonvalerat 0,05 % als mittelstark (Klasse II), Betamethasonvalerat 0,1 % und Betamethasondipropionat als stark wirksam (Klasse III).
Darreichungsformen
Betamethason ist für die systemische und die lokale Anwendung verfügbar:
- Lösung zum Einnehmen
- Injektionslösung zur i.v., i.m., intraartikulären, infiltrativen und subkonjunktivalen Anwendung
- Kristallsuspension zur i.m., intraartikulären und infiltrativen Anwendung (nicht i.v. oder s.c.)
- topische Zubereitungen wie Creme, Salbe, Lotion, Lösung, Gel und Schaum, teils als Fixkombination, z.B. mit Calcipotriol, Gentamicin oder Salicylsäure
Dermatologische Rezepturen
Das Neue Rezeptur-Formularium (NRF) enthält standardisierte Rezepturen mit Betamethasonvalerat:
- Hydrophile Betamethasonvalerat-Creme 0,025 % / 0,05 % / 0,1 % (NRF 11.37.)
- Hydrophile Betamethasonvalerat-Emulsion 0,025 % / 0,05 % / 0,1 % (NRF 11.47.)
Beide Rezepturen enthalten einen Citratpuffer (pH ca. 4,2), da Betamethasonvalerat im neutralen und alkalischen Milieu zum weniger wirksamen 21-Valerat isomerisiert.
Dosierung
Die Dosierung richtet sich nach Art und Schwere der Erkrankung sowie nach dem individuellen Ansprechen. Beispiele aus den Fachinformationen:
| Indikation | Dosierung |
|---|---|
| Insektengiftallergie (nach Stich, oral) | Erwachsene einmalig 15 mg; Kinder < 15 kg 0,5 mg/kg, 15–30 kg 7,5 mg, > 30 kg 15 mg |
| Systemischer Lupus erythematodes, Panarteriitis nodosa (oral) | 6–15 mg/Tag |
| Schwere rheumatoide Arthritis (oral) | 12–15 mg/Tag (schnell destruierend), 6–12 mg/Tag (extraartikuläre Manifestationen) |
| Schwerer akuter Asthmaanfall (i.v.) | Erwachsene 8–20 mg, dann 8 mg alle 4 Stunden |
| Lungenreifeinduktion (i.m.) | 2 × 12 mg im Abstand von 24 Stunden |
| Kinder < 6 Jahre (oral) | initial ca. 0,1 mg/kg/Tag, Erhaltung ca. 0,015 mg/kg/Tag |
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Die Tagesdosis wird möglichst morgens als Einzeldosis gegeben (zirkadiane Therapie). Die Dosis wird stufenweise reduziert. Ist im Anschluss an die Initialtherapie eine Langzeittherapie erforderlich, soll auf Prednison bzw. Prednisolon umgestellt werden, da diese die Nebennierenrinde weniger supprimieren.
Nebenwirkungen
Bei systemischer Anwendung sind die Nebenwirkungen dosis- und therapiedauerabhängig. Sie entsprechen dem Profil systemischer Glukokortikoide:
| Organsystem | Nebenwirkungen |
|---|---|
| Endokrinium, Stoffwechsel | Cushing-Syndrom, adrenale Suppression, Steroiddiabetes, Wachstumshemmung bei Kindern, Natriumretention mit Ödemen, Hypokaliämie, Hyperlipidämie |
| Bewegungsapparat | Osteoporose, aseptische Knochennekrosen, Steroidmyopathie, Sehnenruptur |
| Haut | Striae rubrae, Hautatrophie, Teleangiektasien, Petechien, Ekchymosen, Steroidakne, verzögerte Wundheilung, periorale Dermatitis |
| Psyche, Nervensystem | Depressionen, Euphorie, Psychosen, Schlafstörungen, Pseudotumor cerebri |
| Gastrointestinaltrakt | Magen-Darm-Ulzera, gastrointestinale Blutungen, Pankreatitis |
| Herz-Kreislauf | Blutdruckerhöhung, erhöhtes Thrombose- und Arterioskleroserisiko |
| Immunsystem, Blut | erhöhte Infektanfälligkeit, Maskierung von Infektionen, Lymphopenie, Eosinopenie, Leukozytose |
| Auge | Katarakt (hintere subkapsuläre Trübung), Glaukom, zentrale seröse Chorioretinopathie |
Cave: Nach Langzeittherapie kann eine sekundäre Nebenniereninsuffizienz noch Monate, in Einzelfällen über ein Jahr nach Absetzen bestehen. Patienten erhalten deshalb einen Kortikoid-Ausweis. In Stresssituationen wie Operationen oder Unfällen ist gegebenenfalls eine Dosiserhöhung erforderlich.
Bei topischer Anwendung stehen lokale Nebenwirkungen wie Hautatrophie, Striae, Teleangiektasien und Steroidakne im Vordergrund. Bei großflächiger oder okklusiver Anwendung sind auch systemische Effekte möglich.
Wechselwirkungen
Betamethason wird über CYP3A4 metabolisiert. Daraus und aus seinen pharmakodynamischen Effekten ergeben sich folgende Wechselwirkungen:
- CYP3A4-Inhibitoren wie Ketoconazol, Itraconazol, Makrolide oder Cobicistat-haltige Präparate verstärken die Kortikoidwirkung und erhöhen das Risiko systemischer Nebenwirkungen.
- CYP3A4-Induktoren wie Rifampicin, Phenytoin, Carbamazepin und Barbiturate schwächen die Wirkung ab.
- NSAR und Salicylate erhöhen das Risiko gastrointestinaler Blutungen.
- Saluretika, Laxanzien und Amphotericin B verstärken den Kaliumverlust; dadurch kann die Wirkung von Herzglykosiden verstärkt werden.
- Die Wirkung von Antidiabetika und Cumarin-Derivaten kann abgeschwächt werden.
- Unter Ciclosporin steigen dessen Blutspiegel und das Risiko zerebraler Krampfanfälle.
- Östrogene verstärken die Kortikoidwirkung.
Kontraindikationen
Für die orale Lösung ist die Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile die einzige absolute Kontraindikation. Bei aktiver Tuberkulose darf Betamethason nicht angewendet werden. Bei latenter Tuberkulose oder Tuberkulose in der Anamnese erfolgt die Gabe nur unter tuberkulostatischem Schutz.
Eine strenge Indikationsstellung, gegebenenfalls mit begleitender spezifischer Therapie, ist unter anderem erforderlich bei:
- akuten Virusinfektionen wie Herpes zoster, Herpes simplex, Varizellen und Keratitis herpetica
- systemischen Mykosen und Parasitosen
- Impfungen mit Lebendimpfstoffen (ca. 8 Wochen vor bis 2 Wochen nach der Impfung)
- Magen-Darm-Ulzera, schwerer Osteoporose, schwer einstellbarer Hypertonie oder schwer einstellbarem Diabetes mellitus
- Eng- und Weitwinkelglaukom
- psychiatrischen Erkrankungen, auch anamnestisch
- bekanntem oder vermutetem Phäochromozytom, da Glukokortikoide eine Phäochromozytom-Krise auslösen können
Die intraartikuläre Anwendung ist unter anderem bei Infektionen im Gelenk oder in dessen Umgebung kontraindiziert. Die Lungenreifeinduktion ist bei nicht stabilisierter EPH-Gestose und bei Amnioninfektionssyndrom kontraindiziert.
Schwangerschaft und Stillzeit
In der Schwangerschaft, besonders im ersten Trimenon, erfolgt die Anwendung nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung. Im Tierversuch löste Betamethason Gaumenspalten aus. Ein erhöhtes Risiko für orale Spaltbildungen nach Gabe im ersten Trimenon wird beim Menschen diskutiert. Bei Gabe am Ende der Schwangerschaft droht eine Nebennierenrindenatrophie des Fetus.
Glukokortikoide gehen in die Muttermilch über. In der Stillzeit ist die Indikation streng zu stellen; sind höhere Dosen erforderlich, soll abgestillt werden.
Quelle
- ↑ AWMF. S2k-Leitlinie Prävention und Therapie der Frühgeburt. AWMF-Registernummer 015-025. Verfügbar unter: S2k-Leitlinie Prävention und Therapie der Frühgeburt.