Capnocytophaga canimorsus
von lateinisch: canis - Hund; mordere - beißen
Definition
Capnocytophaga canimorsus ist ein langsam wachsendes, gramnegatives Stäbchenbakterium aus der Gattung Capnocytophaga. Es kommt als Kommensale in der Mundflora von Hunden und Katzen vor und kann unter bestimmten Bedingungen humanpathogen sein.
Systematik
- Domäne: Bakterien (Bakteria)
- Klasse: Flavobacteriia
- Ordnung: Flavobacteriales
- Familie: Flavobacteriaceae
- Gattung: Capnocytophaga
- Art: Capnocytophaga canimorsus
- Gattung: Capnocytophaga
- Familie: Flavobacteriaceae
- Ordnung: Flavobacteriales
- Klasse: Flavobacteriia
Genetik
Das Genom von Capnocytophaga canimorsus wurde vollständig sequenziert. Es besteht aus einem einzigen Chromosom mit rund 2,6 Mio. Basenpaaren. Der GC-Gehalt beträgt rund 36 %.
Morphologie
Capnocytophaga canimorsus ist ein gramnegatives Stäbchenbakterium von 1-3 μm Länge, das weder Geißeln trägt, noch Sporen bildet. In der Kultur können längere Stäbchen eine gebogene Form annehmen.[1]
Die Anzucht gelingt auf Blutagar oder Schokoladenagar, benötigt aber Zeit. Das Wachstum ist langsam, die in der Regel flachen und glatten Kolonien werden erst nach etwa 48 Stunden deutlich sichtbar. Die Proliferation wird durch eine hohe Kohlenstoffdioxid-Konzentration begünstigt. Die Kolonien können an den Rändern Ausläufer bilden. Die Farbe wirkt auf der Agarplatte pink oder violett, nach dem Abschaben der Kolonien auf dem Spatel ist sie gelb.
Immunevasion
Capnocytophaga canimorsus verfügt sehr wahrscheinlich über verschiedene Mechanismen der Immunevasion, die dazu führen, dass bei Infektionen eine signifikante Immunreaktion erst relativ spät einsetzt. Das erklärt den oft initial milden, dann fulminanten Verlauf.
Unter anderem produzieren die Bakterien ein Zytotoxin, das ihre Aufnahme durch Makrophagen verhindert. In Anwesenheit des Erregers wird daher die Produktion von Zytokinen herunterreguliert, da Makrophagen weniger TNF-α, Interleukin-1α, Interleukin-6, Interleukin-8, Interferon-γ und NO produzieren.
Zusätzlich entgeht Capnocytophaga canimorsus offensichtlich der Phagozytose durch polymorphkernige Leukozyten, da sein Wachstum in ihrer Anwesenheit kaum eingeschränkt ist. Er scheint diesen Zelltyp sogar als Nahrungsquelle zu nutzen, indem der die Zellmembran deglykosyliert und die Glykane verstoffwechselt.
Humanmedizinische Bedeutung
Capnocytophaga canimorsus kann beim Menschen in einigen Fällen zu Infektionen führen - vor allem bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem.[2] Als Risikofaktoren für die Zoonose konnten u.a. Zustand nach Splenektomie, Alkoholismus, Beta-Thalassämie und die Einnahme von Immunsuppressiva (z.B. Glukokortikoide) identifiziert werden. Infektionen bei immunkompetenten Personen sind ebenfalls beschrieben. Ein hoher Eisenspiegel im Blut begünstigt das Wachstum des Erregers, da er Eisen für sein Wachstum benötigt.
Übertragung
Die Übertragung erfolgt meist durch Bisse oder durch Lecken, in seltenen Fällen auch durch Kontakt mit kontaminiertem Tierspeichel.[2]
| Bei einer Kombination von Hundebiss und Sepsis sollte man immer an Capnocytophaga canimorsus denken. |
Symptome
Die Symptomhäufigkeit wird wie folgt angegeben:[3]
| Symptome | Häufigkeit |
|---|---|
| Fieber | 37 - 92 % |
| Leukozytose | 26 - 65 % |
| Positive Blutkulturen | 94 % |
| Symmetrische Purpura | 35 % |
| Symmetrische Gangrän | 10 % |
| Zellulitis | 12 - 25 % |
| DIC bei fulminanter Sepsis | 13 - 38 % |
| Nierenversagen | 11 - 23 % |
| Meningitis | 8 - 19 % |
| Endokarditis | 7 - 15% |
| Pneumonie | 19 % |
| Arthritis | 6 % |
| ARDS | 4 - 17 % |
| Augenbeteiligung | 4 % |
Verlauf
Erste Symptome treten etwa 2 bis 8 Tage nach der Infektion auf. Sie umfassen u.a. Fieber, Kopfschmerzen, Erbrechen, Diarrhö, Abdominalschmerz, Myalgie, Dyspnoe und Exantheme. Der mögliche Verlauf ist sehr variabel und reicht von einem leichten, grippeähnlichen Krankheitsbild bis zu einer schweren Sepsis.
Im Rahmen einer Sepsis können Endokarditis, disseminierte intravasale Gerinnung (DIC), eine Purpura fulminans und Meningitis als mögliche weitere Komplikationen auftreten.[2][3][4]
Diagnostik
- Anzucht der Erreger (Wundabstrich, Blutkultur)
- PCR-Assays
- Nachweis im Blutausstrich wegweisend
Therapie
Bisswunden von Hunden müssen schnell und sorgfältig gereinigt werden. Bestehende Hautwunden, die von Hunden abgeleckt werden, sollte man umgehend mit einem geeigneten Desinfektionsmittel behandeln. Bei tiefen Wunden oder älteren, unbehandelten Wunden ist eine Behandlung mit Antibiotika notwendig.[3][4]
Da die Resistenztestung aufgrund des langsamen Erregerwachstums erschwert ist, wird in der Regel eine kalkulierte Antibiotikatherapie durchgeführt, mit der spätestens 8–12 Stunden nach der Bissverletzung begonnen werden sollte.[4] Als antibiotische Therapie der ersten Wahl gilt Amoxicillin/Clavulansäure oder Ampicillin/Sulbactam. Bei Kontraindikationen gegen diese Wirkstoffe können alternativ Cephalosporine, Clindamycin, Makrolide oder Tetrazykline eingesetzt werden. Resistenzen sind für Aminoglykoside, Vancocin und Cotrimoxazol beschrieben.[3][4]
Letalität
Die Letalität wird in der Literatur zwischen 23 und 31 % angegeben.[2][3][4]
Quellen
- ↑ Lübbert C. Capnocytophaga canimorsus: Ein gefährliches Bakterium nach Tierbissen. Dtsch Med Wochenschr 2026; 151(08): 399-401
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Mader N et al. Being Licked by a Dog Can Be Fatal: Capnocytophaga canimorsus Sepsis with Purpura Fulminans in an Immunocompetent Man. Eur J Case Rep Intern Med. 2019
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 Strässlera C, Haller A. Capnocytophaga-canimorsus-Infektion nach Hundebiss. Schweiz Med Forum 2004; 4: 692–693
- ↑ 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 Fallbericht: Infektion mit Capnocytophaga canimorsus nach einem Hundebiss. Hohes Infektionsrisiko bei Bissverletzungen erfordert besondere Maßnahmen. RKI Epidemiologisches Bulletin 2006; 24: 186-187, abgerufen am 04.04.2026
Weblinks
- DocCheck News: Sepsis durch Capnocytophaga canimorsus, abgerufen am 24.7.2024